
Von Dagmar Henn
Man kann ja von Glück sagen, dass das erste Bekennerschreiben von Daniel V. auftauchte, als es erst um zwei versuchte Anschläge auf Umspannwerke ging. Inzwischen geht die Zahl der mutmaßlich von ihm gebastelten Sprengsätze in die Dutzende, über mehrere Bundesländer verteilt und stets in der Nähe von Braunkohlekraftwerken. Mittlerweile wäre die Versuchung wohl zu groß, auch daraus “russische Sabotage” zu machen.
Mit einem Schreiben, in dem auf die Erzählung des “menschengemachten Klimawandels” Bezug genommen wird, wird das schwierig. Schließlich wurde die Grundlage für derartige Taten tagtäglich in den Leitmedien gelegt, die sich keine Gelegenheit entgehen ließen, Sommertage zu Katastrophen zu erklären und von Tausenden Hitzetoten zu schwadronieren. Als aus den Freitagshüpfern von Fridays for Future die Klimakleber wurden, begleitete man sie noch immer mit Sympathie.
Und man muss nur die Resultate der Prozesse gegen diese Truppen etwa mit dem Rollatorputschprozess vergleichen, um zu erkennen, wie extrem die Unterschiede sind. Denn im einen Fall, bei den Klimaklebern, wurde ein konkreter Schaden angerichtet, auch wenn er glücklicherweise weitgehend volkswirtschaftlicher Natur blieb, während im anderen Fall pure Fantasien bereits mit jahrelanger Haft unter Extrembedingungen geahndet wurden.
Ja, Deutschland ist mittlerweile absurd. Die Mittäter bei den Morden von Stade laufen immer noch frei herum, weil man es irgendwie nicht für nötig fand, sie festzunehmen, während Menschen, die sich nichts Böseres haben zuschulden kommen lassen, als humanitäre Hilfe in den Donbass zu liefern, als “Terroristen” in Untersuchungshaft gehalten werden.
Und eine einzelne Drohne, die in Leipzig gefunden worden sein soll und an deren Geschichte Zweifel mehr als angebracht sind, wird aufgeblasen bis zur Schwelle einer Kriegserklärung gegen Russland, während Klimaterrorist Daniel V. bisher noch keine Sondersendung, geschweige denn eine Regierungspressekonferenz ausgelöst hat. Dabei muss man sagen, dass hier nicht nur ein Sprengsatz behauptet wurde, sondern mittlerweile wohl Dutzende Menschen seine über mehrere Bundesländer verteilten Erzeugnisse selbst gesehen haben. Es dürfte nur Glück gewesen sein, dass sich der Schaden in Grenzen hält.
Ja, die Leipziger Drohne erinnert irgendwie immer mehr an das Celler Loch. Das beginnt damit, dass der angeblich gefundene Sprengstoff, Semtex, sofern es ihn wirklich gab, ein ähnlicher Fehler ist wie jener, der damals bei der staatlich organisierten Sprengung in Celle gemacht wurde. Damals war es der Sprengstoff aus westlicher Produktion, der als einer der ersten Hinweise die Zuschreibung des Lochs in der Gefängnismauer an die RAF fraglich werden ließ. Die meisten RAF-Sprengsätze verwendeten Semtex, das – ebenso wie bei der IRA – über Libyen nach Europa gekommen war.
Dieses Mal ist es gerade Semtex, das nicht passt. Denn dabei handelt es sich zwar um das Produkt einer tschechischen Fabrik, aber zu Zeiten des Warschauer Vertrags war dieser Plastiksprengstoff weder Bestandteil der offiziellen Ausrüstung, noch wurde er in größeren Mengen in diesen Ländern zivil genutzt – er war ein Exportprodukt zur Devisenbeschaffung. Weiter Richtung Osten, nach Russland, gelangte er bestenfalls im Verlauf der 1990er-Jahre über kriminelle Netzwerke. Ob alt oder neu: Der größte Teil der Semtex-Vorräte befindet sich im Westen.
