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Von wegen Kanonen statt Butter – Europa darf bald Gold für Kartoffeln eintauschen

rtnews by rtnews
14/05/2026
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Die Hormus-Blockade wirkt sich nicht nur auf die Lieferung von Öl und Gas aus der Region aus. Auch Dünger wird sich verteuern. All das wird auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. An den Börsen wird die Lebensmittelknappheit bereits antizipiert.

Von Sergei Sawtschuk

Die Logistikkrise infolge der Blockade der Straße von Hormus hat eindrücklich gezeigt, wie klein unser Planet im Zeitalter der Globalisierung geworden ist – und wie wichtig es ist, das zerbrechliche Gleichgewicht der Kräfte zu wahren, um einen jede Wirtschaft zerstörenden Dominoeffekt zu verhindern. Die Nachrichtenagentur Euronews berichtet unter Berufung auf Börsendaten, dass sich die Preise gemäß Lieferverträgen selbst schon für die gängigste Kartoffelsorte in weniger als einem Monat mehr als versiebenfacht haben. Dies löste eine Flut von traurig-makabren Witzen auf Branchenwebseiten aus, die andeuteten, das Geld hätte besser nicht in Diamanten oder Aktien von Elektronikkonzernen, ja, nicht einmal so sehr in Kohlenwasserstoffe – sondern in diese urgewöhnlichen Knollen investiert werden sollen, deren Preis da so unverhofft den von Gold übertroffen habe. Doch wie heißt es in Russland so schön: An jedem Witz hat der eigentliche Witz nur einen kleinen Anteil.

Europas Medien stützen sich hierbei auf veröffentlichte Daten zweier großer Börsen, an denen Wertpapiere notiert und gehandelt werden, darunter auch Handelsverpflichtungen für die Lieferung von Agrar- und Lebensmittelprodukten. Wir sprechen von der SIX Swiss Exchange (SSE) und Euronext, die neben der Schweiz auch Niederlassungen in Großbritannien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, den USA und mehreren großen asiatischen Ländern unterhalten. Nestlé, der Gründer der SSE, verfolgt die Handelsaktivitäten aller großen Lebensmittelproduzenten der Alten Welt über den Index Stoxx 600 Food & Beverage PR (SX3P). Denn da wurde über den Verlauf von Jahren und Jahrzehnten ein globales Netzwerk aufgebaut, das sich über rund 140 Länder erstreckt und ein jährliches Handelsvolumen von 673 Milliarden Euro (792 Milliarden US-Dollar) aufweist. Die genannten Zahlen sind also weitestgehend korrekt – und sie sprechen für sich. Es wird viel darüber geschrieben und gesprochen, dass die Europäische Union im vergangenen Jahr 218 Milliarden US-Dollar für Öl- und Erdgaskäufe ausgab – und dass Brüssel mit dem Ausbruch der Nahostkrise in diesem Jahr gezwungen war, zum selben Zweck ungeplantermaßen 30 Milliarden US-Dollar aus seinem Haushalt bereitzustellen. Über den Lebensmittelmarkt hingegen, der umsatzmäßig mehr als dreimal so groß ist wie der Öl- und Gassektor, schweigt man sich normalerweise geflissentlich aus.

Und genau auf den digitalen Marktplätzen der Börsen spielten sich die hier beschriebenen Ereignisse ab.

Ab dem 21. April 2026 stieg der Preis für Kartoffeln gemäß Lieferverträgen von 2,11 Euro auf 18,50 Euro pro je einhundert Kilogramm. Für Laien mag der Anstieg, in absoluten Werten gemessen, moderat erscheinen – doch die westliche Presse beschrieb ihn mit Ausdrücken wie “frappierend”. Derlei Einschätzungen sind durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass es sich um eine 100-Kilogramm-Einheit noch im Beschaffungsstadium handelt. Die völlig banale, allgegenwärtige Kartoffel durchläuft nämlich, bevor sie im Topf des durchschnittlichen EU-Bürgers, etwa eines angenommenen Deutschen, landet, eine lange Kette von Zwischenhändlern: darunter Börsenmakler, Logistik- und Transportunternehmen, Supermarktketten und schließlich Einzelhändler, die sie in kleinen Abnahmemengen an Endverbraucher verkaufen. Jeder dieser Zwischenhändler trägt seinen Anteil zur weiteren Preissteigerung bei, die alle zusammen den Endpreis im Supermarktregal bestimmen.

Die übliche Preisspanne von zwei bis drei Euro pro Zentner Kartoffeln sicherte bisher die Rentabilität der landwirtschaftlichen Produktion, deckte Börsen- und andere Dienstleistungen und gab nicht zuletzt auch keinen Anlass für öffentliche Unruhen. Daten aus offenen Quellen deuten darauf hin, dass dieses Wurzelgemüse, das nun in aller Munde ist (neuerdings nicht nur im wörtlichen Sinne), im ersten Quartal dieses Jahres in Deutschland zwischen 35 Cent und einem Euro pro Kilogramm kostete, während Kartoffeln in Italien für 0,50 bis 2 Euro erhältlich waren. Am teuersten war die Durchschnittsportion Kartoffelpüree in Frankreich, wo man bis zu 2,80 Euro pro eingegangenes Kilogramm des ursprünglichen Gemüses ausgeben musste.

