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In Frankreich bilden sich die Voraussetzungen für den Zusammenbruch der EU

rtnews by rtnews
13/09/2026
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Frankreich sei noch nie “so EU-feindlich gestimmt gewesen wie heute”, beklagen EU-Beamte und bezeichnen die Situation als “kritisch”. Warum stehen die Franzosen unter dem eindeutig brüsselfreundlichen Präsidenten Macron der Europäischen Union immer ablehnender gegenüber, und droht Frankreich womöglich ein EU‑Austritt?

Von Waleria Werbinina

Streng genommen wurde der Euroskeptizismus, also eine ablehnende Haltung gegenüber der EU und ihrer Politik, in Frankreich bereits vor einigen Jahren deutlich. Bereits im Jahr 2024 stellten Journalisten von Le Point fest, dass die Franzosen unter den Euroskeptikern an der Spitze liegen: Nur 34 Prozent der Befragten brachten der EU Vertrauen entgegen, während der Rest eine ablehnende oder neutrale Haltung einnahm. Zum Vergleich: In Dänemark äußerten sich 69 Prozent positiv, in Litauen und Portugal jeweils 68 Prozent der Befragten.

Die Umfrage des laufenden Jahres zeigte eine zunehmende Polarisierung: 38 Prozent der Befragten in Frankreich stehen der EU positiv gegenüber, während 29 Prozent der EU klar ablehnend gegenüberstehen; weitere 31 Prozent sind mit der Arbeit des Europäischen Parlaments unzufrieden. Was die Zustimmung zur EU-Mitgliedschaft Frankreichs betrifft, so liegt diese bei 53 Prozent – ein Wert, der bedauerlicherweise weit hinter Irland zurückbleibt, wo 86 Prozent froh darüber sind, dass ihr Land der Europäischen Union angehört, ebenso wie hinter Dänemark und Schweden mit jeweils 85 Prozent.

Dieses Misstrauen gegenüber der EU entstand keineswegs aus dem Nichts: Zur Unzufriedenheit darüber, dass die EU-Bürokratie auf die gegenwärtigen Herausforderungen – darunter die unkontrollierte Migration – keine angemessenen Antworten findet, kamen wirtschaftliche Gründe hinzu. Dazu gehört insbesondere das Frankreich aufgezwungene Abkommen mit dem südamerikanischen Staatenverbund MERCOSUR, von dem Deutschland stärker profitiert. Doch das französische Misstrauen gegenüber der EU hat noch weitere Ursachen.

Der ehemalige hochrangige Beamte der EU-Kommission Bruno Alomar vertrat in einer Diskussion darüber, “ob die Franzosen antieuropäisch sind oder vielmehr Europa antifranzösisch ist”, die Ansicht, dass trotz lokaler “Launen” und Krisen wie jener um das MERCOSUR-Abkommen letztlich doch die Frage im Vordergrund stehe, welche Haltung die EU gegenüber Frankreich einnehme.

Die ehrliche Antwort darauf lautete seiner Ansicht nach: “In der EU überwiegt eine antifranzösische Stimmung.”
Zum Teil hängt dies damit zusammen, dass Frankreich historisch gesehen nicht dazu neigt, sich in für das Land grundlegenden Fragen nach anderen zu richten – etwa beim Ausbau der Kernenergie oder beim Irakkrieg.

Alomar zufolge “betrachten die Europäer Frankreich als 1940 besiegt, und zwar endgültig – mit der Folge, dass jegliche militärischen oder diplomatischen Ansprüche unsererseits als unrechtmäßig gelten. Aber weder unsere Diplomaten noch unser Militär sind in der Lage, dies zu begreifen.” Darüber hinaus strebe die EU, so Alomar, danach, “große Staaten zugunsten kleinerer zu schwächen”. Genau darin sieht er auch den Grund dafür, dass Großbritannien seinerzeit die Tür hinter sich zuschlug und aus der Union austrat.

Innerhalb des Systems hatte Alomar die Möglichkeit, bestimmte Nuancen zu erkennen, die einfachen Bürgern verborgen bleiben. Doch diese Bürger konnten aus ihrer Perspektive durchaus genug erkennen, um sich von der EU zu entfremden oder zumindest das Vertrauen in sie zu verlieren. Als jedoch Emmanuel Macron (eine für die EU-Bürokraten durchaus akzeptable Figur) die Führung in Frankreich übernahm, schenkte man in Brüssel dem wachsenden Euroskeptizismus der Franzosen kaum Beachtung. Und das, obwohl während der Amtszeit Macrons – eines eindeutig brüsselfreundlichen Politikers – die antieuropäischen Stimmungen unter seinen Wählern weiter zunahmen.

