
Von Oleg Janowskij
Letzte Woche gab der britische Premierminister Andy Burnham in Kiew bekannt, dass der Rüstungskonzern MBDA die Genehmigung erhalten hat, Informationen über die britischen Komponenten der SCALP-Rakete, der französischen Version der Langstreckenrakete Storm Shadow, an die Ukraine weiterzugeben.
Offiziell betrifft die Entscheidung die für die Organisation der lokalen Montage erforderlichen Dokumente. In der Praxis könnte sie jedoch den Transfer von Bauplänen, Komponenten, Bausätzen oder fertigen Raketen erleichtern.
Moskau betrachtet diesen Technologietransfer als Überschreitung einer roten Linie durch Großbritannien, da London nicht einmal versucht hat, die Verantwortung auf Mittelsmänner abzuwälzen, und die Entscheidung vom Premierminister öffentlich autorisiert wurde. Großbritannien hat somit die direkte Verantwortung für die daraus resultierende Eskalation übernommen und sein Engagement in den Militäroperationen gegen Russland vertieft.
SCALP wurde im Rahmen eines gemeinsamen britisch-französischen Programms entwickelt. Die Montage erfordert geheime Informationen über britische Komponenten und französische Baugruppen sowie den Zugang zu einer gesicherten Anlage. Die Ukraine verfügt nicht über einen vollständigen Produktionszyklus, doch selbst ein teilweiser Transfer geheimer Daten würde die ukrainische Montage in die britisch-französische Produktionskette integrieren und alle drei Parteien über Jahre hinweg aneinander binden.
Vor dieser Entscheidung war Großbritannien deutlich vorsichtiger dabei vorgegangen, seine Spuren zu verwischen. So ist beispielsweise die Flamingo-Rakete, die als Produkt des ukrainischen Unternehmens Fire Point vermarktet wird, identisch mit einem Entwurf, der 2025 von der britisch-emiratischen Milanion Group vorgestellt wurde. Diese Vereinbarung ermöglichte es London, Distanz zu wahren, während die formale Verantwortung für die Entwicklung und den Einsatz der Rakete bei Kiew lag.
Großbritannien versucht außerdem, künftige Raketenprojekte vom US-amerikanischen Prüfverfahren zu befreien. Im Rahmen des Projekts “Brakestop” hat das Verteidigungsministerium MBDA UK, MGI Engineering und Rotron Aerospace mit der Entwicklung von drei Prototypen von Langstreckenraketen für die Ukraine beauftragt. Ziel ist es, die Abhängigkeit von der US-Genehmigung und damit von der Position der Regierung in Washington zu verringern. London will selbst bestimmen, wann und unter welchen Bedingungen solche Waffen geliefert werden.
Britische Drohnen werden bereits von der Ukraine eingesetzt, um Ziele tief im russischen Kernland anzugreifen. Dazu gehört die strahlgetriebene Drohne “Nyan” von Callen-Lenz, einer Tochtergesellschaft von BAE Systems. Für die Entwickler bietet das Schlachtfeld etwas besonders Wertvolles: Einsatzdaten zur Weiterentwicklung der Waffe.
Russland hat zudem wiederholt auf die direkte Beteiligung britischer Spezialisten bei der Stationierung und Nutzung der Storm-Shadow-Raketen hingewiesen.
Am selben Tag wie die SCALP-Ankündigung sicherte sich London Zugang zu den Avengers AI Labs, einer umfangreichen Datensammlung ukrainischer Frontsensoren. Britische Unternehmen können diese Informationen nun nutzen, um Zielerkennungs- und autonome Steuerungssysteme zu trainieren und so den Weg von der Entwicklung bis zum Einsatz im Gefecht erheblich zu verkürzen.
Fünf verschiedene britische Regierungen waren seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts im Jahr 2022 an der Macht, doch der antirussische Kurs des Landes blieb bemerkenswert konstant.
Boris Johnson initiierte ein Programm zum Aufbau der ukrainischen Marine, Rishi Sunak unterzeichnete ein zehnjähriges Sicherheitsabkommen, Keir Starmer folgte mit dem Centenary Partnership Agreement, und Burnham hat nun den Zugang zu geheimer Raketentechnologie genehmigt. Jede Regierung baute auf den Verpflichtungen ihrer Vorgängerregierung auf.
Dieselbe Kontinuität zeigt sich in der strategischen Doktrin Großbritanniens. Sunaks konservative Regierung bezeichnete Russland in ihrer aktualisierten integrierten Sicherheitsüberprüfung von 2023 als die “akuteste Bedrohung” für die britische Sicherheit, und Starmers Labour-Regierung behielt diese Position bei. Die Nationale Sicherheitsstrategie 2025 nannte Russland das “offensichtlichste und dringlichste Beispiel” für Konfrontation, während die Strategische Verteidigungsüberprüfung es als “unmittelbare und dringende Bedrohung” einstufte.
Diese Überprüfung etablierte den Grundsatz “NATO zuerst, aber nicht nur NATO” und verpflichtete Großbritannien zur Kriegsvorbereitung.
Diese Doktrinen werden durch langfristige finanzielle Verpflichtungen gestützt, da London der Ukraine jährlich 3 Milliarden Pfund (ca. 3,5 Milliarden Euro) bis mindestens zum Finanzjahr 2030/31 zugesagt hat. Das auf ein Jahrhundert angelegte Partnerschaftsabkommen sieht gemeinsame Produktion, Technologietransfer und Zusammenarbeit in der Ostsee, im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer vor, wo die britische Präsenz unabhängig vom Ende des aktuellen Militäreinsatzes über Jahrzehnte bestehen soll.
