
Von Dagmar Henn
Eigentlich genügt ja die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas als abschreckendes Beispiel. Aber bisher scheint das noch nicht viel zu nützen; es werden sogar estnische “Sicherheitsexperten” herumgereicht, um zu erklären, dass Russland ganz dringend Rügen besetzen wolle.
Nun hat Rügen zwar ein hübsches kleines Museum zur Geschichte der Volksmarine, aber ansonsten ist da außer Ferieninfrastruktur wenig Interessantes zu holen. Vielleicht liegt ja deshalb der Tanker Eventin immer noch vor der Küste, um einen kleinen Köder hinzuzufügen. Rechts davon gibt es eine viel kleinere Insel, auf der sich wenigstens brisantes Material finden ließe, im Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, das zu Viehseuchen forscht und interessanterweise in der Ukraine im Auftrag der Bundeswehr auch mit einem Labor aktiv war. Doch Rügen?
Aber zurück zu den estnischen Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Der Münchner Merkur und andere Blätter berufen sich da auf Erkki Koort. Dieser Herr studierte an der Estnischen Akademie für Sicherheitswissenschaften, aber im Polizeistudiengang. Dann machte er zehn Jahre später einen Master in Verwaltung. Nach Angaben der Universität Tartu, genau genommen ihrem Online-Verzeichnis estnischer Schriftsteller, hat er für den Inlandsgeheimdienst und das Innenministerium gearbeitet, sich zuletzt aber eher dem Schreiben historischer Romane über Estland im 14. Jahrhundert gewidmet; damals hatten sich Dänemark und der Deutschritterorden das kleine Land geteilt. Jedenfalls darf man, wenn von estnischen Experten die Rede ist, eigentlich nie vergessen, dass das Land weniger als 1,4 Millionen Einwohner hat, die Konkurrenz also nicht allzu groß ist.
Von diesem Experten stammt ein Szenario, nach dem “Putin” Rügen überfallen könnte:
“Rügen hingegen ist über eine Brücke mit dem deutschen Festland verbunden. Dies könne russischen Soldaten die Infiltration erleichtern, meint der Experte. Sie könnten schrittweise, in kleineren Gruppen als Touristen getarnt, auf die Insel kommen. In einer weiteren Angriffswelle könnte die russische Armee zusätzliche Soldaten ohne Hoheitskennzeichen auf Rügen anlanden lassen – beispielsweise von einem Schiff der sogenannten Schattenflotte oder von einer großen Jacht. Mit einer ähnlichen Operation hatte Russland die ukrainische Halbinsel Krim im Jahr 2014 besetzt.”
Nur, um für ein wenig historische Genauigkeit zu sorgen: Russland hatte es gar nicht nötig, Soldaten von “außen” auf die Krim zu holen, da ganz legal auf Grundlage eines mit der Ukraine geschlossenen Vertrags 12.000 Soldaten der russischen Schwarzmeerflotte dort stationiert waren. Auch die russische Marine hat Spezialeinheiten. Die mussten nur ihre Kasernen verlassen.
Und viele davon stammten ohnehin von der Krim selbst; so wie auch viele Angehörige der ukrainischen Marine, von denen auch etwa 20.000 auf der Krim stationiert waren, aber nur 2.000 dann die Krim verließen; der Rest wechselte zur russischen Marine. Man kann allein aus dieser Konstellation erkennen, warum der Wunsch der Putschregierung, den Vertrag mit der Schwarzmeerflotte zu lösen und die Ukraine in die NATO zu bringen, dort auf keine Gegenliebe stieß – das hätte bedeutet, dass sich Nachbarn plötzlich feindlich gegenüberstehen.
Aber der Herr ist Este. Und auch wenn er als heute Fünfzigjähriger das Russische vermutlich wenigstens beherrscht, könnten ihn seine ideologischen Vorurteile daran gehindert haben, einen Blick auf die russische Seite der Geschichte zu werfen.
