Es war vermutlich Schicksal, das mich zu einem alten, kleinen Lebensmittelgeschäft in Donezk geführt hat. Denn diesen Laden hätte ich sonst nie besucht, doch an dem Tag trieb mich irgendeine Kraft dorthin. Vor der Ladentür lag eine hochschwangere, mehrfarbige Katze und genoss scheinbar die Sonne. Die vorbeigehenden Ladenbesucher beachtete sie nicht. Sie blickte müde vor sich hin – fast zu müde, um sich zu bewegen.
Ich hatte Katzenfutter in der Tasche – eine Gewohnheit, die ich mir in Donezk angeeignet habe, weil man dort des Öfteren auf hungrige Straßenkatzen trifft. Als ich das Aluschälchen mit dem Nassfutter vor ihr abstellte, konnte sie kaum abwarten, bis ich den Deckel entfernt hatte, und stürzte sich sofort darauf, obwohl ich mit dem zu einem Dreieck gefalteten Deckel das Futter noch umzurühren versuchte, damit sie es besser fressen konnte.
Am nächsten Tag ging ich gezielt zu dem kleinen Laden und brachte noch mehr Katzenfutter mit. Die Verkäuferin kam heraus, um zu rauchen, und wir kamen ins Gespräch. Sie wies auf den Karton vor dem Geschäft hin und sagte, diese Katze werde von vielen Menschen in der Gegend gefüttert, sie selbst füttere sie seit etwa zwei Jahren. Ich schaute mir den Karton an und verstand sofort, warum die Katze dort keine einzige Sekunde verbringen wollte. Um den Karton herum lagen viel Müll und Glasscherben von Alkoholflaschen. “Gute Menschen” hatten ihr Hähnchenknochen hingeworfen. Da Katzen so etwas nicht fressen können, hatten sich dort Würmer und Ungeziefer eingenistet. Der Platz um den Karton roch, gelinde gesagt, unangenehm. Das bezeichnete man als “Hilfe” für die Katze. Ich räumte ein wenig auf, schmiss das vergammelte Essen weg und vertrieb die Würmer.
Seitdem wurde das Füttern der schwangeren Katze vor dem Laden für mich zum festen täglichen Termin, den ich nicht versäumen wollte. Sie erkannte mich und freute sich auf mich. Jedes Mal, wenn ich mich zum Gehen wandte, miaute sie weinerlich und lief mir hinterher. Wenn ich da war, sprang sie von der Treppe zu mir herunter – das Schwänzchen fröhlich nach oben – und wollte von mir nur noch gestreichelt werden. Das Essen wurde zweitrangig. Ich musste die Tränen unterdrücken, weil ich sie am liebsten mit nach Hause genommen hätte. Doch wie erklärt man einer Katze, dass sich mein Zuhause in einem anderen Land befindet und ich noch mindestens ein halbes Jahr bräuchte, bis ich alle dafür benötigten Unterlagen beisammenhabe?
Die Katze führte mich in den Keller hinter dem Haus – vermutlich ihr Versteck für die Nacht sowie ihr Schutz vor den Straßenhunden, die bekanntlich die Todesursache Nummer eins für die Straßenkatzen in Donezk darstellen. Diesmal weinte sie ganz besonders kläglich und wollte mich gar nicht nach Hause gehen lassen – sie flehte mich an, bei ihr zu bleiben. Schweren Herzens und mit Tränen in den Augen kehrte ich ihr den Rücken und ging in meine Mietwohnung, wo ich dann endgültig in Tränen ausbrach.
Am nächsten Tag war die Katze schon so weit, die Kätzchen zu bekommen. Sie lag dort in den Scherben und im Dreck vor dem alten Lebensmittelgeschäft und miaute vor Schmerzen.
“Meine Vermieterin würde mich umbringen und mit der Katze zusammen rausschmeißen, wenn ich sie anschleppe!”, sagte ich mir, als ich die schwangere Katze, die ich inzwischen Zlatka nannte, in den Karton packte und zu mir schleppte. Zu Hause angekommen, bestand sie darauf, dass ich neben ihr sitze. Sobald ich das getan hatte, ging die Geburt auch schon los, und so habe ich drei gesunde Kätzchen empfangen. Inzwischen habe ich für alle Kätzchen Familien finden können.

Tierheime sind überfüllt
Wegen Zlatka musste ich mit den Tierheimen in Donezk ins Gespräch kommen – erst dann wurde mir klar, wie dramatisch die Lage für die Vierbeiner im Krieg ist.