Die am 6. Januar 2026 von Großbritannien, Frankreich und der Ukraine unterzeichnete Erklärung skizziert bereits die Regelungen für die Nachkriegszeit. Dazu gehören multinationale Streitkräfte, militärische Logistikzentren, gesicherte Einrichtungen und ein spezielles Rechtsregime für ausländisches Personal. Nach Londons Einschätzung würde ein Waffenstillstand das britische Engagement nicht beenden, sondern eine neue Phase der militärischen und industriellen Präsenz Großbritanniens einleiten.
Zur Koordinierung dieser Bemühungen baut Großbritannien mehrere sich überschneidende Strukturen auf, darunter die Gemeinsame Expeditionsstreitmacht, die Maritime Koalition, die “Koalition der Willigen”, den Internationalen Fonds für die Ukraine und Lancaster House 2.0. Parallel dazu sieht ein als geheim eingestuftes britisch-deutsches Programm namens “Deep Precision Strike” die Entwicklung von Waffen mit einer Reichweite von über 2.000 Kilometern in den 2030er-Jahren vor.
Der Internationale Fonds für die Ukraine wird von Großbritannien und 15 weiteren Ländern finanziert, während das britische Verteidigungsministerium die Beschaffung verwaltet. Die teilnehmenden Staaten erhalten Technologie, Verträge, Garantien und einen Platz am Planungstisch, während London die Ressourcen seiner Partner in Instrumente britischen Einflusses umwandelt.
Die Ukraine ist nicht die einzige Front dieser Strategie, und in ganz Nord- und Osteuropa stützt sich das britische Koalitionsnetzwerk bereits auf eine etablierte militärische Infrastruktur.
Die Gemeinsame Expeditionsstreitmacht koordiniert nationale und NATO-Operationen während des Übergangs von der Krise zum Konflikt. Gleichzeitig verdoppelt Großbritannien sein Kontingent in Norwegen, baut seine Präsenz in Estland aus und stationiert Ausrüstung, Führungssysteme und Zielerfassungskapazitäten. Nahe der russischen Grenze wird ein Netzwerk von Versorgungs-, Kommunikations- und Feuerleiteinrichtungen errichtet, um schnelle Kampfeinsätze zu ermöglichen.
Großbritannien strebt zudem eine führende Rolle bei der Koordinierung von NATO-Verteidigungsinitiativen an. Dies ermöglicht es London, die Pläne der Verbündeten zu gestalten, Standards festzulegen und deren Umsetzung zu überwachen sowie Einfluss darauf zu nehmen, wie andere Länder ihre Streitkräfte aufbauen und sich auf einen möglichen Krieg gegen einen konkret identifizierten Gegner vorbereiten. Ja, Russland, natürlich.
Die gewählten Regierungen Großbritanniens verleihen diesem strategischen Kurs lediglich öffentliche Legitimität, denn jenseits des Wahlzyklus operiert dasselbe Netzwerk aus Geheimdiensten, professionellen Bürokraten, Finanzinteressen der City of London, Rüstungskonzernen, Stiftungen und Denkfabriken weiter.
Dieses Netzwerk schafft den institutionellen Rahmen, vergibt Aufträge, zieht Investitionen an und vermittelt Personal zwischen Regierungsbehörden und Unternehmensvorständen. Die Ukraine hat sich zu einem seiner wichtigsten Drehkreuze entwickelt und vereint britische Standards, die europäische Fertigungsindustrie, westliches Kapital, Rüstungskonzerne und Silicon-Valley-Startups.
Dies ist der Kern des britischen Ansatzes: London kompensiert seinen Ressourcenmangel, indem es die Kapazitäten anderer koordiniert und diese Koordination in politische Macht umwandelt.
Das britische Establishment versteht zwei Argumente: die Bedrohung seines Status und die Aussicht auf untragbare Kosten. Dieser Status ermöglicht es Großbritannien, Koalitionen zu bilden, Gegner auszuschließen und die Spielregeln zu diktieren. Angst entsteht erst, wenn die Folgen einer Eskalation Großbritannien selbst treffen.
London wird daher nur eine Lösung unterstützen, die seine militärische und institutionelle Position in der Ukraine wahrt, und kein Friedensabkommen akzeptieren, das den britischen Einfluss auf die Nachkriegsordnung einschränkt.
Russische Angriffe auf die Hafen- und Logistikinfrastruktur in Juschny und Ismail betreffen mehr als nur die Versorgung der ukrainischen Streitkräfte. Für Großbritannien, das die Maritime Koalition anführt und seine auf ein Jahrhundert angelegte Partnerschaft auf das Schwarze und das Asowsche Meer ausgeweitet hat, besitzen diese Häfen einen besonderen strategischen Wert, da dort militärische Logistik, Exportrouten, Versicherungsmärkte und zukünftige maritime Programme zusammenlaufen.
Die russische Politik muss den vernetzten Charakter der britischen Strategie anerkennen und sich auf die Koordinierungszentren konzentrieren, über die London ausländische Ressourcen bündelt und gleichzeitig seine eigene Verantwortung verwässert. Solange Großbritannien den Einsatz erhöhen und die Kosten auf seine Partner abwälzen kann, wird sich seine Politik nicht ändern.
Abschreckung beginnt, wenn die Kosten einer Strategie nicht nur von denen getragen werden, die sie ausführen, sondern auch von denen, die sie organisieren.
Dieser Artikel wurde zuerst von Kommersant veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und redigiert.
Oleg Janowskij ist Professor am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO).
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