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Drohnen über Moskau – Beobachtungen am russischen Wahlsonntag

rtnews by rtnews
20/09/2026
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In der Nacht von Samstag auf Sonntag erlebte die Moskauer Region den bislang größten ukrainischen Luftangriff. Es gab Tote und Verletzte, Zerstörungen und brennende Raffinerien. Unser Autor mischte sich an einem der getroffenen Wohnhäuser unters Volk und lauschte den Gedanken der Menschen.

Von Alexej Danckwardt

Dieses Volk ist wahrlich nicht unterzukriegen …

Am frühen Sonntagmorgen griff Selenskijs Ukraine wieder massiv Moskau an: Laut Bürgermeister Sergei Sobjanin handelte es sich um die bislang größte Attacke auf die russische Hauptstadt. Dem Verteidigungsministerium zufolge haben die Luftabwehrkräfte acht gelenkte ukrainische Fliegerbomben, acht “Flamingo”-Marschflugkörper (britisch-französischer Produktion, das Märchen mit den ukrainischen Herstellern glaubt hier keiner) und 1.951 Drohnen abgeschossen.

Ein, zwei Dutzend Drohnen kamen durch – Hauptziel war wohl die Erdölraffinerie im Süden Moskaus, dort gab es Brände. Aber auch Wohnhäuser wurden getroffen, eines in Moskau, mehrere in den Vorstädten, wo es auch zwei Tote und zwanzig Verletzte zu beklagen gibt. Einer der Treffer war in einem Nachbarort – ich bin nun ein “Submoskauer” – und ich machte mich am Vormittag auf den Weg ins betroffene Viertel.

Das Leben in dem Hof läuft als wäre nichts geschehen, als sein hier nicht Tausende vor wenigen Stunden durch einen lauten Knall aus dem Schlaf gerissen worden. Kinder spielen, Kuriere liefern aus, Menschen eilen vom und zum Einkauf oder gehen gemächlich spazieren. Nicht ein paar, Hunderte.

Ein Junge spricht ins Telefon, während er auf der Wippe liegend schaukelt: “Ach, die haben schon alles weggeräumt …”

Die Feuerwehr ist noch da, ich gehe also weiter. Im obersten Stockwerk ist die Einschlagstelle, die Verkleidung ist abgeblättert, aber wenn man genauer hinsieht, ist mehr weg als nur die Verkleidung. Von der anderen Seite sieht man es besser: Über dem Fenster ist nichts mehr, ein guter halber Meter Beton weg. Ob die Wohnung noch eine Decke hat? Die Toten und Verletzten gab es aber woanders, nicht hier.

In anderen Wohnungen der obersten Etagen sind die Fensterscheiben zerbrochen, Glas ist schon angeliefert. Drei Stunden nach dem Einschlag.

Eine Passantin telefoniert: “Hier war was los, sage ich dir …” Um die Ecke ist Alltag beim Friseur (ein “Barbershop”), in der Pizzeria, im Supermarkt. 

Ich mische mich unters Volk, lausche. Feuerwehrleute, alles junge Burschen, suchen den Eingang zum Keller, Vertreter von Haus- und Stadtverwaltung, beide mit Migrationshintergrund, debattieren, wer was aufzubauen hat. Schnell soll es gehen, hat der Gouverneur vorgegeben.

Ich setze mich auf eine Bank, tippe meine Eindrücke ein. Unweit steht eine Gruppe Männer, ich höre Gesprächsfetzen: “Das Problem ist, dass es in Kiew auch nur Zivilisten, Menschen wie wir, treffen würde. Selenskij sind die doch egal …” Man beratschlagt wohl ganz staatsmännisch, wie Russland antworten sollte. 

Das Problem ist nicht Selenskij allein, denke ich mir, ins Gespräch mische ich mich jedoch nicht ein. In Odessa gibt es einen Diakon der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, der kanonischen, die eigentlich zum Moskauer Patriarchat gehört, der dadurch berühmt wurde, dass er etwa in den Jahren 2015–2016 den damals noch jungen Maxim Tkatschuk unter seine Fittiche nahm. Den westukrainischen Jungen mit der Stimme eines Robertino Loretti, dem ukrainische Nationalisten das Leben zur Hölle machte, weil er mit dem Partisanenlied “Smugljanka” aufgetreten war.

