
Von Alexander Nossowitsch
Selenskij und allerlei regierungsnahe westliche Analysten beginnen, die vom Westen an Moskau gerichteten “exotischen Vorschläge”, die Russlands Präsident Wladimir Putin kürzlich erwähnte, öffentlich zu konkretisieren. Eine neue Idee sieht die Einrichtung einer Pufferzone zwischen russischen und ukrainischen Truppen in den umstrittenen Gebieten vor, die mit Friedenstruppen besetzt werden soll. Offenbar werden europäische Politiker diesen Gedanken in den kommenden Monaten vorantreiben und aufpumpen. Möglicherweise werden sie unserem Land sogar erhebliche Zugeständnisse unterbreiten, um diese Idee an den Kreml zu vermarkten. Schließlich würde die Umsetzung dieses Plans ihnen ermöglichen, ihr Hauptziel wenigstens provisorisch zu erreichen: den Erhalt des antirussischen Regimes in Kiew.
Nach Putins Äußerungen vom Samstag über neue, “zuweilen exotische Vorschläge” bezüglich der Ukraine beschloss also der Westen nun, dass, sollte man nicht selbst mit der Diskussion dieser Vorschläge beginnen, Putin diese mit Nachdruck anstoßen würde. Daher verkündete Wladimir Selenskij, dass er zusammen mit den USA und Europa momentan die Einrichtung einer neutralen Zone entlang der Konfliktlinie – einer von einer Drittpartei verwalteten “Freiwirtschaftlichen Pufferzone” – erörtern. Diese dritte Partei solle durch ihre Präsenz genau jene Sicherheitsgarantien bieten, die sowohl Russland als auch die Ukraine für sich selbst einfordern. Und die beiden Letzteren führen jeweils einen gegenseitigen Truppenabzug tief in ihr eigenes Territorium durch.
Es ist nicht schwer zu erraten, wer diese dritte Partei ist: Es gibt derzeit nur einen Akteur auf der Welt, für den eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts eine Frage des politischen Ansehens ist – die US-Regierung Trump. Das bedeutet im Klartext: US-amerikanische Friedenstruppen entlang der russisch-ukrainischen Grenze (der angesichts der “Realität vor Ort” relevanten Grenze, natürlich) – vielleicht sogar zusammen mit der “Koalition der Willigen”.
Was für eine wundervolle Idee! Ihre Umsetzung bedeutet nämlich die Rückkehr der Vereinigten Staaten sowohl zum Ukraine-Projekt als auch zu Europa, an dem die US-Amerikaner zunehmend das Interesse verlieren, da sie es als hoffnungslose Region betrachten. Daher werden die Europäer diese Idee nun aktiv auch dem Weißen Haus verkaufen.
Kein Zufall also, dass Selenskij in seiner Rede nicht nur von einer bloßen “Pufferzone” im militärischen Sinne spricht – sondern gerade auch von einer “freien wirtschaftlichen Pufferzone”. Obwohl man sich natürlich fragen mag, was Wirtschaft damit überhaupt zu tun hat, kommt man nach kurzem Überlegen unschwer darauf: Das ist ein Köder für Trump persönlich. Der Herr des Weißen Hauses soll von der Aussicht auf lukrativen Gewinn durch die Kontrolle umstrittener Gebiete verlockt werden. Und das von US-Truppen besetzte Landesgebiet könnte dann sogar einen attraktiveren, richtig todschicken Namen tragen: Trump-Pufferzone oder gar Trumplandia.
Die Frage, ob man dem Kreml die Idee eines NATO-Truppeneinsatzes an der russischen Grenze “verkaufen” kann, ist rhetorisch: Die Militäroperation in der Ukraine wurde doch offiziell mit dem Ziel gestartet, dass es keine NATO-Truppen an der russisch-ukrainischen Grenze gibt. Würde Selenskij als Einziger solche Vorschläge machen, könnte und würde man sie einfach getrost ignorieren. Für Selenskij selbst wiederum ist eine endlose Verlängerung des Krieges eine Frage des politischen und physischen Überlebens – weshalb all seine “Friedensinitiativen” nur einem Ziel dienen: sie dem Kreml zu unterbreiten, damit der Kreml ihn damit in die Pilze schickt.
