
Von Olga Samofalowa
Russland sah sich bereits im vergangenen Jahr mit einem Anstieg des Haushaltsdefizits konfrontiert. Und das neue Jahr 2026 begann für den Haushalt noch unangenehmer. So belief sich das Defizit Ende 2025 auf 5,7 Billionen Rubel, während ursprünglich 1,2 Billionen Rubel eingeplant waren. Im Januar 2026 erreichte dieser Wert 1,72 Billionen Rubel gegenüber einem Defizit von 1,47 Billionen Rubel im Vorjahr.
Der Grund dafür ist der Rückgang der Einnahmen aus den Erdöl- und Gasverkäufen. Im Januar 2026 halbierten sich diese von 789 Milliarden Rubel im Januar 2025 auf 393 Milliarden Rubel. Auch die Verlangsamung der russischen Wirtschaft wirkt sich negativ auf den Haushalt aus. Zwar stiegen die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer aufgrund der Anhebung des Basissteuersatzes von 20 Prozent auf 22 Prozent, aber andere Nicht-Öl- und Nicht-Gas-Einnahmen gingen um 139 Milliarden Rubel zurück.
Der Jahresbeginn ist traditionell schwach, was die Haushaltseinnahmen angeht. Besorgniserregend ist jedoch die Tatsache, dass dieser negative Trend – das Anwachsen des Haushaltsdefizits – bereits im letzten Jahr eingesetzt hat. Wird es gelingen, ihn in diesem Jahr zu stoppen?
Das Erdöl hat zweimal zum Rückgang der Einnahmen beigetragen. Erstens ist der Steuerpreis für Urals im Januar auf 41 US-Dollar pro Barrel gefallen. Zweitens hat sich der Preisnachlass für russisches Öl gegenüber Brent aufgrund von Sanktionen und logistischen Umstellungen Ende letzten Jahres stark ausgeweitet, sagt Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global. Was den saisonalen Rückgang der Exportmengen angeht, so waren nach den vom russischen Finanzministerium vorgelegten Zahlen offenbar gerade der Preis und der Wechselkurs die entscheidenden Faktoren und nicht der Einbruch der physischen Lieferungen, fügt er hinzu.
Die Hauptgründe für den Rückgang der Haushaltseinnahmen im Januar sind also gerade die niedrigen Preise und der stärkere Rubel. Der Experte erklärt:
“Der starke Rubel verschlechtert die Situation ganz direkt, da der Großteil der Öleinnahmen wirtschaftlich an die Deviseneinnahmen gebunden ist, während der Haushalt in Rubel geführt wird.
Derzeit liegt der offizielle US-Dollarkurs der Zentralbank bei etwa 76 bis 77 Rubel. Vor einem Jahr, Ende Januar 2025, lag der US-Dollar bei etwa 98 Rubel. Der Rubel ist im Jahresvergleich um etwa 20 Prozent stärker geworden.
Bei einem Rubelkurs von etwa 77 pro US-Dollar und einem Barrelpreis von 40,95 US-Dollar liegt der Rubelpreis für Erdöl bei etwa 3.100 Rubel pro Barrel. In den Haushaltsberechnungen für 2026 kostet Urals-Öl jedoch 59 US-Dollar, und der Kurs liegt bei etwa 92 Rubel pro US-Dollar. Das ergibt etwa 5.400 Rubel pro Barrel. Somit könnte die Rubelbasis für Ölsteuern im Januar sogar ohne dramatische Veränderungen beim Volumen um 40 Prozent unter dem Plan liegen.”
Der Rubelpreis für Öl, auf dessen Grundlage die Steuern berechnet werden, ist auf 3.073 Rubel pro Barrel gesunken, statt der im Haushalt vorgesehenen 5.440 Rubel, schätzt Alexander Potawin, Analyst bei der Finanzgruppe Finam. Er hebt hervor:
“Daher sind die Steuereinnahmen und Abgaben aus der Ölindustrie deutlich zurückgegangen, während die Zahlungen und Vergünstigungen für Erdölunternehmen weiterhin beträchtlich sind. Man kann grob sagen, dass für einen ausgeglichenen Haushalt ein deutlich schwächerer Rubel erforderlich wäre: Bei dem aktuellen US-Dollarpreis für Urals-Öl müsste der ausgleichende Dollarkurs bei etwa 136 bis 137 Rubel liegen, also etwa 1,8-mal schwächer als der tatsächliche Kurs im Januar.”
Warum ist aber ein stabiler und sogar steigender Rubelkurs zu Beginn des Jahres 2026 dennoch notwendig? Potawin sagt:
“Wir sind der Meinung, dass er den starken Anstieg der Inflation ausgleicht.”