Heute ist er selbst durchgedreht und zu einem Russenhasser und ukrainischen Patrioten geworden. Ich meine diesen Diakon, was mit Maxim ist, weiß ich nicht. Der Metropolit der UOK, Onufrij, hatte Russland 2022 der “Kain-Sünde” bezichtigt. Das, obwohl er doch besser als manch anderer weiß, dass die Ukraine keineswegs Abel, sondern der Inbegriff von Judas ist. In der Ukraine haben Millionen immer noch nichts begriffen …

Was man dagegen tun soll – ich weiß es nicht und rufe auch zu nichts auf. Die Erfahrung mit den Deutschen hat gezeigt, dass es nichts nützt, sie (um einen enormen Preis) zu besiegen und ihnen zu vergeben – spätestens in der dritten Generation ist der Gnadenakt der Vergebung vergessen, und Hass, Neid und Eroberungsabsichten wieder da.

Auf Telegram melden sich inzwischen die russischen Falken zu Wort. Dmitri Rogosin schreibt: 

“Die Angriffe des Feindes nehmen zu. Wir schießen sie massenhaft ab, aber sie fliegen weiter. Offensichtlich handelt es sich um eine gemeinsame Aktion aller Feinde Russlands, die die Ukraine als Abschussrampe nutzen. Sie überschütten die ukrainischen Streitkräfte hinterrücks mit Drohnen und anderen Mitteln des Luftangriffs. Wir stehen vor der Wahl: Entweder verlagern wir die Schläge auf das Territorium europäischer Unternehmen, die tödliche Waffen und Drohnen an die Ukraine liefern, oder wir greifen doch zum Knüppel, der unsere Kräfte und Chancen ausgleicht.”

Eine Anspielung auf Atomwaffen, offenbar.

Ein anderer Blogger, der aus Lettland wegen politischer Verfolgung geflüchtete Wadim Awwa, schreibt in seinem Telegram-Kanal “Russisches Tagebuch”:

“Großer Drohnenangriff auf Moskau. In der Region Moskau gab es Todesopfer. Die Drohnen erreichten Nowye Kotelniki – man kann sagen: Moskau. In Scheremetjewo wurden 150 Flüge gestrichen, der Flughafen wurde praktisch vorübergehend geschlossen. Eine Drohne traf die Raffinerie in Kapotnja. Beim Anflug wurde eine britisch-französische ‘Flamingo’ abgeschossen. England plant, bis Ende 2026 36.000 Drohnen zu liefern – teils für den eigenen Bedarf, teils für Kiew. Unsere ‘letzten chinesischen Warnungen’ sind ihnen völlig egal.

(…)

Im Grunde zeichnen sich drei Optionen ab:

1. Die Schlagkraft der Angriffe auf die Ukraine um ein Vielfaches erhöhen, mit einer vollständigen Isolierung der Häfen des Regimes am Schwarzen Meer und an der Donau sowie der vollständigen Stilllegung der Grenzübergänge für den Transit westlicher Waffen.

Ich weiß nicht, ob wir dazu in der Lage sind. Im Generalstab weiß man es.

2. An den Orten Rzeszów und Konstanza nukleare Abschreckungskrater zu schaffen und gleichzeitig den Ausschluss der baltischen Staaten und Finnlands aus der NATO sowie die Einstellung jeglicher Hilfe für das Regime von Selenskyj zu fordern.

3. Die präventive Vernichtung des europäischen Teils der NATO mit Atomwaffen.”

Die russische Zivilgesellschaft radikalisiert sich sichtbar. Nicht so die Männer in diesem Vorstadtinnenhof. In den Kommentaren auf dem Kanal von Margarita Simonjan, die den Betroffenen ihre Hilfe anbietet, schreibt jemand:

“In diesem Krieg kommen leider Zivilisten ums Leben. Es reicht jetzt wirklich!! In der Bibel steht: Gott ist Liebe. Kleine Kinder sterben, Mütter und Väter, während die satanistischen Drahtzieher quicklebendig sind!! Gott ist der Richter über alles …”

