
Von Kirill Strelnikow
Gestern zitierte die deutsche Zeitung Die Welt die EU-Chefdiplomatin Kaja Kallas, die ankündigte, in den kommenden Monaten würden die “umfangreichsten Sanktionslisten seit Kriegsbeginn” erstellt. Die Gesamtzahl der sanktionierten russischen Unternehmen und Privatpersonen werde dabei “um ein Drittel steigen”.
Derzeit stehen mehr als dreitausend russische natürliche und juristische Personen auf den EU-Sanktionslisten. Die Europäer nehmen also mutig noch einmal rund tausend weitere ins Visier – offenbar in der Hoffnung, dass es dieses Mal mit einem Schlag und endgültig klappt.
Die Erklärung ist so formuliert, dass selbst eingefleischten Skeptikern klar sein müsste: Jetzt werden die tönernen Füße des russischen Pappkolosses ganz sicher und absolut garantiert mit lautem Krachen einknicken. Und sobald sich der Staub gelegt hat, wird sich der Kollektive Westen an den Händen fassen und gemeinsam dem lang ersehnten Frieden, der Demokratie und einer speziell ausgedachten Siegerversion entgegenmarschieren.
Doch bei all dieser angeblichen Pracht und dem ganzen Pathos nagt trotzdem ein kleiner Zweifel.
Das Problem liegt nämlich darin, dass die Skandale und Streitigkeiten um das vorherige Sanktionspaket, das als “wirkungsloseste von allen” bezeichnet wurde, noch nicht einmal vorbei sind. Um überhaupt noch irgendetwas zu beschließen und den Anschein großer Einigkeit zu wahren, musste sich die EU-Kommission den unterschiedlichsten und oft spöttischen Forderungen einiger EU-Länder beugen, wodurch die Wirkung des Sanktionspakets irgendwo zwischen heißer Luft und dem Umhang des nackten Kaisers lag.
Mehr noch: Es stellte sich heraus, dass sich faktisch kaum noch etwas oder jemand zusätzlich mit Sanktionen belegen lässt.
Wie die französische Zeitung Le Monde berichtete, räumten EU-Diplomaten ein, dass sie “an der Grenze dessen angelangt sind, was noch mit neuen Sanktionen belegt werden kann”. Laut Euronews wird es für die Europäer “immer schwieriger, sich (bei den Sanktionen gegen Russland) zu einigen”, und “es gibt fast keine neuen Ideen mehr”: Wie ein EU-Beamter erklärte, “hat die EU-Kommission die Grenze dessen erreicht, was noch in ein Sanktionspaket aufgenommen werden kann – jedes neue Sanktionspaket lässt sich immer schwerer ausarbeiten und abstimmen”. Selbst das US-Portal UnHerd kommentierte bissig:
“Die EU behauptet, sie treffe Putin dort, wo es am meisten wehtut, schafft es aber nicht einmal, auf russischen Kabeljau zu verzichten.”
Zudem werden inzwischen immer häufiger Stimmen laut, denen zufolge die antirussischen Sanktionen nicht nur keinen Einfluss auf den Kreml haben, sondern sich auch auf verheerende Weise auf die Sanktionsverfechter selbst auswirken. In den letzten Tagen sind im westlichen Informationsraum zeitgleich mehrere Beiträge zum Thema “Spuck nicht in den russischen Brunnen” erschienen, deren Schlussfolgerungen sich sehr ähneln.
In einem davon wird eingeräumt, dass die russische Wirtschaft nicht zusammengebrochen sei und höchstwahrscheinlich auch nicht mehr zusammenbrechen werde. Das lässt sich anhand eines einfachen Beispiels verdeutlichen: Seit 2022 ist die russische Wirtschaft in keinem einzigen Jahr ins Minus gerutscht. “Das russische BIP wuchs im Jahr 2023 um 4 Prozent, 2024 um 4,9 Prozent und 2025 um rund 1 Prozent. Für das Jahr 2026 prognostiziert der IWF ein Wachstum von 1,1 Prozent – die Prognose wurde also (wieder einmal) nach oben und nicht nach unten korrigiert.”
