
Von Alexander Nossowitsch
Etwa ein Dutzend europäische Staats- und Regierungschefs sowie ranghohe EU-Funktionäre haben sich in den vergangenen Tagen bereit erklärt, Europa bei Friedensverhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu vertreten. Über einen Dialog mit dem Kreml zu sprechen, ist für die Europäer kein Tabu mehr, sondern neue Normalität. Ihre Hektik ist die beste Illustration der Worte des russischen Präsidenten, wonach der Ukraine-Konflikt seinem Ende entgegengehe. Die Europäer geraten zeitlich ins Hintertreffen, halten das Tempo nicht mit und wollen deshalb auf einen bereits einmal bewährten Trick zurückgreifen: einen Friedensprozess vortäuschen, um Zeit zu gewinnen.
Die aktuelle Strategie der EU und Großbritanniens besteht darin, Europa bis 2030 umfassend zu militarisieren und den Konflikt mit Russland bis dahin auf das Territorium der Ukraine zu begrenzen: Dafür halten sie das Kiewer Regime künstlich am Leben. Im Rahmen dieser Strategie wurde ein Kredit über 90 Milliarden Euro gewährt, der Kiew ermöglichen soll, mindestens zwei weitere Kriegsjahre durchzuhalten. Außerdem wurde beschlossen, Europa in ein strategisches Hinterland für die ukrainischen Streitkräfte zu verwandeln.
Je länger diese Strategie verfolgt wird, desto klarer zeigt sich, dass sie nicht zum Ziel führt. Ja, das europäische Hinterland kann die ukrainischen Streitkräfte mit allem versorgen: mit Drohnen, Munition, Finanzmitteln und Feldrationen. Nur eines kann es nicht liefern – menschliche Ressourcen. Selenskij hat seine Soldaten nie geschont, und das Mobilisierungspotenzial der Ukraine lag schon immer deutlich unter dem Russlands.
Die Folge ist ein katastrophaler Personalmangel in den ukrainischen Streitkräften. Kiew und seine Verbündeten können menschliche Kampfkraft nicht durch Drohnen ersetzen, ganz gleich, wie viele davon produziert werden. Die Europäer sind nicht in der Lage, eigene Soldaten ins Gefecht zu schicken – das hat das Scheitern der “Koalition der Willigen” im vergangenen Jahr gezeigt.
Zudem gerät Selenskij zunehmend außer Kontrolle, und es gelingt nicht, den Konflikt auf das Territorium der Ukraine zu begrenzen. Das bestätigt der Vorfall mit den ukrainischen Drohnen im Baltikum, mit deren Hilfe das Kiewer Regime seine lokalen Kleinstverbündeten direkt in den Krieg hineinzieht. Aber mit einem Krieg auf eigenem Territorium hatten die europäischen Eliten eigentlich nicht gerechnet. Europa plante zumindest in den nächsten Jahren keinen direkten Krieg mit Russland, sondern wollte die Russen bestenfalls mithilfe ukrainischer “Auftragnehmer” besiegen.
Diese Umstände erklären die revolutionären Veränderungen im Verhalten Europas, die sich buchstäblich innerhalb weniger Tage vollzogen. Wie revolutionär sie sind, ist nur wenigen bewusst. Schließlich wurde Russland im Jahr 2022 im Westen faktisch “gecancelt”. Man ging davon aus, mit Russland nie wieder über irgendetwas zu sprechen – außer vielleicht über dessen vollständige und bedingungslose Kapitulation.
Daraufhin begann eine Hexenjagd auf “Dissidenten” – auf jene, die behaupteten, Russlands Kapitulation werde auf unbestimmte Zeit verschoben und man müsse sich vorerst doch mit Moskau verständigen. Später trat Donald Trump erneut sein Amt an, nahm Verhandlungen mit dem Kreml auf, und in Europa wurden diese nach langem Händeringen und Gejammer schließlich akzeptiert – allerdings unter der Bedingung eines vollständigen Waffenstillstands und eines Einfrierens der Kampfhandlungen entlang der Frontlinie.
Nun erinnert sich in Europa niemand mehr an diese Vorbedingung. Seit dem 9. Mai stellt man Moskau überhaupt keine Bedingungen mehr. Stattdessen stehen europäische Politiker Schlange, um mit Putin zu verhandeln, und streiten untereinander darüber, wer von ihnen in den Augen des russischen Präsidenten würdig genug ist, Europa zu vertreten.
Unter den selbsternannten “Vis-à-vis” Putins finden sich höchst amüsante Persönlichkeiten. So etwa der finnische Präsident Alexander Stubb, der jahrelang darauf hinarbeitete und schließlich erreichte, dass sein Land – Suomi – seine historisch besonderen Beziehungen zu Russland zugunsten eines NATO-Beitritts aufgab, und der nun die Stationierung von Atomwaffen an der russischen Grenze vorantreibt.
Oder die EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas, die ihren jetzigen Posten vor allem ihrer Russophobie verdankt und persönlich die Jagd auf jene “Ketzer” anführte, die für einen konstruktiven Ansatz gegenüber Russland plädierten. Nun möchte auch sie mit Putin sprechen: Sie behauptet, sie könne “Putins Fallen” besser erkennen als ihre Kollegen.
Der plötzliche Ausbruch von “Friedensbereitschaft” bei diesen Leuten ist das erste Anzeichen dafür, dass die Aussichten für Kiew und seine Verbündeten schlecht stehen. Um eine Niederlage abzuwenden, werden sie bereit sein, sowohl von ihren Standpunkten abzurücken (was bereits geschehen ist) als auch Zugeständnisse in Bezug auf die Ukraine zu machen und Selenskij loszuwerden.
Letzterem wurde durch das Strafverfahren gegen seinen “grauen Kardinal” Andrei Jermak bereits deutlich gemacht, was ihm droht, sollte er mit seiner sturen Dummheit den Verhandlungsprozess torpedieren und Europa zurück in die Sackgasse eines Zermürbungskriegs führen. Dann könnte er in diesem Verfahren selbst zum Beschuldigten werden – und von dort ist es bis zu einem neuen “Maidan” nicht mehr weit.
Die Europäer sind sich also insgesamt mit Putin darin einig, dass “die Sache ihrem Ende entgegengeht”. Nur nicht deshalb, weil sie die Notwendigkeit eines gleichberechtigten Dialogs mit Russland unter gegenseitiger Berücksichtigung der Interessen erkannt hätten. Sondern deshalb, weil es ihnen nicht gelingt, die negative Entwicklung ihres antirussischen Projekts aufzuhalten. Die Aussicht auf eine strategische Niederlage zeichnet sich immer deutlicher ab. Und nun werden die Europäer alles daransetzen, dies zu verhindern.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. Mai 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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