Westliche Analysten haben jedoch ebenfalls gerade erst ihre jüngste intellektuelle Lähmung überwunden, die auf das Scheitern des gemeinsamen westlich-ukrainischen Frühjahr/Sommer-Plans folgte, die innere Stabilität Russlands mit einer umfassenden Drohnenoffensive gegen dessen tiefes Hinterland und die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung durch Angriffe auf Ölraffinerien und zivile Lagerhäuser zu untergraben. So entstehen auch dort neuerdings zunehmend Ideen, die denen Selenskijs ähneln.
Sowohl die Ukraine als auch Russland orientieren sich jeweils an ihren eigenen Sicherheitsinteressen. Daher sind in der Tat unter anderem ein gegenseitiger Truppenabzug und eine mehrere hundert Kilometer östlich und westlich der Grenze verlaufende entmilitarisierte Zone notwendig – und entlang dieser Trennlinie werden Drittländer mit ihrer Militärpräsenz als Sicherheitsgaranten fungieren.
Das Kalkül dahinter ist weitaus feiner als das des provinziellen Dorftrottels Selenskij: Westliche Länder (vor allem westeuropäische) scheinen bereit, ein ernsthaftes Risiko einzugehen – und ihren Einsatz beträchtlich zu erhöhen, bei dem nicht einmal die Rückkehr der USA in den Konflikt ihr Hauptziel ist. Es geht hier nicht mehr einfach nur um ein bedingungsloses Einfrieren der Frontlinie. Vielmehr geht es um ernsthafte Verhandlungen und einen Aushandlungsprozess mit Russland, in dem die Verbündeten Kiews bereit sein könnten, Moskau im Interesse langfristiger strategischer Vorteile erhebliche Zugeständnisse zu machen.
Ausgehend von einer zunächst maximalistischen Ausgangsposition wird es ihnen dann möglich sein, ihre Forderungen schrittweise zu reduzieren: Alle befreiten Gebiete unter Russlands Kontrolle zu belassen, während die Pufferzone in den von Kiew kontrollierten Gebieten geschaffen wird; Russlands Forderung einzugehen, die Größe der ukrainischen Streitkräfte zu begrenzen; Streitkräfte neutraler Länder des Globalen Südens als Friedenstruppen anstelle der US-Amerikaner anzubieten. Man kann da schon durchaus große Anstrengungen unternehmen, um das Hauptziel zu erreichen: die Ukraine als antirussisches Projekt und ein antirussisches Regime in Kiew zu erhalten. Dann, wohlgemerkt, bereits ohne Selenskij.
Wenn der Westen an dieser Basis erfolgreich festhalten kann, kann er sich dann auch der Wiederinstandsetzung des Überbaus widmen: Russlands neue Grenzen nicht anerkennen; parallel dazu in der Ukraine neben den nunmehr kleinen ukrainischen Streitkräften auch Milizen nach einer Art der Kosaken-Setsch aufstellen und diese dann mit NATO-Waffen vollpumpen; Länder des Globalen Südens einschüchtern, bestechen und jedenfalls zwingen, ihre Neutralität aufzugeben. Wenn die Karten neu gemischt sind, kann der Westen versuchen, den Status quo umfassend militärisch zu revidieren – all das ist möglich und alles ist drin, solange nur die Realität einer Rumpf-Ukraine als Anti-Russland erhalten bleibt.
Wie sollte Moskau – wie sollte Russland – auf diese neuen Bemühungen zur “Friedensstiftung” reagieren? Ja, jubeln sollte es. Und stolz auf sich sein. Jede Verhandlungsinitiative des Westens ist eine Art Gütesiegel, das bestätigt, dass es für uns an der Front und im Hinterland gut läuft. Und selbst der Westen muss dies zugeben. Denn wenn man dort glaubt, dass die Dinge für Russland schlecht laufen, bietet man uns keinerlei Verhandlungen an – sondern höchstens, zu kapitulieren.
Erst letzten Monat haben sie uns ein weiteres Mal begraben und bei der Beerdigung zwei Akkordeons zerrissen und jeder hat zwei Paar Stiefel kaputtgetanzt – und jetzt kommen sie also erneut mit exotischen Vorschlägen daher. Wir sollten uns wirklich freuen – und dennoch so weitermachen wie bisher.
Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 25. August 2026.
Alexander Nossowitsch, Jahrgang 1987, ist ein russischer Politologe und Journalist. Er ist ein Spezialist für sozialpolitische Prozesse im Baltikum, in der Ukraine und in Weißrussland und Chefredakteur des analytischen Portals Rubaltic.ru.
Mehr zum Thema – Was Putin mit seinem Vorschlag einer UN-Verwaltung der Ukraine meinte