Alle Tierheime sind überfüllt. Die Leiterin des Katzenheims “Koschkin Dom” (zu Deutsch “Katzenhaus”), Jewgenia Michailowa, erklärte mir am Telefon: “Wir können bei uns niemanden mehr aufnehmen, nur mit medizinischer Versorgung können wir helfen. Wir kriegen täglich bis zu 60 Anrufe!” Eine andere Katzenretterin, Irina, erklärte mir am Telefon: “Nicht selten finde ich weggeschmissene neugeborene Kätzchen in Plastiktüten in den Mülltonnen.” Das ist die Donezker Realität. In “Koschkin Dom” leben momentan insgesamt 205 Katzen – Platz hat das Heim für 160.
Jewgenia betont, Donezk stehe zwar unter Beschuss, aber das sei nicht zu vergleichen mit Kriegsgebieten wie Kurachowo oder Mariupol im Jahr 2022. Dort werden Menschen wegen verheerenden Beschusses vom Militär evakuiert. Die Katzen verschanzen sich irgendwo, und Familien müssen innerhalb weniger Sekunden eine Entscheidung treffen: Entweder werden sie sofort in Sicherheit gebracht und lassen ihr Haustier zurück, oder sie bleiben, suchen das Haustier und riskieren dabei das Leben der ganzen Familie. Oft fahren Menschen auch für einen Tag zu Freunden in eine Nachbarstadt. In dieser Zeit kommt es zu einem verheerenden Angriff der ukrainischen Armee, und die Einwohner werden gar nicht mehr in die Stadt zurückgelassen.
In beiden Fällen bleiben die Haustiere plötzlich obdachlos und ohne ihre Familien zurück. Sie aufzuspüren und zu ihren Besitzern zurückzubringen, ist eine Aufgabe, die sich die Organisation “Koschkin Dom” zu eigen gemacht hat. “Es wäre falsch, diese Menschen zu verurteilen. Diejenigen jedoch, die nicht in der Kriegszone leben und ihre Haustiere einfach so verlassen oder rausschmeißen, sind scharf zu verurteilen!”, betont Jewgenia.

“Koschkin Dom” evakuiert auch im Krieg verletzte Katzen und Hunde, kastriert und impft sie und leistet die nötige medizinische Hilfe. Dafür arbeitet die Organisation mit einer Donezker Tierklinik zusammen. Auf ihren Kanälen und ihrer Webseite sucht sie aktiv neue Familien für die gefundenen Katzen – auch in Russland. Regelmäßig bringt sie Tiere aus der Kriegszone nach Moskau, Rostow und Sankt Petersburg. Seit März 2022 konnte sie auf diese Weise über 7.000 Katzen aus dem Kriegsgebiet evakuieren und von Kaliningrad bis nach Kamtschatka und Wladiwostok vermitteln. Auch zwei von Zlatkas Kätzchen wird die Organisation im September nach Moskau zu ihrer neuen Familie bringen. Finanziert wird der Verein ausschließlich durch Spenden. Das Projekt des mobilen Veterinärs wird allerdings vom Präsidentenfonds finanziert.
Irina Sarana ist eine weitere Volontärin, die Katzen hilft. Ihr Katzenheim hat sie “Katzenseelen” genannt (“Koschatschji Duschi”). Dafür mietet sie auf eigene Kosten eine Wohnung und sammelt Spenden, um das alles zu finanzieren. Sie beherbergt inzwischen über 100 Katzen – auch sie ist längst an ihrer Kapazitätsgrenze und bittet Menschen regelmäßig um Hilfe. Da sie mit ihren Kanälen aber nur eine geringe Reichweite hat, ist ihre Situation akut. Kann sie die Wohnung nicht mehr bezahlen, werden alle 100 Katzen obdachlos.
Doch seit nunmehr fünf Jahren findet sie irgendwie die Kraft, weiterzumachen. Sie muss ein Katzenherz haben. Die örtlichen Behörden sind leider keine Hilfe, denn wie ich bereits in einem anderen Artikel (Link zu meinem Artikel über Staat im Staat) geschrieben habe, sind die Beamten in Donezk eine eigene Spezies, die mit undurchsichtigen, unlogischen und sich widersprechenden Regelungen alle anderen terrorisieren. “Ich müsste meinen Job kündigen, um mich mit den ganzen Unterlagen zu beschäftigen, die ich für die Gründung eines offiziellen Tierheims benötige.” Deshalb betreibt Irina die “Katzenseelen” vorerst als private Volontärin, ohne Verein. Auf ihrem VK-Kanal informiert Irina regelmäßig über Neuankömmlinge und ihre Situation.
Und ehrlich: Für mich sind Menschen wie Irina Sarana und Jewgenia Michailowa wahre Helden. Denn sie retten diejenigen, die den Menschen schutzlos ausgeliefert sind, die nichts für den Krieg oder die politische Situation können und die von uns oft übersehen und vergessen werden.
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