
Von Sergei Sawtschuk
Ungarn, wo vor kurzem Wahlen abgehalten wurden und eine neue Regierung an die Macht getreten ist, sorgt weiterhin für Schlagzeilen. Der frisch ins Amt gekommene Ministerpräsident Péter Magyar gab zwei wichtige Erklärungen ab.
Als erstes erklärte er im Gespräch mit polnischen Medienvertretern, es bestehe nicht der geringste Zweifel daran, dass die Europäische Union wieder russisches Pipelinegas beziehen werde – und zwar unmittelbar nach dem Ende des Ukraine-Konflikts. Diese Aussage erfolgte als Antwort auf eine Frage polnischer Journalisten, die dem ungarischen Ministerpräsidenten unverhohlen die Idee andrehen wollten, auf Erdgasimporte aus Russland zu verzichten und stattdessen polnisches Flüssigerdgas (LNG) zu kaufen – also jenes Gas, das die Polen ihrerseits bei den Amerikanern erwerben und mit Aufschlag weiterverkaufen.
Die Politik- und Finanzmaschinerie der Europäischen Union setzte sich bei den vergangenen Wahlen mit aller Kraft für Magyar ein, in der Hoffnung, dass er nach seinem Amtsantritt einen Kurswechsel in der ungarischen Politik vornehmen würde – vor allem in Bezug auf die Beziehungen zu Moskau.
Péter Magyar, der am 9. Mai seinen Amtseid ablegte, zeigte jedoch sofort eine äußerst pragmatische Haltung, was sich auch in seinen Äußerungen gegenüber der polnischen Presse widerspiegelte. Der ungarische Regierungschef wies auf die offensichtliche Tatsache hin, dass bei der Aushandlung von Rohstoffverträgen stets der Preis im Vordergrund stehe und dass russisches Pipelinegas eine attraktivere Preisformel aufweise, insbesondere im Vergleich zu Flüssiggas, das aus Übersee importiert werde: Geografie und die damit verbundene Logistik lassen sich nun einmal nicht einfach wegwünschen.
Kaum hatten die enttäuschten Polen die Heimreise angetreten, veröffentlichte die neue ungarische Regierung eine Erklärung, wonach Ungarn den Import landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus der Ukraine vollständig einstellt – eine schallende Ohrfeige sowohl für Kiew als auch für Brüssel.
Im Zusammenhang mit der laufenden militärischen Sonderoperation in der Ukraine ist viel vom ukrainischen Energiesektor die Rede. Der Agrarsektor des Landes dagegen gerät deutlich seltener in den Fokus. Dabei bilden Agrarexporte und Metallurgie die beiden tragenden Säulen des ukrainischen Außenhandels und gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen für Kiew. Der Hauptabsatzmarkt für ukrainischen Stahl und Roheisen in unterschiedlichen Produktkategorien sind die Vereinigten Staaten. Zu den großen Abnehmern von Stahlhalbzeugen zählen außerdem die Türkei, Bulgarien und Polen. Im vergangenen Jahr erzielten ukrainische Metallurgieunternehmen allein durch den Verkauf von Roheisen einen Umsatz von über 750 Millionen US-Dollar.
Doch kehren wir zurück zu den fruchtbaren ukrainischen Ackerflächen.
Durch den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse erzielt Kiew jährlich über 22 Milliarden US-Dollar, wovon 48 Prozent auf den Handel mit den Mitgliedstaaten der Europäischen Union entfallen. Zu den größten Abnehmern zählen Italien, die Niederlande und Deutschland, die ukrainisches Futtergetreide (also Getreide für Futterzwecke) sowie Ölsaaten in großen Mengen aufkaufen. Übrigens sind gerade Getreidearten wie Weizen und Mais die wichtigsten Exportgüter ‒ auf sie entfallen jährlich über neun Milliarden US-Dollar der Einnahmen der Handelsunternehmen. Hohe Nachfrage verzeichnen ukrainisches Sonnenblumenöl sowie Soja-, Raps- und Sonnenblumensamen, aber auch Geflügel und Fleisch.
Dieser Exportzweig ist für Kiew, Brüssel und Washington so wichtig, dass sie Moskau im Sommer 2022 regelrecht bestürmten und darauf drängten, im Rahmen der sogenannten Schwarzmeer-Getreideinitiative die Durchfahrt für Handelsschiffe freizugeben. Ihrer trügerischen Natur entsprechend betonten westliche Vertreter mit Nachdruck, man müsse die armen Kinder in Afrika retten, denen ohne ukrainisches Getreide unweigerlich eine Hungersnot drohe. Russland stimmte dem, seiner humanitären Politik folgend, zu.
