
Man könnte sagen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz nur das erforderliche andere Ende der Geschichte liefert:
Der 8. Mai 1945 brachte Befreiung – für Millionen von Menschen, für Deutschland, für Europa. Er mahnt, niemals zu vergessen, wozu Hass führen kann. Er verpflichtet für ein freies, demokratisches und solidarisches Deutschland in einem starken Europa einzustehen.
— Bundeskanzler Friedrich Merz (@bundeskanzler) May 8, 2026
Das ist gewissermaßen das andere Ende einer Sicht, nach der 1933 irgendwelche Aliens in Berlin landeten und Deutschland übernahmen. Am Ende hat sie das Datum verscheucht, warum auch immer. “Der 8. Mai brachte Befreiung”.
Nur die Älteren werden sich daran erinnern, wie lang das Ringen darum war, dass überhaupt von Befreiung gesprochen wurde. Zumindest in der westlichen Republik. In der östlichen war das andererseits selbstverständlich, schließlich waren dort Menschen in der Regierung, für die diese Befreiung ganz persönlich stattgefunden hatte, aus Gefängnissen und Konzentrationslagern. In der Bundesrepublik waren eher ihre Gefängniswärter an der Macht oder diejenigen, die die Baupläne für die KZs erstellt hatten.
Über Jahrzehnte hinweg betrachtete das offizielle Bonn den 8. Mai als Tag der Niederlage. Ergab ja auch einen Sinn, wenn man betrachtet, wer in den Bonner Ministerien saß. In dem Artikel von Dmitri Medwedew werden einige dieser Zahlen erwähnt, bis zu 77 Prozent NSDAP-Mitglieder im Innenministerium … Was nicht mitgesagt wurde, war, dass diese Zahlen aus historischen Untersuchungen stammen, die diese Ministerien selbst in Auftrag gegeben haben; allerdings erst, als die meisten Täter schon selig verschieden waren und alle mit Sicherheit nicht mehr im Dienst.
Wer in den frühen 1980ern in der Bundesrepublik vom Tag der Befreiung sprach, war ohnehin Kommunist. Auch das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Bei Friedrich Merz beispielsweise kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass er weder ehemalige politische Häftlinge der Nazizeit näher kannte noch Spanienkämpfer oder Deutsche, die während der Nazizeit im Exil lebten. Er erweckt auch nicht wirklich den Eindruck, dass ihm deutsche Geschichte überhaupt am Herzen liegt. Vielleicht, weil da selbst bei den Eltern nichts war, das irgendein längeres Nachdenken ausgelöst hätte. Keine Katastrophen. Keine Widersprüche.
Wenn da ein wirklicher Bezug wäre, wenn die Sicht als Tag der Befreiung nicht nur eine Anpassung an die mittlerweile geänderte Konvention wäre, sondern etwas Empfundenes, dann wäre dieses bezugslose “der 8. Mai brachte” gar nicht möglich. Aber abgesehen von den Eliten der Westrepublik – die eben immer dieselben waren – gehörten auch die Erzählungen, die nachvollziehen lassen, was für ein Tag das war, auf die andere Seite der deutsch-deutschen Grenze:
Wie “Die Fahne von Kriwoj Rog” von Otto Gotsche, eine Fahne, die es gibt, die heute im Haus der Geschichte irgendwo aufbewahrt wird, die zwölf Jahre lang versteckt wurde. Wenige Bilder zeigen so stark den Moment der Befreiung wie die Geschichte dieser Fahne, die aus dem Versteck geholt wird, als sich die sowjetischen Truppen nähern, und die ihnen dann entgegengetragen wird. Für all jene, die der Naziideologie nicht verfallen waren, steht dieses Datum für den Moment, an dem sie wieder sein konnten, wer sie waren, ohne Vorsicht, ohne Verstellung.
Man kann sehen, wie die Erzählung von der Befreiung von jenem Moment, an dem sie erstmals im Westen offiziell wurde, in der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985, bis heute an Inhalt verloren hat. Symptomatisch dafür, wie schwierig das war, ist, dass selbst Willy Brandt, der als Emigrant einer der wenigen “unbelasteten” westlichen Politiker war, das Wort nicht gebrauchte. Gustav Heinemann, einer der Amtsvorgänger von Weizsäckers und einer der aufrechtesten bürgerlichen Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik, deutete ihn auch nur an. Auf seiner ersten Auslandsreise nach seiner Wahl 1969 in die Niederlande sagte er:
“Wir haben das Hitler-Regime nicht zu verhindern gewusst und auch nicht aus eigener Kraft abgeschüttelt. Umso mehr haben viele Menschen auch in Deutschland seinen Zusammenbruch als Befreiung empfunden.”
Für ihn war das der Makel, dem nicht entronnen werden konnte: nicht imstande gewesen zu sein, die Naziherrschaft zu verhindern, und die Befreiung von außen zu erfahren. Aber Heinemann wäre nie auf den Gedanken gekommen, die Erinnerung an die Befreier zu verhüllen oder gar zu unterschlagen.
Befreiung brachte nicht der 8. Mai, Befreiung brachte vor allen anderen die Rote Armee. Die Naziwehrmacht wurde im Osten gebrochen, nicht bei den Geplänkeln an der Westfront, sondern in jahrelangem, blutigem Ringen. Aber Merz würde nie der Roten Armee danken. Seine Vorfahren waren vermutlich am 8. Mai 1945 längst damit beschäftigt, wie sie sich bei den neuen britischen Herrn einschmeicheln könnten – was gar nicht so schwer war, denn in der britischen Besatzungszone wurden bereits 1946 wieder die Kommunisten verhaftet und nicht die Nazis.
