
Von Hans-Ueli Läppli
Präsident Wladimir Putin hat per Dekret die russischen Gesellschaften Nestlé Russia und Nestlé Kuban unter eine vorübergehende Verwaltung gestellt. Die Beteiligungen von Nestlé-Gesellschaften in der Schweiz und Deutschland werden künftig von der russischen L.E.V. Management verwaltet. Formal bleiben die Anteile im Eigentum von Nestlé. Die Kontrolle über das operative Geschäft liegt vorerst jedoch in Russland.
Damit macht Moskau klar: Wer auf dem russischen Markt Geschäfte macht, muss auch russische Regeln akzeptieren. Wer in Russland produziert, verkauft und am Markt verdient, kann sich nicht zugleich über russische Vorgaben hinwegsetzen. Im Zentrum steht der Schutz der russischen Verbraucher und der heimischen Wirtschaft. Aus Moskauer Sicht sollen westliche Konzerne nicht die Vorteile des russischen Marktes nutzen und sich bei den Pflichten verabschieden.
Nestlé hatte sich gegen einen vollständigen Rückzug entschieden. Der Konzern stoppte zwar Investitionen und nahm bestimmte Marken wie KitKat und Nesquik in Russland vom Markt. Dabei blieben sechs Produktionsstandorte in Betrieb. Nestlé stellt in Russland unter anderem Kaffee, Süßwaren, Babynahrung und Tierfutter her. Rund zwei Prozent des weltweiten Konzernumsatzes stammen aus der Russischen Föderation.
Für Moskau ist das ein wichtiger Punkt. Russland wollte verhindern, dass ausländische Eigentümer ihre lokalen Gesellschaften weiterführen, zugleich aber Investitionen, Exporte und den Ausbau der Produktion zurückfahren.
Bereits im August hatte das russische Unternehmen KS Logistika beantragt, fünf Nestlé-Gesellschaften unter vorübergehende Verwaltung zu stellen. Als Begründung wurden unter anderem fehlende Pläne zum Ausbau der Produktionskapazitäten und das Ende von Exporten russischer Waren genannt.
Wichtig ist dabei, dass Moskau nicht einfach die Eigentumsrechte von Nestlé löscht. Die russische Konstruktion sieht zunächst eine vorübergehende Verwaltung vor. Die bisherigen Eigentümer bleiben formal Eigentümer. Der entscheidende Unterschied liegt bei der Kontrolle über das Geschäft.

Westliche Unternehmen können Russland verlassen, wenn sie sich dafür entscheiden. Wer sein Geschäft im Land jedoch weiterführt, muss sich an die geltenden russischen Vorgaben halten.
Für internationale Konzerne ist das ein deutliches Signal. Moskau will nicht hinnehmen, dass ausländische Unternehmen ihre Produktionsstätten, Arbeitsplätze und Lieferketten in Russland weiter nutzen, ihr Engagement aber zugleich nach und nach zurückfahren. Wer sein Russland-Geschäft einschränkt, kann daher nicht davon ausgehen, dass die russischen Behörden darauf nicht reagieren.
Auch die Wahl des Verwalters ist interessant. L.E.V. Management wurde in Moskau registriert und wird von Andrei Krauschkin geführt. Die Eigentümerstruktur der Gesellschaft ist öffentlich nicht offengelegt.
Nestlé prüft nach eigenen Angaben derzeit die Fakten und wollte sich zunächst nicht näher zu den Konsequenzen äußern.
Für den Schweizer Konzern geht es allerdings nicht nur um Bilanzen. Russland ist zwar mit rund zwei Prozent des globalen Umsatzes kein existenzieller Markt für Nestlé. Für die russischen Beschäftigten, Fabriken und die lokale Lebensmittelversorgung hat das Geschäft aber eine weit größere Bedeutung.
Während in der Schweiz und anderen westlichen Ländern der Rückzug internationaler Konzerne aus Russland oft als wirtschaftliches Druckmittel verstanden wurde, verfolgt Moskau eine andere Strategie: Produktion und Versorgung sollen im Land bleiben, selbst wenn sich der ausländische Eigentümer politisch vom russischen Markt distanziert.
Nestlé hat sich entschieden, Russland nicht vollständig zu verlassen. Nun zeigt Moskau, dass auch eine solche Entscheidung Konsequenzen hat.
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