Der ukrainische Journalist Anatoli Scharij hat ja nun einen Zeugen aufgetan, dem zufolge überhaupt kein Sprengstoff an der Drohne war, dafür aber die Spezialisten der Polizei nach dem Drohnenfund überraschend schnell auftauchten. Als hätten sie nur auf das Signal für ihren Auftritt gewartet. Scharij, der seit Jahren in Spanien lebt und schon mehrere Mordanschläge des SBU überlebt hat, ist ein erfahrener investigativer Journalist. Sein Zeuge könnte womöglich einer der ukrainischen Beschäftigten am Flughafen Leipzig sein. Scharij ist ein entschiedener Gegner dieser ukrainischen Regierung – wie auch einiger vorhergehender –, eine bekannte Adresse, an die sich Whistleblower wenden, aber niemand, den man “prorussisch” nennen würde.
Wobei man natürlich noch einen anderen Nutzen sehen sollte, den diese Erzählungen von “russischer Sabotage” haben – sie schaffen zumindest vorübergehend die Illusion, sonst wäre alles in Ordnung. Denn etwas, das ohnehin schon kaputt ist, kann man nicht mehr sabotieren. Der Berliner Daten-Gau dürfte da gerade eine neue Dringlichkeit geschaffen haben, noch einmal nachzulegen. Wenn die Erfüllung der täglichen Regierungsaufgaben ein endloses Scheitern ist, dann wird der entschiedene Kampf gegen selbstgeschaffene Gespenster zur rettenden Fiktion von Effizienz.
Ja, da sind in der politischen und medialen Reaktion wieder einmal die Dimensionen verrutscht. So war es im Umgang mit der Entwicklung in der Ukraine von Anfang an: Während man wochenlang mit dem Maidan bespielt wurde, allabendlich nach den Nachrichten, war das Massaker von Odessa mitnichten Gegenstand von Sondersendungen, sondern vielmehr eines besonders tiefen Schweigens. Diese eigenartigen Verzerrungen haben sich von diesem Punkt aus ausgebreitet wie Gestrüpp, bis hin zu diesen bizarren Verfolgungen von Meinungsäußerungen und den außergerichtlichen Strafmaßnahmen von Kontensperrungen bis zu Sanktionen…
Aber nehmen wir doch einmal an, man würde den Klimaterror eines Daniel V. auf derselben Skala abhandeln. Dann würde man – nach einigen Sondersendungen – jetzt darüber reden, die Grünen zu verbieten, die dieser Klimapanik schließlich Vorschub geleistet und mögliche Täter in ihrem Vorsatz bekräftigt hätten. Oder es gäbe Hunderte Durchsuchungen, um die Klimaterrorsympathisantenszene aufzurollen, so wie man für die zwei Schwachkopftage im Jahr unzählige Polizisten zur Verfolgung von Meinungsäußerungen ausschickt…
Immerhin hatte es Daniel V. eilig genug, um nicht auf die Dunkelflaute im Winter zu warten, in der seine Handlungen ganz andere Folgen hätten haben können. Man muss sich da nur an den Anschlag auf die Berliner Stromversorgung im Januar erinnern. Da gab es übrigens noch keine Hausdurchsuchungen, geschweige denn gleich Hunderte. Es wurden auch keine Meldestellen eingerichtet, bei denen die Bevölkerung potenzielle Klimaterroristen melden soll. Und es gibt auch keine Erklärungen des Verfassungsschutzes über das Vorfeld des Klimaterrors und mögliche politische Unterstützer.
Wie auch? Ist die ganze Klimageschichte doch wichtig, um der Bevölkerung weitere Steuern aufzuzwingen. CO₂-Abgaben und so. Das ganze schöne Geld wäre weg, würde man wegen dieses Bisschens Terror die Klimaerzählung abwickeln.
Aber irgendwann wird die Rechnung präsentiert für dieses ständige Missverhältnis, aus Nichtereignissen ganze Kriege zu spinnen und gleichzeitig auf die echten Ereignisse so zu reagieren, als gäbe es sie nicht. Bis das geschieht, kann man Daniel V. allerdings nur einen dringenden Rat geben: sich am besten in Begleitung von Zeugen selbst der Polizei zu stellen. Denn dieser Regierung wäre es zuzutrauen, ihn an einem Geständnis zu hindern. Wenn Daniel V. selbst nichts mehr sagen kann, könnte man schließlich aus der ganzen Geschichte immer noch eine “russische Sabotage” machen. Das würde auch von den Makeln der Leipziger Drohne bestens ablenken.
Mehr zum Thema ‒ Berlins jüngste Russland-Panik: Sie ist selbst für seine Verhältnisse rücksichtslos