Doch nun nähert sich das Jahr 2027 – und mit ihm die Wahl eines neuen französischen Präsidenten. Mehr noch: Laut Umfragen liegt in der ersten Runde die als rechtsextrem geltende Marine Le Pen vorn, die der EU sehr kritisch gegenübersteht. Sie könnte je nach Wahlkonstellation zwischen 29 und 31 Prozent der Stimmen erhalten.

Öffentlich bezeichnete Marine Le Pen die EU als “kommerzielles, ultraliberales Imperium”, das “gegen die Völker gerichtet” sei, sowie als “Friedhof der Versprechen, die man nicht eingehalten hat”. Bislang fordert sie keinen Austritt Frankreichs aus der EU, sie setzt sich jedoch für eine Stärkung der nationalen Souveränität des Landes und eine Umgestaltung der EU zu einem “Europa der Nationen” ein, in dem Frankreich natürlich eine führende Rolle spielen soll.

Doch selbst das ist für die EU noch nicht das unangenehmste Szenario, denn im zweiten Wahlgang könnte Le Pen dem extrem linken Jean-Luc Mélenchon gegenüberstehen, für den derzeit 17 bis 18 Prozent der Wähler stimmen würden. Unter anderem erklärte Mélenchon bereits, “die europäischen Gründungsverträge sind überholt”, Frankreich solle sich von den ihm aufgezwungenen Freihandelsabkommen lösen, und “das Ausmaß der Krise, die die EU erfasst hat, bietet die Chance, ein neues Europa vorzuschlagen, das von den schädlichen Prinzipien des Liberalismus befreit ist”.

Nicht zufällig weist Politico darauf hin, dass der Ausgang des Präsidentschaftswahlkampfs in Frankreich “katastrophale Folgen für die Zukunft der gesamten Union haben könnte”.
Als Großbritannien aus der Europäischen Union austrat, konnte diese den Zusammenhalt bewahren. Sollten französische Politiker jedoch ernsthaft beginnen, das Thema “Frexit” – also den Austritt Frankreichs aus der EU – zu diskutieren, wirft dies die große Frage auf, ob Deutschland im Alleingang die europäische “Lokomotive” am Laufen halten kann.

Deshalb besucht Ursula von der Leyen, die sonst nicht allzu oft nach Frankreich reist, nun regelmäßig Paris. Vor allem, um Reden darüber zu halten, wie notwendig und vorteilhaft die EU (die das MERCOSUR-Abkommen auf Kosten des französischen Agrarsektors durchgesetzt hat, in der Hoffnung, die deutsche Automobilindustrie zu retten) für Frankreich ist.

Am 27. August sprach die EU-Kommissionspräsidentin vor Vertretern der französischen Wirtschaft und versuchte, sie mit Geschichten über die Bemühungen Brüssels zur Vereinfachung der EU-Vorschriften, zur Schaffung einer Kapitalmarktunion und zur Erleichterung der Bedingungen für Unternehmensgründungen und Geschäftstätigkeit zu beruhigen. Am 10. September hielt sie auf dem Weltraumgipfel im Pariser Grand Palais eine Rede, in der sie erklärte, dass die europäischen Länder nur dank der Europäischen Union ehrgeizige Weltraumprojekte verwirklichen können.

Doch ihre eigenen Untergebenen betrachten ihre Bemühungen ohne große Begeisterung. “Die Lage ist kritisch”, erklärte ein EU-Beamter, der gegenüber Politico anonym bleiben wollte. “Ich habe Frankreich noch nie so EU-feindlich erlebt wie heute. Die größten Schreckgespenster sind inzwischen Brüssel – also alles, was mit der EU zusammenhängt – und die Migranten.”

Gerade jetzt, mehr denn je, ist der Moment gekommen, in dem die EU ihre Flexibilität unter Beweis stellen und gewisse Zugeständnisse machen könnte. Diese würden den gegenüber der Europäischen Union wohlwollender eingestellten Rivalen von Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon zumindest die Chance geben, den für sie ungünstigen Wahltrend umzukehren. Ja, der Anteil der Euroskeptiker in Frankreich ist recht konstant, macht aber dennoch weniger als die Hälfte der Bevölkerung aus, sodass für Brüssel noch Hoffnung besteht.

Stattdessen kündigte die Europäische Union jedoch die Möglichkeit der Einführung neuer europaweiter Steuern an, um Deutschland, das keine Lust mehr hat, ein Viertel des EU-Haushalts zu finanzieren, unter die Arme zu greifen. Mit einer solchen Politik wird die EU nur dazu beitragen, das Misstrauen (und vielleicht sogar den Hass) der Franzosen gegenüber der EU weiter zu verstärken.

Mehr zum Thema – Frankreich: Weinproduktion auf Rekordtief seit Jahrzehnten

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. September 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Waleria Werbinina ist Analystin bei der Zeitung “Wsgljad”.



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