Vor so viel Pazifismus kann ich mich nun, immer noch vor dem beschädigten Wohnhaus sitzend, nicht zurückhalten. Eigentlich müsste inzwischen jeder begriffen haben, warum Russland 2022 handeln musste, warum es keine Wahl hatte. Gegen wen man diesen Krieg führt. Dass man um die blanke Existenz kämpft, die angesichts einer vorrückenden NATO so gefährdet ist wie nicht einmal 1941. Immer noch nicht? Für diese Kinder, die da, von allem unbeeindruckt, sich auf dem schicken Spielplatz austoben … Ich tippe meine Antwort ein: 

“Ich stimme zu: Es reicht mit dem NATO-Beitritt und dem Klammern des Donbass, der sich schon längst das Recht verdient hat, nicht mehr Teil dieser aus den Fugen geratenen Ukraine zu sein. Russland hat nicht die Möglichkeit, ‘einfach damit aufzuhören’, die Ukraine hingegen schon.”

Merkwürdig, der Pazifist sieht es sofort ein:

“Ich beobachte, dass es Selenskij völlig egal ist, er steht unter Drogen. Für ihn – diesen satanistischen Dreckskerl – ist dieser Krieg ein Rausch. Und unter uns gibt es viele Verräter und Diebe.”

Genau dasselbe hatten die Männer im Real Life, in diesem der Angst trotzenden Wohnhof, eben auch gesagt. Ich gebe dem Pazifisten ein Like, stehe auf und mache mich auf den Heimweg. Es ist ein schöner sonniger Herbsttag, vielleicht der letzte in diesem Jahr. Die paar Kilometer laufe ich.

Auf dem Weg liegt auch mein Wahllokal, in einer Schule. Ich gehe rein, so leicht kommt man in Russland als Fremder sonst nicht in Schulen, und bin beeindruckt: So modern, sauber und gepflegt ist keine Schule in Deutschland, nicht die, in denen ich selbst als Schüler lernte; nicht die, die ich als Stadtrat besichtigte; nicht die, in denen man in Leipzig Wahllokale einrichtete und Parteiversammlungen abhielt. Eine Idylle, die Russland zumindest hier in den letzten 20 Jahren errichtet hat. Es war ein langer Weg, aber wie leicht wird es den Feinden des russischen Volkes sein, alles wieder zu zerstören, denke ich mir. 

Selenskij, der selbst seit zwei Jahren und vier Monaten die überfällige Wahl nicht ansetzt, hat heute gesagt, er brauche noch vierzig Tage, um Russland vernichtend zu schlagen. Er wird es versuchen, mit westlichen Drohnen und Raketen. Sein Außenminister Andrij Sybiha gratuliert den Moskauern zum “brennenden Wahltag”. Der Krieg sei zu den Moskauern “zurückgekommen” und sie müssten Putin nun zwingen, ihn zu beenden.

Der Gedanke ist klassischer Terrorismus: Wenn man auf dem Schlachtfeld nichts ausrichten kann, tötet man halt die Schutzlosen, damit die siegreiche Armee, der im Gegensatz zu Selenskij und Sybiha die Schutzlosen nicht egal sind, aufgeben muss. Der Westen unterstützt das.

Ich mache meine vier Kreuze, werfe die Wahlzettel in die gläserne Urne ein. Beobachter sind vor Ort, alles hat seine Ordnung. Gläsern sind die Urnen, damit niemand aus der Wahlkommission vorausgefüllte Wahlzettel einwerfen kann.

Sergei Sobjanin hat recht: Der Angriff am Sonntagmorgen war ein Angriff auf die Wahlen, auf die russische Demokratie. Aber er ging fehl. Dieses Volk ist nicht unterzukriegen, das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Vielleicht werden die ukrainischen Terroristen und ihre westlichen Förderer noch vieles zerstören und viele töten, doch aufgeben wird DIESES Volk nie.

Mehr zum Thema – Geisterfahrer Habeck versteht immer noch nicht, warum in der Ukraine Krieg ist



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Tags: BeobachtungenDrohnenMoskaurussischenüberWahlsonntag
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