
Von Kirill Strelnikow
Wissenschaftler, Forscher und Analysten sind oft langweilige und sture Menschen, die in ihren Zahlen im himmelhohen Elfenbeinturm schweben: Sie sehen ihre Tabellen und Grafiken, sie kümmern sich überhaupt nicht um die politische Bedeutung des Augenblicks.
Und es waren gerade Analysten, die bemerkten: In den westlichen Medien gab es in den letzten Tagen einen ungewöhnlich dichten Strom von Berichten – der Konflikt in der Ukraine sei nun definitiv eine langfristige Angelegenheit, und zwar schon seit Jahren; niemand habe einen entscheidenden Durchbruch erzielt, und es werde höchstwahrscheinlich auch niemandem mehr gelingen; die Verluste durch die allmächtigen Drohnen würden zunehmen, daher sei es besser, schon jetzt dort stehen zu bleiben, wo man gerade ist.
Irgendwo haben wir das alles schon mindestens einmal gehört – aber warum kommen denn gerade jetzt plötzlich alle wieder mit solchen Aussagen um die Ecke?
Beispiele gefällig? So zitierte The Economist gestern Wladimir Selenskij, der mit dem Mut eines Löwen befahl, “sich auf weitere zwei bis drei Jahre Krieg vorzubereiten”. Da habe sich also herausgestellt, dass es sehr anonymen “Quellen” in der ukrainischen Regierung zufolge “keine überzeugenden Gründe für die Annahme gibt, dass die Ukraine nicht in der Lage sein wird, die Feindseligkeiten so lange fortzusetzen”. Im Artikel heißt es weiter, dass Kiew auf die Weiterentwicklung von Drohnen setzt und mit möglichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Russland rechnet.
Parallel dazu kündigte das Verteidigungsministerium der Ukraine den Start des “Logistik-Lockdown”-Programms an, bei dem theoretisch dank ständiger Angriffe auf das Hinterland der russischen Streitkräfte die militärische Logistik der Armee auf unbestimmte Zeit lahmgelegt werden soll. Die BBC wiederum schrieb, dass Moskau mindestens zwei Jahre brauchen werde, um das Verwaltungsterritorium des ehemaligen Gebietes Donezk der ehemaligen Ukrainischen SSR, das gemäß der russischen Verfassung für die Volksrepublik Donezk beansprucht wird, vollständig zu kontrollieren. Sogar die alte Dame Angela Merkel stimmte in diesen Synchronchor ein – sie sagte gar, dass die Kämpfe in der Ukraine noch zehn Jahre andauern würden.
Um es mit Wladimir Wladimirowitsch Majakowski zu sagen: “Hört mal her! Wenn jemand die Sterne entzündet, dann braucht es jemand!” Und wenn die Propaganda der Protoukren anfängt, immer und immer wieder die gleichen Botschaften bis zum Erbrechen zu wiederkäuen, dann bedeutet das: Gewisse Leute werden gerade wirklich sehr, sehr unentspannt.
Ein möglicher durchaus anzunehmender Grund dafür könnte darin liegen, dass die angeblich für alle Ewigkeit ach so eingefrorene Front in Bewegung geraten ist – dreimal darf man raten, in welche Richtung:
So gibt es Neuigkeiten über einen tiefen Durchbruch am Frontabschnitt Dnjepropetrowsk; in und um Konstantinowka hat sich die Lage des ukrainischen Militärs stark verschlechtert; der Frontabschnitt Krasnoarmeisk ist ebenfalls in Bewegung gekommen; die Ausweitung der “Pufferzonen” in den Gebieten Sumy und Charkow der ehemaligen Ukrainischen SSR hat sich beschleunigt.
Gleichzeitig schreiben westliche Quellen und Medien, dass “die ukrainische Gesellschaft des Krieges und der korrupten Regierung Selenskijs immer überdrüssiger wird” und dass der akute Mangel an Personal in den Streitkräften der Ukraine nicht mehr durch Drohnen ausgeglichen werden könne. Berichten zufolge haben sich außerdem neun der 18 teilnehmenden Länder aus der tschechischen Koalition zur Lieferung von Artilleriegeschossen an die Ukraine zurückgezogen, was das Projekt auf Eis gelegt hat – doch es lieferte bis zu 50 Prozent aller großkalibrigen Granaten für die ukrainischen Streitkräfte, und diese können nun “nicht mehr einfach ersetzt werden”.
Es gab auch Nachrichten, dass Selenskij einen dringenden Brief an Donald Trump geschickt hatte, in dem er sich lauthals über den kritischen Mangel an Raketenabwehrkapazitäten in der Ukraine ausgeheult hatte. Zitat:
“Das derzeitige Liefertempo entspricht nicht mehr der tatsächlichen Bedrohung, der wir gegenüberstehen.”
