
Von Olga Samofalowa
Die Europäische Union wollte sich so sehr aus der Abhängigkeit von russischem Gas lösen, dass sie sich stattdessen stark von US-amerikanischem Flüssigerdgas (LNG) abhängig machte. Damit erhielten die USA die Möglichkeit, die EU zu erpressen – also Gas als energiepolitische Waffe einzusetzen. Dabei hatte der Westen stets versucht, genau dieses Verhalten Russland vorzuwerfen. Doch die Geschichte gibt jedem das, was er verdient.
So erklärte US-Energieminister Chris Wright, Europa werde die Folgen zu spüren bekommen, wenn die EU ihre Vorschriften zu Methanemissionen nicht ändere: Dann werde US-amerikanisches LNG an Europa vorbeigeleitet.
Diese umstrittene Regelung zur Verringerung der Methanemissionen im Energiesektor, die die EU-Kommission 2024 verabschiedet hat, wollen die USA nicht einhalten. Ab dem 1. Januar 2027 sollen Gasimportverträge nur noch möglich sein, wenn die europäischen Berichtsstandards eingehalten werden. Diese Vorschriften verlangen eine Überwachung von Leckagen und verbieten das routinemäßige Abfackeln und Ablassen von Gas. Bei Verstößen gegen diese EU-Vorgaben müssten LNG-Lieferanten Strafen zahlen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine Art Eintrittspreis für den EU-Markt.
Damit will Europa Investitions- und Nachfragereize für erneuerbare Energien setzen. Die Gaslieferanten sind jedoch äußerst unzufrieden. Auch Katar brachte bereits seine Verärgerung über diese Vorgaben zum Ausdruck.
Und wohlgemerkt: Die USA sind mittlerweile zum größten LNG-Lieferanten der EU aufgestiegen ‒ ihre Exportmenge übersteigt 100 Milliarden Kubikmeter. Katar lag noch vor der Nahostkrise und der Sperrung der Straße von Hormus an dritter Stelle hinter Russland.
Norwegen liegt derzeit zwar noch vor den USA, allerdings nur bei den Gesamtlieferungen aus LNG und Pipelinegas. Doch bereits im Jahr 2027 könnten die Lieferungen von US-amerikanischem Gas die gesamten norwegischen Gaslieferungen überholen. Denn die Norweger haben keine Möglichkeit, ihre Gaslieferungen zu steigern, während die USA dazu in der Lage sind – dort wird eine enorme Anzahl neuer Verflüssigungsanlagen gebaut.
Sollten die USA ihre Gaslieferungen an Europa einstellen, würde dies eine schwerwiegende Energiekrise für den Markt der Alten Welt bedeuten. Denn die Gaspreise innerhalb der EU würden sofort in die Höhe schnellen, da der Markt versuchen würde, das andernfalls nach Asien abfließende LNG wieder nach Europa zu holen.
Europa dürfte zwar kaum frieren müssen, doch eine neue Welle der Deindustrialisierung wäre damit vorprogrammiert. Damit Gas und Wärme für normale Verbraucher – Wohnhäuser, Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen – ausreichen, müsste der Verbrauch in der Industrie gedrosselt werden. Das würde einen weiteren Rückgang der Produktion und weitere Werksschließungen bedeuten.
Die erste Welle trat ein, nachdem die EU durch ihr eigenes Vorgehen russischem Gas im Umfang von mehr als 100 Milliarden Kubikmetern den Zugang zu ihrem Markt versperrt hatte. Nun könnte sich dieses Szenario auch mit den USA wiederholen.
Es mag ironisch klingen, doch in dieser Situation kann nur russisches Erdgas die europäische Industrie retten. Und so wird Europa mal das US-amerikanische LNG, mal das russische Erdgas als “Molekül der Freiheit” bezeichnen. Katarisches LNG wird hier nicht helfen – allein schon deshalb, weil die EU es mit denselben Strafen für Methanemissionen belegen würde. Hinzu kommt, dass Katar bei den Liefermengen sowohl hinter den USA als auch hinter Russland zurücklag.
Wie man sieht, muss das US-Energieministerium gar nichts unternehmen – es sind weder Sanktionen noch Verbote erforderlich. Sobald den Lieferanten von US-amerikanischem LNG hohe Strafen drohen, werden sie sich von selbst von Europa abwenden und ihre Lieferungen an Europa vorbei nach Asien umlenken.
Es sieht also so aus, als müsse die Europäische Union doch einen Weg finden, ihre neuen Umweltvorschriften anzupassen oder zumindest deren Einführung aufzuschieben. Denn für das Jahr 2027 hat sich Brüssel bereits ein “spannendes Unterfangen” namens “Wie übersteht man den Winter ohne russisches LNG?” ausgedacht.
Im kommenden Winter steigt in Europa die Nachfrage nach Gasimporten drastisch an. Zum einen, weil dies der erste Winter ohne russisches LNG sein wird – die nach US-amerikanischem LNG zweitgrößte Bezugsquelle. Ab Januar tritt ein vollständiges Einfuhrverbot für russisches LNG in Kraft. Zum anderen hat sich aufgrund der Nahostkrise und des Gaspreisanstiegs die Befüllung der unterirdischen Gasspeicher im Vorfeld des Winters verlangsamt. Schon jetzt ist klar, dass die Gasspeicher weniger gefüllt sein werden, als man es sich wünschen würde. All diese Faktoren werden zu einem Anstieg der Gaspreise beitragen.
Europa sollte also zunächst einmal erleben, wie es ist, ohne russisches LNG und ohne volle Gasspeicher zu überwintern. Gleichzeitige Probleme mit US-amerikanischem und katarischem LNG kämen da gerade gar nicht gelegen.
Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sich die Lage für die EU in Zukunft so deutlich verbessern wird, dass sie sich einen solchen “Luxus” wie Strafen für LNG-Lieferanten leisten könnte. Ab November 2027 will Brüssel auch die Lieferungen von russischem Pipelinegas vollständig verbieten. Sofern sich Ungarn und die Slowakei nicht gegen diese Entscheidung Brüssels wehren, wird dies tatsächlich umgesetzt werden. Der vollständige Wegfall russischen LNGs und russischen Pipelinegases auf dem europäischen Markt bedeutet, dass diese Mengen durch etwas anderes ersetzt werden müssen. Ein naheliegender “Anwärter” ist natürlich US-amerikanisches LNG, weil nur dieses diese Marktlücke füllen kann. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Lieferungen von US-amerikanischem LNG im Jahr 2027 erstmals in der Geschichte der EU die gesamten Gaslieferungen aus Norwegen überholen werden. Eine solche Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten gab es in Europa bisher noch nie. Und das bedeutet, dass man dem Partner jenseits des Atlantiks noch besser gehorchen muss.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. Juli 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.
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