
Wer sich in Japan sein Bad neu einrichten will, könnte bald ins Leere schauen: Japanischen Medienberichten zufolge gab der japanische Bademöbelhersteller Toto diese Woche bekannt, keine weiteren Bestellungen für seine vorgefertigten Badezimmereinheiten mehr anzunehmen. Zwar erklärte die Firma nur einige Tage später, ab dem 20. April seien Bestellungen wieder möglich. Ein Sprecher der Firma äußerte sich jedoch skeptisch, ob Verhandlungen der japanischen Regierung mit Rohstoffhändlern Lieferungen im ausreichenden Umfang gewährleisten könnten.
Der Grund für die kurzzeitige Annahmeverweigerung von Bestellungen: ein Mangel an organischen Lösungsmitteln, die wichtige Bestandteile von Klebstoffen und Beschichtungsmitteln sind. Die Grundlage für diese Substanzen ist Naphtha, ein Erdölprodukt. Die unsichere Lage im Nahen Osten und die Schließung der Straße von Hormus führen zu einer zunehmenden Knappheit dieses Rohstoffs in Japan.
Auch andere Branchen sind vom Naphtha-Mangel betroffen: Der Lackhersteller Kansai Paint hat Lieferbeschränkungen für seine Verdünnerprodukte eingeführt. Anlagen zur Herstellung von Ethylen (das Gas ist von Bedeutung für die Kunststoffherstellung) drosselten ihre Produktion. Und die Haushaltsreiniger-Firma Lion verschob die für Sommer geplante Markteinführung eines neuen Waschmittels. Denn auch die darin enthaltenen Tenside beruhen auf dem Grundrohstoff Naphtha. Liefereinschränkungen hat auch der Arznei- und Konsumgüter-Produzent Kobayashi Pharmaceutical zu verzeichnen: Bei ihm sind Lufterfrischer und Mundpflegeprodukte betroffen – die Kunststoffe für die Verpackung fehlen.
Durch den Naphtha-Mangel steigen die Kosten innerhalb der gesamten Lieferkette. Japan importiert 60 Prozent seines Naphthas, 70 Prozent der Importe stammen wiederum aus dem Nahen Osten. Und auch für die inländische Raffination von Naphtha ist natürlich Rohöl erforderlich, das Japan aus Übersee bezieht. Der Analyst Yuta Nishiyama bezifferte Mitte März Japans Naphtha-Reserven auf lediglich 20 Tage. Die Rohölreserven reichten 250 Tage, aber sie würden natürlich vorrangig für die Herstellung von Benzin herangezogen werden müssen.
Weniger düster sieht die Lage der Präsident des Chemieunternehmens Asahi Kasei, der am vergangenen Mittwoch erklärte, die japanischen Materialhersteller würden noch bis Ende Juni über ausreichend Naphtha-Vorräte verfügen. Zudem sei Naphtha, das nicht aus dem Nahen Osten stamme, doppelt so teuer wie üblich. Und die Preise dürften weiterhin hoch bleiben. Asahi Kasei kündigte zudem an, die Preise für seine Küchenartikel – etwa Frischhaltefolie – um bis zu 35 Prozent zu erhöhen.
Die Verunsicherung in der japanischen Industrie bleibt, auch wenn die japanische Premierministerin Sanae Takaichi in einem X-Post von Anfang April versichert hatte, das Land besäße insgesamt Vorräte von Naphtha und seinen Zwischenprodukten, die vier Monate reichten. Außerdem verdopple Japan seine Naphtha-Importe aus anderen Weltgegenden, so dass sich der Vorrat auf mehr als ein halbes Jahr ausdehnen könne. Der Beruhigungsversuch scheint nichts genutzt zu haben, denn am 17. April musste Takaichi mit Blick auf Rohöl und Erdölprodukte “Ungleichgewichte in einigen Bereichen und Störungen im Warenfluss” eingestehen.
Um Bedenken über die Versorgung mit medizinischen Einweghandschuhen auszuräumen, gab Takaichi bekannt, der japanische Staat werde ab Mai 50 Millionen Stück aus seinen Reserven an medizinische Einrichtungen ausgeben, die Schwierigkeiten bei der Beschaffung hätten. In weiteren Posts bewarb die Premierministerin eine staatliche Beratungsstelle, bei der sich Unternehmen mit Rohstoffengpässen melden könnten. Etlichen Unternehmen hätte schon geholfen werden können.
Doch die Lage bleibe prekär, warnen Analysten. Im Sommer, wenn die Benzinnachfrage in den USA und Europa durch den Reiseverkehr steige, könnte es zu einer Verknappung des Naphtha-Angebots in Asien kommen. Denn Naphtha wird auch als Benzin-Zusatz benötigt.
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