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Die fatale Anziehungskraft des Krieges auf US-Eliten

rtnews by rtnews
22/08/2026
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Warum werden amerikanische Präsidenten, die als Gegner endloser Kriege antreten, zuverlässig zu Kriegspräsidenten? Falsche Persönlichkeiten, schlechte Berater oder einflussreiche Falken? Die richtige Antwort: Das politische System der Vereinigten Staaten belohnt militärische Gewalt.

Von Rainer Rupp

Die Vereinigten Staaten leiden nicht an einem Mangel an friedenspolitischen Versprechen. Seit Jahrzehnten treten Präsidentschaftskandidaten mit dem Versprechen an, die militärischen Abenteuer ihrer Vorgänger zu beenden. Barack Obama wollte das Erbe der Bush-Kriege überwinden. Donald Trump versprach, Kriege zu beenden, statt neue zu beginnen. Dennoch brachen beide neue Kriege vom Zaun. Das Problem ist deshalb größer als Trump, Obama oder irgendein einzelner Präsident. Es liegt in einem politischen System, das militärische Gewalt zur bequem verfügbaren Normaloption amerikanischer Außenpolitik gemacht hat.

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich Washington daran gewöhnt, seine globalen Interessen militärisch abzusichern, selbst wenn keine existenziellen amerikanischen Interessen betroffen waren. Die USA verfügen über eine riesige Berufsarmee, ein weltweites Netz von Stützpunkten und die logistische Fähigkeit, binnen kurzer Zeit Gewalt in nahezu jede Weltregion zu projizieren.

Während für andere Staaten – mit Ausnahme Israels – Krieg die Ultima Ratio ist, nachdem andere Wege zu einer Einigung ausgeschöpft sind, sind in Washington diplomatische Ultimaten, gefolgt von Krieg, zur politischen Routine geworden.

Der US-Kongress hat diese Entwicklung begünstigt. Obwohl die amerikanische Verfassung ihm die Kriegskompetenz zuweist, hat er seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr formell erklärt. Seit 2002 wurde keine neue umfassende Ermächtigung zum Einsatz militärischer Gewalt verabschiedet. Die politische Verantwortung wanderte damit faktisch ins Weiße Haus.

Hinzu kommt eine Medienkultur, die den Beginn militärischer Operationen häufig als Spektakel der Entschlossenheit inszeniert, während Rückzüge rasch als Schwäche kolportiert werden. So entsteht eine groteske politische Asymmetrie: Bombardieren demonstriert angeblich Führungsstärke; Verhandeln und Nachgeben riecht nach Schwäche und müsste umfangreich gerechtfertigt werden.

Amerikas weltweites System von Bündnissen und Stützpunkten verschärft dieses Problem. Eigentlich sollen diese Strukturen Kriege verhindern. Tatsächlich aber ziehen sie Washington in der Regel tiefer in regionale Konflikte hinein. Verbündete verfolgen natürlich eigene Interessen und versuchen, die amerikanische Schutzmacht für ihre Ziele einzuspannen. Dafür ist Israel ein hervorstechendes Beispiel. Sind dann erst einmal US-Soldaten auf Basen in einem verbündeten Land stationiert, entsteht das Problem der “Force Protection”, des Schutzes der eigenen Militärbasen und Soldaten. Das wiederum ist in der Regel ein durchschlagendes Argument für noch mehr US-Soldaten in fremden Ländern und im Spannungsfall für weitere militärische Eskalation.

Der Iran-Krieg illustriert diese Logik. So hat US-Außenminister Rubio den Grund für die US-Beteiligung an dem brutalen, unprovozierten, völkerrechtswidrigen israelischen Angriffskrieg öffentlich wie folgt erklärt: Amerikanische Truppen auf den Basen in arabischen Ländern der Golfregion seien wegen des fest zu erwartenden israelischen Angriffs gegen Iran mit ziemlicher Sicherheit Vergeltungsschlägen Irans ausgesetzt gewesen. Deshalb habe sich die Trump-Administration entschlossen, sich von Anfang an am Verbrechen gegen die Menschlichkeit des zionistischen Angriffskriegs zu beteiligen. Mit dieser sehr amerikanischen “Logik” wurde die bereits bestehende Stationierung von US-Soldaten als Argument dafür benutzt, dass Washington sich selbst militärisch am Krieg beteiligen müsse.

Damit kann das Stützpunktsystem zum selbstverstärkenden Mechanismus werden: Man stationiert Truppen zur Abschreckung, ihre Anwesenheit schafft Verwundbarkeit, diese Verwundbarkeit legitimiert Intervention und die Intervention wiederum verlangt zusätzliche militärische Präsenz. Das ist ein wunderbarer Selbstläufer, eine Gelddruckmaschine für alle, die in Politik, Militär, Industrie oder Beratung direkt oder indirekt am Krieg verdienen und/oder damit Karriere machen.

Ebenso verhängnisvoll ist Washingtons Unfähigkeit, begrenzte politische Ergebnisse zu akzeptieren. Aus klar umgrenzten, militärisch erreichbaren Teilzielen werden im politischen und medialen Tagesgeschehen Washingtons schnell weitergehende Forderungen nach Regimewechsel und Nation Building oder nach einem vollständigen Sieg. Hinzu kommt, dass die amerikanische Erfahrung nach dem Kalten Krieg die Illusion gefördert hat, dass sich die überwältigende militärische Überlegenheit der USA automatisch in eine dauerhafte politische Ordnung übersetzen ließe.