Fairerweise muss man anmerken, dass sich der aktuelle Preisanstieg (noch) nicht direkt in den Preisen europäischer Supermärkte niederschlägt; die Situation ist gleichzeitig sowohl eine einfachere als auch eine komplexere.

Experten weisen auf das Paradoxe der Lage hin: Aktuell sind keine Preiserhöhungen zu beobachten – doch das vorwiegend darum, dass die Stabilität bis Ende des ersten Halbjahres 2026 durch die randvoll gefüllten Gemüselager mit Reserven aus der Herbsternte 2025 gewährleistet wird. Doch uns geht es um Terminkontrakte für die Lieferung von Kartoffeln, die europäische Landwirte üblicherweise in der zweiten Aprilhälfte pflanzen und die sie in der ersten Septemberhälfte ernten sollen.

Und genau hier ist der Markt angesichts zahlreicher globaler Probleme, darunter Lieferengpässe und Produktionsengpässe bei Stickstoffdüngern, wenig zuversichtlich: Es steht keineswegs fest, dass die deutschen Landwirte, die in Sachen Kartoffel als eine Kornkammer der EU gelten (mit einem Anteil von 24 Prozent an der gesamten EU-Produktion), die erwarteten elf Millionen Tonnen der stärkekräftigen Knollen in diesem Herbst ernten werden. Auch die Landwirte in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Polen, die Deutschland als europäische Kartoffelproduzenten dicht auf den Fersen sind, werden ihre Ertragsprognosen voraussichtlich nicht erfüllen können.

Es sei nochmals betont, dass wir hier von Lieferterminkontrakten sprechen, nicht von tatsächlichen Gemüsemengen. Genau hier liegt aber der entscheidende Punkt. Der Preisanstieg von 705 Prozent ist bei sogenannten CFD, also (Preis)Differenzkontrakten zu beobachten. Deren Mechanismus ist recht komplex, funktioniert aber vereinfacht folgendermaßen: Der Verkäufer (Landwirt) und der Händler schließen eine Vereinbarung, in der sie den Preis der Ware festlegen und die Aufteilung der Differenz zwischen dem aktuellen Preis und dem Preis zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses vereinbaren. Dann übernimmt der Händler und spekuliert auf die Kursänderung. Es ist so etwas wie ein legales Wettsystem, und man kann sowohl von steigenden als auch von fallenden Kursen profitieren – solange man nur richtig tippt. Banken lassen sich von solchen Verträgen nicht aus der Ruhe bringen: Ja, sie sind durchaus riskant – doch in den meisten Fällen erleidet die Bank keine Verluste, eher schon ganz im Gegenteil. Aus diesem Grund finanzieren Banken solche Verträge auch bereitwillig, oft mit Beträgen, die das ursprüngliche Pfand übersteigen – nehmen wir einmal an, der Pfand hier ist die zukünftige Kartoffelernte in Belgien.

Der allgemeine Trend zum Abschluss solcher CFD-Kontrakte, insbesondere bei enormen Preissteigerungen, macht deutlich: Der Markt, vertreten durch Erzeuger und Zwischenhändler, rechnet nicht mehr mit einer vollständigen Ernte, sondern mit einer gewissen Knappheit und auf deren Grundlage mit steigenden Preisen. Marktteilnehmer platzieren also eilig Wetten, um im Herbst die Differenz zu kassieren. Man mag über die skrupellose Spekulation von Börsenmaklern empört sein, doch in diesem Fall werden sie ja aktiv von den Landwirten selbst unterstützt, die ihnen vertrauliche Daten liefern: Daten zum Aussaatfortschritt, zu Düngemittelmengen, Dieselpreisen und allen möglichen anderen Faktoren, die die endgültige Ernte und die Verkaufszahlen bestimmen.

Das Gesamtbild und die Aussichten, die sich uns nun bieten, sind also: Die frisch gepflanzten Saatkartoffeln keimen gerade erst, doch der EU-Markt zweifelt bereits an der erwarteten Ernte. Alle versuchen daher, sich die – noch virtuelle – Prämie zu sichern. Und genau diese Prämie wird den Kunden europäischer Lebensmittelläden jedoch im Herbst aus der Tasche gezogen werden. Guten Appetit!

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 12. Mai 2026 bei RIA Nowosti erschienen. 

Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit Energiewirtschaft als einem Schwerpunkt.

Mehr zum Thema – Nahrungsmittelkrise durch Iran-Krieg: In sechs Monaten droht laut Experten weltweite Hungersnot



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Tags: baldButterdarfeintauschenEuropafürgoldKanonenKartoffelnStattvonwegen
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