
“Wir stehen kurz vor der Wiederbelebung des Konzepts einer spezialisierten Luftabwehrfliegerei” – mit diesen Worten fassen Experten zusammen, welche Bedeutung Russlands neuem leichtem Kampfflugzeug zukommt: der Jakowlew Jak-130M. Welche Hauptaufgaben wird dieses Flugzeug erfüllen, das bis vor Kurzem noch lediglich als Schulflugzeug diente?
Der russische Präsident Wladimir Putin besuchte das Flugzeugwerk in Irkutsk. Der Besuch erfolgte im Anschluss an eine Konferenz zur Entwicklung der Luftfahrtindustrie, die zuvor im Moskauer Umland stattgefunden hatte.
Bei der Besichtigung wurde dem Präsidenten die Ausstattung des modernisierten Schul- und Kampfflugzeugs Jak-130M mit fortschrittlichen Bordsystemen und einer modernen Radaranlage vorgestellt. Das Staatsoberhaupt betonte, diese Flugzeuge müssten “die Aufgaben lösen, die sich im Verlauf der Kampfhandlungen stellen” – gemeint ist die Bekämpfung großer Drohnen und unbemannter Überwasserfahrzeuge (USV).
Vor der Modernisierung war dieser Flugzeugtyp vorwiegend für Ausbildungszwecke vorgesehen – als eine Art “fliegende Schulbank”. Die Bordcomputerprogramme ermöglichten, die Flugcharakteristika der Suchoi Su-30, Su-35 und Su-57 sowie von NATO-Kampfflugzeugen zu simulieren. Mit dem Zusatz “M” wird die Jak-130 jedoch zu einem vollwertigen leichten Mehrzweckkampfflugzeug mit Jagd- und Erdkampffähigkeiten.
Zuvor hatten Experten bereits die Vermutung geäußert, dass auf Basis der Jak-130-Plattform ein kostengünstiger “Drohnenjäger” in Serie hergestellt werden könnte. Nach Angaben von Rostec können die modernisierten Jak-130M zur Bekämpfung schwerer Drohnen mit Luft-Luft-Raketen ausgerüstet werden.
Oleg Pantelejew, Geschäftsführer der Agentur Aviaport, merkt an:
“Die Bordausrüstung dieses Flugzeugs ermöglicht es, Ziele effektiv zu erfassen und Zieldaten für Präzisionswaffen bereitzustellen. Dabei ist es wichtig, die Besonderheiten des Einsatzes gegen unbemannte Boote zu betonen: Zwei Besatzungsmitglieder an Bord bedeuten hier einen entscheidenden Vorteil. Der Pilot konzentriert sich vollständig auf das Fliegen, insbesondere in geringer Höhe über der Wasseroberfläche, während der Waffensystemoffizier die Bewaffnung bedient und die Zielsuche übernimmt.”
Der Experte hebt eine weitere wichtige Eigenschaft der Jak-130M hervor: “Bei allen Vorteilen eines strahlgetriebenen Flugzeugs – dem schnellen Anflug und der sofortigen Reaktion auf eine Bedrohung – liegen sowohl die Anschaffungskosten als auch die Betriebskosten deutlich niedriger als bei schweren Maschinen wie der Suchoi Su-30SM.”
Pantelejew verweist auf das Beispiel der USA mit ihren Erdkampfflugzeugen vom Typ A-10. Er sagt:
“Als sich die Aufgabe stellte, schwere Drohnen zu bekämpfen, begannen die USA nicht damit, völlig neue Spezialeinheiten von Grund auf aufzubauen. Die bestehenden Erdkampfstaffeln erhielten einfach neue, kostengünstigere Flugzeugbewaffnung, und das Flugpersonal absolvierte eine Umschulung. Ich halte diesen Weg – die Anpassung bereits bestehender Fliegerverbände – auch für uns für den sinnvollsten.”
Den entscheidenden Punkt sieht er jedoch in einem veränderten Ansatz bei der Gefechtsausbildung und Bewaffnung. Der Experte erläutert: “Es besteht die Versuchung, Piloten leichter Kampfflugzeuge für Einsätze in extrem niedriger Höhe auszubilden, um langsam fliegende Drohnen zu jagen. Das ist kein rationaler Weg. Wir dürfen nicht riskieren, die Plattform durch gegnerische Luftabwehrmittel zu verlieren, die das Ziel abschirmen könnten.”