Dass da “Vorurteile” womöglich noch eine Untertreibung ist, zeigt sich an einer anderen Stelle. Als Begründung, warum er meint, Russland könne Deutschland angreifen, heißt es nämlich:
“Grundsätzlich ist Deutschland Koort zufolge als Angriffsziel fest in der ‘russischen DNA’ verankert. Grund dafür sei der Zweite Weltkrieg. ‘Dieses kulturelle Erbe ist nicht nur Teil des Regimes, sondern auch eine Mentalität der einfachen Bevölkerung’, sagt der Leiter des Instituts für Innere Sicherheit an der Estnischen Akademie der Sicherheitswissenschaften.”
Allein diese Stelle hätte stutzig machen müssen. Wer hat noch einmal wen angegriffen im Zweiten Weltkrieg? Wie war das mit dem Unternehmen Barbarossa? Historisch findet sich das immer nur andersherum, und zwar bis zurück bis 1242 zur Schlacht auf dem Peipussee, der Koort etwas sagen müsste, schließlich verläuft durch ihn die Hälfte der estnisch-russischen Grenze. Und es gibt diese Schlacht verfilmt von Sergei Eisenstein, mit Musik von Sergei Prokofjew. Damals war dort der Eroberungszug der Deutschritter Richtung Osten gestoppt worden.
Und jedes weitere Mal war es erst die Gegenbewegung, der Abschluss der Verteidigung, die hier als “Angriff” Russlands auf Deutschland gedeutet wird. Zuletzt eben nach dem Überfall der Naziwehrmacht. Also, wenn etwas in der “russischen DNA” verankert ist, dann, vor deutschen Überfällen auf der Hut zu sein; ein Angriffsziel ist weit eher in der deutschen DNA verankert.
Wer jedoch die Niederringung der Naziarmee als “Angriff” gegen Deutschland deutet, der muss sich mit den angreifenden Nazis identifizieren. Anders ist diese völlige Umkehrung der Geschichte nicht zu erklären.
Übrigens, der direkt gewählte Abgeordnete für Rügen ist von der AfD. Rügen, das einmal einer der wichtigsten Standorte der DDR-Volksmarine war, hat für die Bundesmarine kaum eine Bedeutung, und die Fischerei ist unter Ägide der EU auch längst nicht mehr das, was sie einmal war. Die Rügener sind wahrscheinlich nicht sehr daran interessiert, von der NATO vor vermeintlich drohenden Russen geschützt zu werden.
Die verkehrte Sicht auf den Zweiten Weltkrieg jedenfalls, die Koort zu erkennen gibt, müsste als Signal, was von seinen übrigen Bewertungen zu halten ist, eigentlich genügen. Tut sie es aber nicht. Dafür gibt es dann noch einen Expolitiker der FDP, “mittlerweile in der Rüstung tätig”, welch Überraschung bei der Partei von Marie-Agnes Strack-Zimmermann, der den estnischen Märchenerzähler noch bestätigt:
“Erkki Koort hat recht. Putins Russland baut sein Angriffspotenzial auf die NATO seit Jahren systematisch aus. Bei einer Invasion wäre Deutschland die Drehscheibe für die Unterstützung der Bündnispartner.”
Das mit der Drehscheibe trifft ja zu, aber doch nicht über Rügen … Wenn überhaupt im Osten, dann Rostock, aber die Bundeswehr ist eine Westarmee, da reden wir von Hamburg, Bremen, Wilhelmshaven … Und warum sollte man dafür überhaupt irgendeine Insel einnehmen, wenn man das Problem von über Wasser transportierten Truppen mit Raketen lösen kann?
Nein, es geht nur darum, den doofen Deutschen wieder einmal weiszumachen, dass morgen der böse Iwan vor der Tür steht, um noch ein paar Milliarden mehr für Rheinmetall rauszuholen. Auf Rügen selbst erschreckt eine solche Erzählung, mit oder ohne estnischem Märchenonkel, aber vermutlich nur westdeutsche Touristen.
Mehr zum Thema – Für Frieden und eine gerechte Kommunalpolitik – Bürgermeister von Hiddensee schreibt Offenen Brief