Iran liefert erneut ein Beispiel. Vor der Operation “Epic Fury Versagen” hatte Teheran angeboten, die heimische Urananreicherung einzustellen, angereichertes Uran zu entfernen und Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation zurückkehren zu lassen. Washington entschied sich gegen diesen Kompromiss und setzte stattdessen auf einen umfassenderen militärischen Sieg.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen dieses Militarismus ist die erstaunliche Abschirmung der amerikanischen Bevölkerung von seinen menschlichen Folgen. Eine Berufsarmee konzentriert die menschlichen Kosten auf einen relativ kleinen Teil der Gesellschaft. Technologisch hochgerüstete Distanzkriege benötigen weniger Soldaten. Gleichzeitig können die finanziellen Kosten über Verschuldung in die Zukunft verschoben werden.

Deshalb konnte der Iran-Krieg für viele Amerikaner überhaupt erst als Inflationserfahrung sichtbar werden. Der Krieg gegen einen Staat mit 93 Millionen Einwohnern, die Zerstörung militärischer und ziviler Infrastruktur und die Destabilisierung einer zentralen Route des Welthandels konnten im amerikanischen Alltag von der Politik auf die Anonymität höherer Preise reduziert werden.

Amerikas Verbündete in der Region sind dagegen hautnah betroffen

Im Nahen Osten fällt der unmittelbare Rückschlag vor allem auf die Golfstaaten. Sie liegen im Wirkungsbereich iranischer Raketen und Drohnen und tragen einen erheblichen Teil der regionalen Eskalationsrisiken. Zugleich destabilisiert ein Konflikt um die Straße von Hormus die Energiemärkte weit über die Region hinaus.

Europa bezahlt auf andere Weise. Jeder Patriot- oder andere Abfangflugkörper, der im Nahen Osten verbraucht wird, steht nicht gleichzeitig für Europas Luftverteidigung oder die Ukraine zur Verfügung. Das NATO-nahe Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnte bereits im März 2026 ausdrücklich, dass europäische Staaten stark von amerikanischen Luftverteidigungssystemen und entsprechender Munition abhängig sind und die Operation “Epic Fury” bereits knappe Bestände zusätzlich belastet.

Diese Abhängigkeit ist keineswegs marginal. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) stammten 58 Prozent der Waffenimporte der europäischen NATO-Staaten zwischen 2021 und 2025 aus den USA. Besonders wichtig bleibt Washington bei Kampfflugzeugen und weitreichender Luftverteidigung. Europa habe sich damit ausgerechnet in einer Phase zunehmender strategischer Unsicherheit noch enger an den amerikanischen Rüstungskomplex gebunden.

Auch Asien trägt die Opportunitätskosten amerikanischer Kriegspolitik. In den sogenannten sozialen Medien werden zunehmend kritische Fragen gestellt, wie Washington noch über die Verteidigung Taiwans diskutieren könne, während sein Munitionsverbrauch im Nahen Osten die materielle Grundlage für diese Debatte untergrabe. Diese Warnung wird durch aktuelle CSIS-Analysen gestützt, die zu dem Ergebnis kommen, dass die USA für einen längeren Krieg mit China nicht ausreichend vorbereitet wären und dass die Iran-Kampagne insbesondere die Bestände an Langstreckenwaffen und Luftabwehrflugkörpern erheblich reduziert habe.

Sogar Kräfte aus Japan wurden für den Nahen Osten abgezogen. 2.500 Marines und drei Kriegsschiffe, darunter die USS Tripoli, wurden aus der Region verlegt, was wiederum dazu führte, dass sich Japan Sorgen über die “US-Abschreckungslücke” machte.

So offenbart sich die fundamentale Widersprüchlichkeit des amerikanischen Militarismus. Washington verlangt von seinen Verbündeten Vertrauen in amerikanische Sicherheitsgarantien und verbraucht gleichzeitig in selbstgewählten Kriegen jene Ressourcen, auf denen diese Garantien beruhen.

Mehr Geld allein löst dieses Problem nicht. Ein Militärbudget von 1,5 Billionen Dollar würde Investitionen aus anderen Bereichen abziehen und könnte langfristig Innovation und Wachstum belasten. Noch mehr Militarisierung zur Reparatur der Folgen vorheriger Militarisierung wäre deshalb keine Strategie, sondern ein Zirkelschluss.

Fazit

Amerikas fatale Anziehungskraft des Krieges gefährdet nicht nur Amerikaner. Die Kriegsverliebtheit der US-Eliten exportiert die Risiken der US-Kriege auch an die Verbündeten. Dabei werden für den gemeinsamen Gebrauch bestimmte Waffen und sonstige Ressourcen verbraucht, und Europa, der Nahe Osten und Asien sind gezwungen, mit den Folgen von Entscheidungen in Washington zu leben, auf die sie, wenn überhaupt, nur begrenzten Einfluss besitzen.

Eine Schutzmacht, die ihre militärischen Reserven in immer neuen Nebenkriegen verschleißt, kann irgendwann gerade dort fehlen, wo ihre Bündnispartner sie tatsächlich brauchen. Dann wird aus amerikanischer Überdehnung europäische, nahöstliche und asiatische Unsicherheit, warnen Analysten des CSIS.

Mehr zum Thema ‒ Teheran gibt sich unbeeindruckt: Trump verkündet Wirtschaftskrieg gegen Iran



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Tags: AnziehungskraftAUFdesdieFataleKriegesUSEliten
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