Das macht es natürlich besonders leicht, den Schwenk zu vollziehen, der letztlich das Problem mit der Kontinuität der Macht und den nicht zu verhüllenden Verbrechen zugunsten dieser westlichen Eliten löste. Dass ab Anfang der 1980er Jahre das Thema Holocaust die gesamte sonstige Erinnerung überlagert, hat auch damit zu tun, dass man hier gewissermaßen eine Schuld eingestehen konnte, ohne dadurch innenpolitische Konsequenzen auszulösen. Man stelle sich nur einmal vor, in der Westrepublik hätte es eine Erinnerungskultur zu den kommunistischen Opfern – und zum kommunistischen Widerstand – gegeben. Die ganze Verteufelung der DDR hätte so nicht funktionieren können, von einer Gleichsetzung ganz zu schweigen.
Inzwischen sind wir einige Schritte weiter. So, wie es bei Merz einzig “Hass” als Motor für den Nazismus gibt, nicht Profitgier, nicht die Lösung der Wirtschaftskrise durch Krieg, schon gar nicht eine aktive und entscheidende Rolle der deutschen Industrie – also der Verweis auf ein Gefühl an die Stelle der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen belegten rationalen Interessen tritt, so verschwinden eben auch die Befreier. Und man ist versucht, in ganz großen Lettern seine jämmerliche Darstellung mit “Dank der Roten Armee” zu übermalen.
Was natürlich nicht geht, denn das ist verboten. Wie praktisch. Und natürlich besteht eine der wirksamsten Methoden für die Löschung von Tatsachen aus dem Gedächtnis darin, Schweigegebote zu verhängen. Oder die Symbole genau an dem einen Tag zu verbieten, an dem sie überhaupt öffentlich erkennbar gezeigt werden.
Man täuscht sich, wenn man meint, es ginge wirklich darum, die Bandera-Ukrainer nicht zu kränken. Die sind praktisch, aber, das wird überdeutlich durchexerziert, letztlich Kanonenfutter. Nein, das Schweigegebot richtet sich nach innen. Klar freuen sich Gestalten wie Merz oder ein Roderich Kiesewetter darüber, wenn sie meinen, sie könnten “die Russen” kränken. Und leider gibt es aktuell zu wenige Deutsche, die sie damit ebenfalls kränken, weil der heute behauptete Antifaschismus nur noch extrem selten das ist, was er zu sein behauptet.
Dennoch geht es bei dieser verzerrten Geschichte um Deutschland. Erkennbar wird das in den Sätzen, die Gustav Heinemann gebrauchte. Wie viele Menschen gibt es im heutigen Deutschland, die längst schon aufpassen, was sie wem sagen? Was tut diese endlose Kriegshysterie mit all jenen, die sie nicht teilen und nicht teilen wollen? Wie verbreitet ist heute schon die Scham, “nicht zu verhindern gewusst” zu haben?
Der wirklich kritische Punkt liegt genau in dieser Angewiesenheit auf die Rettung von außen, die einen Gustav Heinemann über zwanzig Jahre später noch schmerzte. Woher soll die Kraft kommen, das Übel abzuschütteln, den Drang zum Krieg aufzuhalten, wenn in der gesamten Gesellschaft schon lang nicht mehr das Widerstehenkönnen kultiviert wird, sondern das Mitlaufen? Ein in Deutschland lebender Freund schrieb mir heute:
“Ich bin jetzt etwas weniger böse auf meine Großeltern. Die waren nicht schlechter oder naiver als die Menschen heute.”
Auch in der DDR war das Gedenken sicher nicht einfach, denn der Schmerz, den Gustav Heinemann artikulierte, galt auch für die Kommunisten und die Sozialdemokraten, die in den Lagern saßen. Bei allem Heldenmut, aller Opferbereitschaft – ihr Widerstand hatte keinen Erfolg, und die Befreiung war nicht ihr Werk. Das ist, neben der Trauer um die Opfer, ein Schmerz, der nicht vergeht.
In der Welt des Friedrich Merz existiert nichts davon. Er stapft übers Land, von nichts anderem überzeugt, von nichts anderem angetrieben als von einem künftigen Krieg, der allzu sehr wie eine schlechte Wiederholung des letzten aussieht. Vor diesem Ziel schwindet alles. Alles, was er zu anderen Dingen sagt, ist leer, entbehrt jeder Bedeutung, jeder Andeutung von Leben.
Nichts, wirklich nichts hätten sich all die Menschen, für die dieser 8. Mai eine Befreiung war, weniger gewünscht als “die stärkste Armee Europas”. In einem Friedrich Merz hätten sie, wenn nicht ihre Peiniger, so doch deren Steigbügelhalter erkannt. Nichts fasst das, woran man am 8. Mai denken sollte, besser zusammen als der Schwur von Buchenwald:
“Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.”
In Buchenwald saßen Gefangene aus vielen europäischen Ländern, darunter der spanische Schriftsteller Jorge Semprún. Das ist das eine Europa. Und dann ist da das Europa der SS‑Freiwilligenverbände – mit den Balten und den Ukrainern ganz vorn dabei.
Was heute in Deutschland an die Stelle des Buchenwaldschwurs getreten ist, dieses Schweben zwischen dem Nichts und dem Krieg, das auch die Sätze von Merz prägt, wird in dem Plakat der Berliner Polizei, das als Titelbild dient, hervorragend zusammengefasst.
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