
Von Hans-Ueli Läppli
Ein Atompilz über Bern, bombardierte Städte, ein junger Schweizer Soldat auf dem Schlachtfeld: Die Junge SVP zeigt im Abstimmungskampf ein bewusst drastisches Szenario. Die Empörung der Gegner ist groß. Doch hinter dem Schockbild steht eine unbequeme Frage: Wie weit soll sich die Schweiz in fremde Konflikte hineinbewegen?
Tote Schweizer Soldaten sorgen für Empörung – doch wer will eigentlich Krieg?
Ein junger Schweizer verabschiedet sich von seiner Mutter. Kurz darauf liegt er tot auf dem Schlachtfeld. Über Bern steigt ein Atompilz, Sirenen heulen, Städte werden bombardiert. Eine fiktive Nachrichtensendung verkündet: Die Schweiz steht im Krieg.
Es ist kein subtiler Wahlkampfspot. Die Junge SVP will provozieren – und sie will, dass man hinsieht. Ihr Präsident Nils Fiechter bezeichnet den Film als Versuch, junge Menschen “wachzurütteln”. Krieg bedeutet nicht Diplomatie aus sicherer Distanz. Im Ernstfall sind es junge Männer und Frauen, die an die Front geschickt werden und ihr Leben riskieren.
Die Gegner der Kampagne reagieren entsprechend heftig. Mitte-Ständerätin Marianne Binder-Keller spricht von “Desinformation, von der Putin profitiert”.
Damit zeigt sich ein bekanntes Muster des aktuellen Neutralitätsstreits: Wer die Schweizer Politik gegenüber Russland, der Ukraine oder der NATO kritisiert, sieht sich schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, Kreml-Narrative zu verbreiten. Doch der Vorwurf beantwortet die eigentliche Frage des Films nicht.
Darf man vor Krieg warnen, ohne “prorussisch” zu sein?
Die Schweiz befindet sich nicht im Krieg. Der Film behauptet auch nicht, dass dies heute der Fall wäre. Er zeichnet ein bewusst zugespitztes Zukunftsszenario.
Die politische Frage dahinter ist allerdings real. Die Schweiz hat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine die Sanktionen der EU weitgehend übernommen. Der Bundesrat hält dies für mit der Neutralität vereinbar. Die Initianten der Neutralitätsinitiative sehen darin dagegen eine gefährliche Abkehr von der bisherigen Linie.
Die Initiative will die Neutralität ausdrücklich als “immerwährend und bewaffnet” festschreiben und den Spielraum für militärische Kooperationen sowie wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen gegen Kriegsparteien erheblich begrenzen.
Das ist keine russische Erfindung. Es ist eine Schweizer Verfassungsfrage. Und genau deshalb wirkt der reflexartige Hinweis auf Moskau etwas bequem.
Der tote Soldat ist das stärkste Bild des Films
Politisch besonders wirksam ist deshalb ausgerechnet die Szene mit dem jungen Soldaten. Denn sie zwingt zu einer Frage, die in der internationalen Politik gerne abstrakt behandelt wird: Wer bezahlt am Ende den Preis?
Sanktionen haben wirtschaftliche Folgen. Militärische Kooperationen haben sicherheitspolitische Folgen. Internationale Bündnisse verändern strategische Abhängigkeiten. Ein Krieg hingegen kostet Menschenleben.
Die JSVP macht aus dieser Tatsache ein Bild: einen jungen Schweizer, der nicht über geopolitische Strategien diskutiert, sondern auf einem Friedhof endet.
Ein Film muss keine Prognose sein
Der Atompilz über Bern ist keine Vorhersage. Der sterbende Soldat ist keine statistische Wahrscheinlichkeit. Es handelt sich um politische Symbolik. Aber genau das ist der Sinn eines Kampagnenfilms. Er soll eine abstrakte politische Entscheidung emotional greifbar machen.
Die Gegner dürfen diese Methode kritisieren. Sie können das Szenario für unrealistisch halten. Sie können erklären, warum ihrer Ansicht nach internationale Kooperation die Schweiz sicherer macht. Was sie nicht tun sollten, ist die gesamte Frage mit dem Etikett “Putin” erledigen.
Denn die Sorge, dass Schweizer Soldaten auf einem europäischen Schlachtfeld sterben könnten, ist weder russisch noch amerikanisch noch europäisch. Sie ist zunächst einmal eine Schweizer Sorge.
Am 27. September geht es deshalb nicht nur um einen provokanten Film. Es geht um eine Grundsatzentscheidung: Soll die Schweiz ihre Neutralität möglichst strikt definieren – oder soll der Bundesrat seinen außen- und sicherheitspolitischen Spielraum behalten?
Die Junge SVP hat diese Frage mit einem bewusst schockierenden Bild gestellt. Jetzt müssen die Gegner darauf antworten.
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