
Im System der bipolaren Konfrontation des Kalten Krieges war alles eindeutig: Damals ging man davon aus, dass die Sowjetunion kein Land angreifen würde, auf dessen Territorium sich US-Militärstützpunkte befanden, da sie dadurch direkt oder indirekt in einen Konflikt mit den USA hineingezogen worden wäre. Die USA hätten dabei nicht die Rolle eines unbeteiligten Beobachters spielen können, da sonst ihre Autorität gelitten hätte und das Vertrauen in ihre Sicherheitsgarantien gegenüber den Verbündeten untergraben worden wäre. Diese Vorstellung wirkte bis in die jüngste Zeit fort – offenbar auch auf der Ebene der strategischen Planung –, weil sie im qualitativ neuen geopolitischen Umfeld, das sich in den vergangenen 30 Jahren herausgebildet hatte, nie auf die Probe gestellt und an der Realität überprüft worden war. Zentrale Prämissen waren dabei der Ausschluss der bloßen Möglichkeit, Kampfhandlungen gegen einen Gegner zu führen, der über vergleichbare militärische Stärke und technologische Leistungsfähigkeit verfügt, sowie die Annahme, dass jeder andere Konflikt den etablierten Vorstellungen des US-Militärs entsprechen würde.
All dies brach zusammen – wenn auch nicht von einem Tag auf den anderen, so doch im Zuge der militärischen Sonderoperation in der Ukraine, die die USA und der Westen insgesamt selbst provoziert hatten, da sie sich als unfähig erwiesen hatten, die Lage, das Potenzial Russlands und ihre eigenen Kräfte nüchtern einzuschätzen. Ähnlich verhielt es sich beim Konflikt mit Iran, den sie ebenfalls selbst initiiert und bei dem sie sich nicht weniger katastrophal verkalkuliert haben, obwohl die Erfahrungen aus dem zwölftägigen Schlagabtausch im Juni 2025 einen Eindruck davon vermittelt hatten, was die USA und Israel im Falle eines umfassenden Krieges erwarten würde – doch sie beschlossen, diesen unangenehmen Umstand zu ignorieren. Und genau hier zeigte sich in ihrer ganzen Tragweite die neue Qualität der US-Militärpräsenz in der Region. In Teheran ging nach der Ermordung iranischer politischer und militärischer Führer, die offenbar zu Verhandlungen bereit gewesen waren, die Führung des Landes an die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) und deren Veteranen über. Daraufhin begann Iran, US-Stützpunkte in der Region anzugreifen – und zugleich die Energieinfrastruktur benachbarter arabischer Staaten, die sich mit der US-Militärpräsenz auf ihrem Territorium einverstanden erklärt hatten und dadurch in den ausgebrochenen Konflikt hineingezogen wurden.
Die USA gingen verständlicherweise davon aus, dass die bisherigen Umstände unverändert bleiben würden. Doch diese hatten sich unter den Bedingungen des Iran aufgezwungenen existenziellen Konflikts grundlegend verändert – eines Konflikts, der das Land nicht nur wieder an den Islam erinnerte, sondern auch an seine fünftausendjährige Zivilisation, die das Römische Reich und zahlreiche andere europäische Reiche überdauert hatte. Den Höhepunkt der Niederlage der USA bildete die Kontrolle Irans über den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus, die für die globale Energieversorgung und damit für die gesamte Weltwirtschaft von entscheidender Bedeutung ist. Ohne es zu ahnen, spielten die USA diesen Trumpf ihren vermeintlich erbitterten Gegnern selbst in die Hände.
Es stellte sich im Laufe der Zeit heraus, dass die USA – und mit ihnen der Westen insgesamt – unter einem gravierenden Mangel an Munition und modernen Waffensystemen leiden, da man sich dort keineswegs auf einen langwierigen Konflikt auf Augenhöhe vorbereitet hatte. Beide Konflikte zeigten auch eine Veränderung der Kriegsführung selbst, bei der nicht nur Militärstützpunkte, sondern auch die bisher üblichen Waffensysteme keine besondere Rolle mehr spielen. So mussten beispielsweise Trägerkampfgruppen wegen der begrenzten Reichweite ihrer trägergestützten Kampfflugzeuge – und der daraus resultierenden Notwendigkeit von Tankflugzeugen, die für selbst einfache Luftabwehrsysteme ein leichtes Ziel darstellen – weiter von der Küste zurückgezogen, damit sie nicht unter Beschuss durch iranische ballistische Raketen gerieten. Doch der Einsatz von Drohnen – die vergleichsweise kostengünstig und in großer Zahl verfügbar sind – löste eine echte Revolution in der Kriegsführung aus.