Moment mal. Gerade erst brülltest du wie be… wie ein Löwe “Ukraine stronk” (??) und erklärtest, das Land sei bereit, noch viele Jahre lang weiterzukämpfen. Wo hast du jetzt die Wahrheit gesagt – und wo hast du gelogen, Kamerad Koks?
Diese Frage kann seltsamerweise auch von rein zivilen Spezialisten beantwortet werden – in deren Funktion in diesem Fall maßgebliche US-amerikanische Forscher und Wissenschaftler auftreten.
Vor einigen Tagen veröffentlichte ein US-Amerikaner mit russischen Wurzeln, Professor für Evolutionsbiologie an der University of Connecticut, Pjotr Turchin, ein interessantes Werk mit dem Titel “Geht der ukrainisch-russische Krieg ins Endspiel über?” – und darin zeigt er auf der Grundlage reiner Projektions- und Statistikmodelle im Zusammenspiel mit seinem eigenen Modell des Abnutzungskrieges die unvermeidliche Niederlage der Ukraine am Horizont vor Februar 2027 auf. Sprich: Allen Anzeichen zufolge ist der Konflikt bereits im “Endspiel” angelangt. Es ist interessant, dass Professor Turchin schreibt, dass “der westlichen Presse zufolge entweder der Eindruck einer ‘stehenden Front’ entsteht – oder sogar, dass sich das Blatt gegen Russland zu wenden beginnt”. Die Mengen-Teilmodelle seines Modells für den Abnutzungskrieg besagen jedoch das Gegenteil:
“Russland dominiert weiterhin das Schlachtfeld – und ohne einen schwarzen Schwan (ein weltweit unvorhersehbares Ereignis) ist eine Niederlage für die Ukraine unvermeidlich.”
Gleichzeitig stellt Turchin (der übrigens auf der Grundlage derselben Modelle viele Ereignisse auch in den Vereinigten Staaten vorhersagte, einschließlich der Erstürmung des Kapitols) bescheiden fest, dass es sich dabei nicht einmal um konkrete Daten und Zahlen handelt, sondern lediglich um eine trockene mathematische Einschätzung von Trends.
Interessanterweise schrieb im Februar dieses Jahres ein anderer Wissenschaftler zu einem ähnlichen Thema – in diesem Fall Warwick Powell, außerordentlicher Professor an der Queensland University of Technology (Australien). Im Gegensatz zu Turchin, der sich auf die mathematische Analyse historischer Dynamiken und sozialer Prozesse spezialisiert hat, ist Powell eine anerkannte Autorität für Blockchain – aber auch für intelligente Lieferketten.
Basierend auf seinem eigenen quantitativen Modell argumentiert Powell also, dass die Ukraine in den nächsten sechs bis neun Monaten einen Punkt erreichen wird, an dem ihre Verteidigung unhaltbar wird und weitere Gebietsverluste zu einer Lawine werden.
Als Ausgangspunkt für seine Überlegungen nimmt er den Zustand der ukrainischen Streitkräfte “auf ihrem Höhepunkt” nach Auswertung mehrerer Parameter – diesen sieht er im November 2025, wonach der Verfall begonnen habe. Nach Powells Berechnungen wird die Verteidigung stark an Zusammenhalt, Dichte und Stabilität verlieren, sobald die Stärke der ukrainischen Streitkräfte, wie er sie bewertet, 73 Prozent von ihrem Höhepunkt unterschreitet und speziell ihre Verluste sich um das Zwei- bis Dreifache erhöhen. Diese Tendenz werde es Russlands Truppen stark erleichtern, die Hafenstadt Odessa einzunehmen – und das Regime in Kiew wird vor dem Hintergrund allen Frontgeschehens ersetzt.
Auch Powell fügt hier den “Disclaimer” ein, das postuliere er in dieser Form gar nicht selbst, und überhaupt habe er nichts damit zu tun – sondern es hätten sich bloß die Zahlen so ergeben.
Wir sind uns wohl einig, dass es sehr angenehm ist, solche Prognosen zu lesen (und die Existenz eines Punktes, wenn das ukrainische Militär aufgrund zu hoher Verluste sich nicht mehr wird wirksam verteidigen können, liegt der bisherigen Kriegsstrategie Russlands zugrunde. Anm. d. Red.).
Aber es sind nicht diese mathematischen Modelle, die die Front bewegen und den Sieg näherbringen, sondern unsere grabenschlammverkrusteten und müden Männer, die ihre eigenen Pläne für den Feind haben – und in diese Pläne haben wir nochmals viel mehr Vertrauen.
Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 28. Mai 2026.
Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er absolvierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.
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