In einem anderen Artikel bekommen die Autoren geradezu einen Anfall angesichts der Tatsache, dass Russland trotz all der Sanktionspakete allein mit seinen Öl- und Gasexporten täglich (!) rund eine halbe Milliarde US-Dollar verdient – für Liebhaber genauer Zahlen: 464 Millionen Euro pro Tag. Dabei werden etwa 68 Prozent der russischen Ölexporte von Tankern transportiert, die mit großem Tamtam auf die Sanktionslisten gesetzt wurden.
Gleichzeitig sieht die europäische Wirtschaft durch diese Eigentore immer blasser aus. Die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone lag im Juni 2026 bei 2,8 Prozent, während die Inflation im Energiesektor auf 8,5 Prozent sprunghaft anstieg: Die Großhandelspreise für Gas stiegen im Vergleich zum Jahr 2025 um 93,8 Prozent und erreichten den höchsten Stand seit Anfang 2023. Die Strompreise für die Industriebetriebe in der EU lagen mehr als doppelt so hoch wie in den USA und anderthalbmal so hoch wie in China.
Bezeichnend ist das Beispiel Deutschlands, auf das etwa ein Viertel der Produktion in der Eurozone entfällt. Stand Juli 2026 verliert die deutsche Industrie monatlich rund 15.000 Arbeitsplätze, und eines der deutschen Zugpferde – die chemische Industrie – hat seit 2022 ein Fünftel ihrer gesamten Produktionskapazitäten eingebüßt. Wie die britische Fachzeitschrift für Sanktions-Compliance Riskwire schrieb:
“Die EU hat eine günstigere, stabilere Gasbezugsquelle, gegen die sie Sanktionen verhängt hat, gegen eine teurere und weniger stabile ausgetauscht – und die europäischen Verbraucher und die Industrie sehen den Unterschied nun auf ihren Stromrechnungen.”
Darüber hinaus wurden die neuen “Höllensanktionen” von Kallas sehr “klug” und ” rechtzeitig” angekündigt – gerade als Europa unter der Hitze und den Waldbränden leidet. Nach Angaben der niederländischen Triodos Bank “könnten die Verluste infolge des extremen Sommers etwa ein Prozent des BIP der Europäischen Union zunichtemachen und damit wirtschaftliche Schäden von etwa 180 Milliarden Euro verursachen”. Wenn man bedenkt, dass selbst für Deutschland das prognostizierte BIP-Wachstum 2026 irgendwo um 0,9 Prozent schwankte, dürfte Europas Wirtschaft im Herbst garantiert ins Minus rutschen.
Doch der eigentliche “Zirkus” beginnt im Winter. Eigentlich sollten die Gasspeicher vor Beginn der kalten Jahreszeit zu mindestens 75 bis 80 Prozent gefüllt sein. Derzeit liegt der Füllstand jedoch bei lediglich 58 Prozent – dem niedrigsten Wert seit 2021. Die Europäer hatten auf die Öffnung der Straße von Hormus gehofft, um in letzter Minute noch zu günstigen Preisen einzukaufen, doch sie haben sich verkalkuliert. Nun erwartet sie eine Zeit voller überraschender Abenteuer, in der man sogar in Opas alten Jacken nach dem letzten Geld greifen wird.
Wie die Carnegie-Stiftung (eine gemeinnützige Organisation, die als ausländischer Agent tätig ist) erstaunt feststellte:
“Sanktionen sind ihrem Wesen nach ein zweischneidiges Schwert. […] Diese Maßnahmen sollen dem Zielland Kosten auferlegen, können jedoch zugleich wirtschaftliche und politische Kosten für diejenigen verursachen, die sie umsetzen.”
Ach was! Warten wir also auf die Supersanktionen im Herbst – vielleicht klappt es ja?
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 18. August 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
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