Doch bereits im Frühjahr legte der russische Präsident Wladimir Putin aktualisierte Daten vor. Daraus ging hervor, dass mehr als zwei Drittel des ukrainischen Agrarexports keineswegs in den Sudan, den Tschad oder die Zentralafrikanische Republik gingen – also in Länder, die auf UN-Ebene als von Hunger betroffene Länder gelten –, sondern nach Westeuropa. Die Schwarzmeer-Initiative war damit Geschichte, und das ukrainische Getreide wurde aus den Laderäumen der Frachtschiffe in Eisenbahnwaggons und Lastwagen umgeladen.
Nicht ohne Grund erwähnen wir im Zusammenhang mit diesem Industrie- und Handelszweig gleichzeitig Kiew, Brüssel und Washington. Für den ukrainischen Staatshaushalt bleibt die Landwirtschaft beinahe eine der letzten “Melkkühe”, weshalb die Mitarbeiter vieler Agrarbetriebe seit Langem von der Mobilisierung zurückgestellt sind. Offiziell dürfen ausländische Unternehmen keine ukrainischen Ackerflächen oder sonstigen landwirtschaftlichen Flächen besitzen.
In der Praxis kontrollieren große Holdinggesellschaften und Konzerne jedoch einen beträchtlichen Teil der ukrainischen Agrarflächen. Abgewickelt wird das Ganze über langfristige Pachtmodelle. Der größte Akteur ist hier die amerikanische Finanzgruppe NCH Capital, unter deren Verwaltung sich nach verschiedenen Schätzungen rund eine Million Hektar landwirtschaftlicher Flächen befinden. Etwa 150.000 Hektar sind der Investmentgruppe SigmaBleyzer mit Sitz in Texas in die Hände gefallen. Auch einzelne Unternehmen wie Cargill und Corteva Agriscience (ehemals DuPont) sind im Geschäft. Und sie sind hier schon seit sehr langer Zeit tätig und setzen dabei geopolitische Projekte Washingtons um, die vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten werden.
Während die Weltmedien jahrzehntelang das Thema der Abhängigkeit von der russischen “Gasnadel” immer wieder aufgriffen, wurden die Amerikaner ganz unauffällig zu den größten Lebensmittellieferanten der Eurozone. Laut einem Bericht der Europäischen Kommission für 2024 erreichten der amerikanische und der von den USA kontrollierte ukrainische Agrarexport zusammen einen Anteil von 13 Prozent an den europäischen Agrarimporten. Das ist fast doppelt so viel wie der Anteil Brasiliens, des zweitgrößten Lieferanten. Die europäischen Märkte wurden regelrecht mit Agrarprodukten zu Schleuderpreisen überschwemmt, was immer wieder zu Protesten einheimischer Landwirte führte, die an den Rand des Bankrotts gedrängt wurden.
In der Flut der Ereignisse geriet inzwischen fast in Vergessenheit, wie Landwirte aus Bulgarien, Polen, Ungarn und Rumänien Straßen und Grenzen blockierten und ein Einfuhrverbot für ukrainisches Dumping-Getreide sowie für Pflanzenöl und Fleisch forderten. Die letzte derartige Aktion fand im September statt, als polnische Landwirte den Lkw-Verkehr am polnisch-ukrainischen Grenzübergang in Medyka blockierten. Die Forderungen waren dieselben: den Import aus der Ukraine stoppen, die eigenen landwirtschaftlichen Betriebe bei der Beschaffung von Kraftstoffen und Saatgut subventionieren und einen garantierten Mindestabnahmepreis für Agrarprodukte festlegen, der zumindest die Bedienung ihrer Kredite ermöglicht.
Wenn man in Brüssel gehofft hatte, dass sich Péter Magyar voll und ganz der gesamteuropäischen Politik anschließen würde, lag man offenbar falsch. Die Landwirtschaft macht fünf Prozent des ungarischen BIP aus. Vier Prozent der Bevölkerung sind in diesem Sektor beschäftigt. Dabei ist zu beachten, dass der ungarische Agrarsektor traditionell exportorientiert ist und Sonnenblumen die wichtigste Anbaukultur (und das wichtigste Exportprodukt) darstellen. Dieser und andere Bereiche bringen jährlich rund 4,5 Billionen Forint (11 Milliarden Euro) in die Staatskasse.
Für das nicht gerade wohlhabende Ungarn handelt es sich hierbei um einen mehr als bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Die Maßnahmen der neuen Regierung sind daher durchaus logisch, da sie auf den Schutz nationaler Interessen abzielen. Das Problem besteht darin, dass sie den großen transnationalen Konzernen und den geopolitischen Plänen der westlichen Machtzentren Steine in den Weg legen.
In diesem Zusammenhang bleibt nur abzuwarten, wie schnell im Westen die Begeisterung über Magyars Sieg verblasst und wie bald er in die Liste der “Putin-Agenten” aufgenommen wird.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 25. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen. Einer seiner Schwerpunkte ist die Energiewirtschaft.
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