Ein pessimistisches Szenario wäre, wenn der Ölpreis von 41 US-Dollar und der Rubelkurs von 77 Rubel pro US-Dollar das ganze Jahr über bestehen bleiben würden, meint Olga Belenkaja, Leiterin der Abteilung für makroökonomische Analyse der Finanzgruppe Finam. Sie sagt:
“Wenn man davon ausgeht, dass diese Werte für den Ölpreis und den Rubelkurs das ganze Jahr über bestehen bleiben, dann könnte der Ausfall der Öl- und Gaseinnahmen nach unserer groben Schätzung bei etwa vier Billionen Rubel liegen, davon 2,7 Billionen Rubel aufgrund des unter dem Basiswert liegenden Ölpreises und der Rest aufgrund des stärkeren Rubelkurses.”
Die Expertin hält dieses Szenario eines Haushaltsdefizits jedoch nicht für katastrophal, da in Russland eine Haushaltsregel gilt. Diese funktioniert so, dass in Zeiten niedriger Preise die Verluste des Haushalts durch Mittel aus dem Staatsfonds ausgeglichen werden. Daher muss das Defizit von 2,7 Billionen Rubel aufgrund des niedrigen Ölpreises aus dem Staatsfonds finanziert werden, der Rest durch eine Erhöhung der Kreditaufnahme.
Insgesamt wäre dies eine normale Situation, wenn da nicht ein Umstand wäre. Belenkaja merkt an:
“Die Aufmerksamkeit wird auf die Situation gelenkt, weil die Extrapolation der aktuellen Preise für russisches Öl und des Rubelkurses auf die potenziellen Einnahmeausfälle bei Öl und Gas in diesem Jahr mit der Höhe des liquiden Teils des Russischen Wohlfahrtsfonds vergleichbar ist. Dabei wird der liquide Teil des Staatsfonds auch zur Finanzierung von Investitionen in Infrastrukturprojekte verwendet.”
Mit anderen Worten: Es besteht das Risiko, dass in diesem Jahr der gesamte Staatsfonds in Anspruch genommen wird (das russische Finanzministerium verspricht jedoch, dies nicht zuzulassen). Das zweite Risiko, das sich aus dem ersten ergibt, besteht darin, dass dann kein Geld mehr für Infrastrukturprojekte in den Reserven übrigbleibt.
Experten glauben jedoch nicht, dass die Ölpreise so niedrig und der Rubel so stark bleiben werden. Vielmehr wird Öl teurer und der Rubel schwächer werden. Belenkaja erklärt:
“Der niedrige Preis für russisches Öl hängt mit der erheblichen Ausweitung des Preisabschlags von Urals gegenüber dem Brent-Benchmark Ende letzten Jahres zusammen, der durch neue US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil verursacht wurde.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sich die Ölgesellschaften in der Regel nach einigen Monaten an den verstärkten Sanktionsdruck anpassen, neue Handelsstrukturen und Logistikrouten aufbauen und dadurch den Preisabschlag verringern. Wir erwarten auch diesmal eine ähnliche Reaktion – in diesem Fall wird der durchschnittliche Preis für Urals-Öl in diesem Jahr höher sein als derzeit, aber möglicherweise niedriger als im Haushaltsgesetz für dieses Jahr vorgesehen.”
Ihrer Meinung nach lautet die Basisprognose wie folgt: Der Preis für Urals-Rohöl wird im Durchschnitt auf 50 bis 53 US-Dollar pro Barrel steigen, und der US-Dollar wird im Jahresdurchschnitt 85 Rubel kosten. Darüber hinaus könnten die Ölpreise noch weiter steigen und der Preisabschlag für russisches Öl aufgrund geopolitischer Faktoren stärker sinken. Dazu gehören die Spannungen in den Beziehungen zwischen den USA und dem Iran sowie eine mögliche Beilegung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Dies könnte die Öl- und Gaseinnahmen des russischen Haushalts erhöhen. Ein Anstieg des Ölpreises um einen US-Dollar pro Barrel könnte zu einem Anstieg der Öl- und Gaseinnahmen um 150 Milliarden Rubel führen, so die Expertin.
In dieser Hinsicht ist der Wunsch der USA, einen vierwöchigen Krieg gegen den Iran zu führen, für den russischen Haushalt von Vorteil, da Brent auf 80 US-Dollar pro Barrel steigen könnte, woraufhin auch der russische Urals-Ölpreis steigen würde.
In jedem Fall sind drastische Kürzungen der Haushaltsausgaben in der Regel eine extreme Option, aber eine “Drosselung” des Wachstums einzelner Posten und eine zeitliche Verschiebung eines Teils der Ausgaben sind durchaus möglich, meint Tschernow. Zuvor werden die Behörden jedoch andere Optionen ausprobieren. Sie könnten die Kreditaufnahme auf dem Binnenmarkt erhöhen, die Ausgaben sorgfältig zeitlich umverteilen, Reserven nutzen und die Nicht-Öl- und Nicht-Gas-Einnahmen durch Verwaltungsmaßnahmen sowie gezielte steuerliche und fiskalische Maßnahmen steigern, so der Experte.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 2. März 2026 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
Mehr zum Thema – Merz begrüßt Militärschläge gegen Iran: Angriffe sollen “Terror-Regime” beenden