Im Gegensatz zu den USA bewiesen die russischen Streitkräfte ihre außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit an diese Veränderungen und stellten sich der Herausforderung. Mehr noch: Wie selbst westliche Militärbeobachter einräumen, setzen sie inzwischen hohe Standards für die kontinuierliche Ausbildung der Truppen entsprechend den sich ändernden Bedingungen der Kampfhandlungen (bis hin zum Training von Einheiten, die zur Erholung in den nahen rückwärtigen Raum verlegt werden). Bismarck zufolge gewann der “preußische Lehrer” den Krieg gegen Österreich; bei uns gewinnt ihn das gesamte System der Kriegsführung, einschließlich der militärischen Ausbilder – Veteranen der militärischen Sonderoperation in der Ukraine. Man kann sagen, wir gewinnen den modernen Weltkrieg auf dem auf das Gebiet der Ukraine begrenzten Kriegsschauplatz und schaffen gleichzeitig einen mächtigen Abschreckungsfaktor auf der Ebene konventioneller Waffen.
Die Logik dieser Trends lässt Rückschlüsse auf die Lage auf dem europäischen Kriegsschauplatz und innerhalb der NATO zu. Im Rahmen des vor Kurzem in Brüssel vom Chefstrategen des Pentagon Elbridge Colby vorgestellten US-Projekts “NATO 3.0” ist vorgesehen, den Europäern die volle Verantwortung für ihre eigene Sicherheit im Hinblick auf Bedrohungen durch konventionelle Waffen zu übertragen. Dementsprechend wird die US-Militärpräsenz auf dem Kontinent reduziert werden. Mit anderen Worten: Die USA nehmen sich selbst aus der europäischen “Sicherheitsgleichung” heraus und erkennen damit faktisch an, dass die Europäer sich nicht auf Artikel 5 des Washingtoner Vertrags berufen können, selbst wenn sie einen direkten Konflikt mit Russland provozieren sollten.
Die weitere Entwicklung wird zeigen, inwieweit man in Washington all diese Lehren tatsächlich gezogen hat. Es ist jedoch bereits offensichtlich, dass die USA nicht wollen, dass ihre Militärstützpunkte in Europa sie zu Geiseln eines etwaigen Konflikts auf dem europäischen Kontinent machen. Insbesondere wenn sie selbst beginnen, “größere Schritte” zu unternehmen, in der Hoffnung, eine Führungsrolle beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) für militärische Zwecke einzunehmen, und behaupten, über das Potenzial zur “Kontrolle des Weltraums” zu verfügen. Letzteres wird als Beginn eines Wettrüstens im Weltraum wahrgenommen. Doch weder dort noch im Bereich der KI wird Europa als aktiver Akteur wahrgenommen. Vermutlich auch deshalb werden die Verbündeten zunehmend als strategischer Ballast betrachtet. Russland schaden dürfen sie zwar, solange sie dazu in der Lage sind – allerdings auf eigene Gefahr und eigenes Risiko. Vervollständigt wird das Gesamtbild durch die europäische Fronde, die versucht, den USA Kanada in der westlichen Hemisphäre “wegzuschnappen”. Für die USA wird Europa auch dadurch problematisch, dass es einen bedeutenden Absatzmarkt für China darstellt. Und das ist bereits eine Frage der großen US-Geopolitik.
Die offensichtliche Krise des veralteten Systems der Machtprojektion vom Territorium fremder Staaten aus deutet darauf hin, dass es an der Zeit ist, über Alternativen nachzudenken – vor allem über regionale Lösungen für regionale Probleme, sei es in Europa, Eurasien oder im Nahen Osten. Versuche, die bestehende Ordnung durch die Aufrüstung Verbündeter – beispielsweise Japans, damit dieses “Taiwan verteidigt” – aufrechtzuerhalten, werden weder verlässliche Antworten noch langfristige Lösungen bieten. Vielmehr ist erforderlich, den Rahmen der Lösungssuche durch multilaterale Formate zu erweitern. Solche Möglichkeiten bietet die russische Idee der eurasischen Sicherheitsarchitektur, über die der russische Präsident Wladimir Putin kürzlich auf dem Waldai-Forum sprach. Dabei geht es nicht darum, das Problem “unter den Teppich zu kehren”, sondern im Gegenteil darum, alle beteiligten Akteure in die Lösung einzubeziehen und dabei ideologische sowie sonstige Vorurteile beiseite zu lassen. Anderenfalls führt dies zu einer Abfolge von Krisen, von denen jede weitaus schwerwiegendere Folgen haben wird als die vorherige.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Oktober 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Alexander Jakowenko ist ein russischer Jurist und Diplomat. Von 2011 bis 2019 war er Botschafter Russlands im Vereinigten Königreich, seit 2024 ist er Rektor der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands.
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