Der neue Kampfflugzeugtyp erfordert auch Änderungen in der Organisationsstruktur der Luftstreitkräfte, meint Alexei Leonkow, Redakteur der Zeitschrift Arsenal Otetschestwa [“Arsenal des Vaterlandes”]. Der Militärexperte erläutert:
“Wir stehen kurz vor der Wiederbelebung des Konzepts einer spezialisierten Luftabwehrfliegerei. Die historische Erfahrung ist in dieser Hinsicht mehr als aufschlussreich: Bis 1943 verfügten die sowjetischen Luftstreitkräfte über keine eigenständige Jagdfliegerei für die Luftabwehr. Die Regimente erhielten zwei einander ausschließende Aufgaben: Angriffe gegen vorrückende Bodentruppen zu führen und Städte gegen Luftangriffe zu verteidigen. Ein und dasselbe Regiment konnte beide Funktionen nicht gleichzeitig effektiv erfüllen, was zu einer Zersplitterung der Kräfte führte. Die Lösung fand man in der Aufstellung spezialisierter Regimenter, die ausschließlich auf Aufgaben der Luftabwehr ausgerichtet waren.”
Leonkow ist der Ansicht, dass solche Regimenter heutzutage gerade aus Jak-130M bestehen könnten. Er argumentiert:
“Die moderne Verteidigung integriert bereits Flugabwehrraketensysteme, mobile Feuergruppen, Komplexe der elektronischen Kampfführung sowie Systeme der Funkaufklärung. Die Einbindung leichter Flugzeuge in dieses Verbundsystem – angebunden an ein einheitliches Führungssystem mit den Küstenüberwachungssystemen der Marine und den Luftabwehrposten – ist der logische nächste Schritt. Die Jak-130M könnte neben Kampfhubschraubern wie dem Mi-28 zu einem der Elemente dieses Mosaiks werden.”
Seinen Worten zufolge besteht die Aufgabe der Jak-130M hier nicht einfach darin, “Drohnen zu jagen”, sondern “ein vollwertiger Bestandteil eines universellen Verteidigungssystems zu werden, das bei Bedarf auch ernsthaftere Luftziele abfangen kann”.
Bei der Integration der Jak-130M in ein einheitliches Luftabwehrsystem wird nicht die Gefahr von Eigenbeschuss entscheidend sein, sondern die sachgemäße Verteilung der Ziele und Zuständigkeitsbereiche.
Der Militärexperte Juri Knutow merkt an: “Die Befürchtungen, bodengestützte Systeme wie Panzir-S oder Tor könnten irrtümlich ein eigenes Flugzeug abschießen, entbehren jeder technischen Grundlage. Die Freund-Feind-Erkennung arbeitet im automatischen Modus.”
Aus technischer Sicht ist jedoch die Physik des Abfangens selbst ein wesentlich heiklerer Punkt. Die Hauptaufgabe bei der Jagd auf langsam fliegende Drohnen besteht, wie der Experte betont, nicht darin, die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, sondern im Gegenteil darin, die Geschwindigkeit zu minimieren.
Knutow führt aus:
“Die Höchstgeschwindigkeit der Jak-130M beträgt nicht mehr als 960 km/h, während eine Drohne vom Flugzeugtyp mit etwa 140 bis 150 km/h fliegt. Die Überziehgeschwindigkeit der Jak liegt bei etwa 165 km/h. Das bedeutet, dass das Flugzeug bei minimalen Geschwindigkeiten zwar in der Lage ist, sich der Drohne zu nähern, das Zeitfenster für Zielerfassung und Abschuss jedoch äußerst begrenzt bleibt. Schafft es der Pilot nicht, die Maschine an der unteren Geschwindigkeitsgrenze zu halten, wird er das Ziel schlicht verfehlen. Die ukrainische Seite setzt zum Abfangen unserer Drohnen vom Typ Geran bereits MiG-29, F-16 und Mirage-Kampfflugzeuge ein, deren Überziehgeschwindigkeit deutlich höher liegt. Wenn deren Piloten diese Aufgabe bewältigen können, ist dies mit der speziell dafür vorbereiteten Jak-130M sogar noch einfacher.”
Was die operative Unterstellung betrifft, schlägt der Experte vor, die Einsatzgebiete voneinander abzugrenzen. Er erläutert:
“Wenn die Jak-130M gegen unbemannte Boote eingesetzt wird, muss sie eindeutig im Zuständigkeitsbereich der Marine operieren und zu deren Marinefliegerei gehören. Geht es hingegen um den Schutz des Landesgebiets vor Drohnen, gibt es zwei Varianten: Entweder bleiben diese Einheiten Bestandteil der Luft- und Weltraumkräfte, oder sie werden perspektivisch den Kräften einer vereinten Luft- und Raketenabwehr unterstellt – sofern beschlossen wird, die Luftabwehr als eigenständige Teilstreitkraft auszugliedern.”
Der vollständige Erprobungszyklus der Jak-130M soll im Dezember 2028 abgeschlossen werden. Dementsprechend ist damit zu rechnen, dass das neue Flugzeug im Jahr 2029 bei den Streitkräften eingeführt wird und aus Jak-130M bestehende Regimenter gebildet werden.
Knutow fasst zusammen: “Die Jak-130M wird zu einer idealen Plattform für den Aufbau einer leichten Jagdfliegerei, die Abfangaufgaben kostengünstig und mit hoher Effizienz erfüllen kann.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 24. Juli 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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