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China und Russland: Eine Partnerschaft mit ungleichen Lasten

rtnews by rtnews
18/05/2026
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In der englischen Ausgabe von “Russia Today” vom 16. Mai hat der russische Politikwissenschaftler Alexei Martynow wegen der ungleichen Verteilung der Kosten des gemeinsamen Widerstands gegen den US-Imperialismus zuungunsten Russlands deutliche Kritik an China geübt.

Von Rainer Rupp

Unter dem Titel “Beijing can no longer treat Moscow as a junior partner” (zu Deutsch: Peking kann Moskau nicht länger als Juniorpartner behandeln) schreibt der Politikwissenschaftler Alexei Martynow auf RT:

“China verhält sich immer noch oft so, als könnte es von den Vorteilen einer strategischen Partnerschaft [mit Moskau] profitieren, ohne sich vollständig auf die damit einhergehenden Lasten einzulassen. Moskau hat Peking bereits tief in kritische Sektoren von Energie, Logistik und Ernährungssicherheit integriert. Doch viele große chinesische Investitionen und Technologieverpflichtungen bewegen sich weiterhin vorsichtig oder verzögern sich.”

Die Verzögerungen durch die individuellen chinesischen Unternehmen geschehen aus Vorsicht oder gar aus Angst vor US-Sanktionen. Zyniker betrachten daher Pekings Beziehung zu Moskau als ein Meisterwerk strategischer Zurückhaltung: Russland liefert billige Rohstoffe und sichert kritische Versorgungswege – China profitiert, ohne sich vollständig zu binden.

Genau diese Haltung hat nun in der russischen Öffentlichkeit für ungewohnte Kritik gesorgt. Der politische Analyst Martynow formulierte es in einem Beitrag für den russischen Auslandssender RT Anfang Mai 2026 unmissverständlich: “Peking kann Moskau nicht länger als Juniorpartner behandeln.” Moskau habe die Logik einer tiefen strategischen Interdependenz akzeptiert, während Peking immer noch versucht, eine Partnerschaft zu pflegen, in der China der Seniorpartner bleibe und seine eigenen Verpflichtungen minimiert.

Diese Kritik ist kein Einzelfall. Der einflussreiche Kommentator Andrew Korybko wertete den Text als “beispiellose Kritik” der russischen Staatsmedien an China – nur wenige Tage vor dem Besuch des russischen Präsidenten in Peking. Martynow betont: China genieße die Vorteile der strategischen Partnerschaft, ohne die damit verbundenen Lasten voll zu tragen. Moskau hanr Peking bereits tief in zentrale Sektoren wie Energie, Logistik und Ernährungssicherheit integriert. Gleichzeitig bewegten sich viele große chinesische Investitionen in Joint Ventures und Technologieverpflichtungen weiterhin vorsichtig oder verzögerten sich – offenbar aus Angst vor US-Sekundärsanktionen.

Die Fakten untermauern diese Einschätzung. Bis Ende des Jahres 2024 war Russland Chinas größter Öllieferant mit 108,5 Millionen Tonnen. Im ersten Dreivierteljahr 2025 verdoppelten sich die Nickel-Exporte auf eine Milliarde Dollar, Kupfer stieg um 88 Prozent auf zwei Milliarden, Aluminium und Erze um rund 50 Prozent. Dazu kommt ein langfristiger Getreide- und Ölsaatenvertrag über 70 Millionen Tonnen in zwölf Jahren. Russische Pipelines umgehen sinnvolle Seerouten wie die Straße von Hormus – ein strategischer Vorteil für Peking, das über die Hälfte seines Öls aus dem Nahen Osten bezieht. Auch die nördliche Seeroute gewinnt an Bedeutung: Sie bietet China eine Alternative zu Suez und Hormus und wurde in der gemeinsamen Erklärung von Xi Jinping und Wladimir Putin im Mai 2025 ausdrücklich hervorgehoben.

Moskau hat Peking also tatsächlich tief in seine kritischen Versorgungsketten eingebunden. Die Abhängigkeit ist jedoch einseitig. Während Russland rund 30 Prozent seiner Exporte nach China schickt, macht Russland nur etwa vier Prozent des chinesischen Außenhandels aus. Westliche Thinktanks wie der Council on Foreign Relations (CFR) oder das Berliner MERICS sprechen seit Jahren von einer “fundamentalen Asymmetrie”: Russland liefert Rohstoffe, China liefert Fertigwaren, Technologie und Kapital – aber nur dosiert.

Genau hier setzt die russische Kritik an. Martynow verweist auf die über 200 Milliarden Dollar an angekündigten Joint-Venture-Projekten aus dem Jahr 2025 – von Energie über Luft- und Raumfahrt bis KI und Landwirtschaft. Viele davon existieren jedoch nur auf dem Papier. Chinesische Unternehmen rechnen penibel die Kosten einer möglichen Sanktionsbetroffenheit durch. Große Banken wie Bank of China oder CITIC haben bereits 2023/2024 direkte Transaktionen mit russischen Partnern stark reduziert. Im Oktober 2025 suspendierten staatliche Ölriesen wie PetroChina, Sinopec und CNOOC sogar kurzzeitig Seetransporte russischer Öle, nachdem Washington Rosneft und Lukoil mit Sekundärsanktionen belegt hatte. Der Handel brach im Jahr 2025 erstmals seit Jahren um rund sieben Prozent auf 228 Milliarden Dollar ein – offiziell wegen gefallener Ölpreise und schwacher russischer Nachfrage, doch hinter den Kulissen spielt die Sanktionsangst eine zentrale Rolle.

Diese Zurückhaltung ist kein Zufall, sondern Kalkül. Chinesische Konzerne befürchten den Verlust des Zugangs zu westlichen Märkten und Technologien. Sie nutzen die Gelegenheit, westliche Wettbewerber aus Russland zu verdrängen, ohne sich langfristig zu binden, schreibt Martynow und formuliert: “Opportunistische Gewinne statt echter strategischer Interdependenz”. Selbst bei Prestigeprojekten wie der “Power-of-Siberia-2” Pipeline ziehen sich Verhandlungen über Preise und Finanzierung hin – Peking hat es nicht eilig, während Moskau unter Druck steht.

Westliche Analysen verfolgen diese Entwicklung seit Langem. Das Wall Street Journal beschrieb die Beziehung bereits 2024  als “ungleich”: Russland verkaufe Öl mit hohen Abschlägen, China liefere “Dual-Use” (zivil und militärisch nutzbare) Güter, halte sich bei Investitionen aber zurück. Das Intereconomics-Journal  schrieb im Jahr 2025 unter dem Titel: “China-Russia Cooperation: Economic Linkages and Sanctions Evasion” von einer “symbiotischen, aber tief asymmetrischen” Partnerschaft. Russland fühle sich zunehmend als “Juniorpartner” – eine Rolle, die Moskau öffentlich ablehnt, die aber strukturell durch die Wirtschaftskraft Chinas (sechsmal größer als Russlands) und die Sanktionslast vorgegeben sei.

Eine Kritik, die in russischen Diskussionen in Telegram-Kanälen verbreitet zu hören ist, ist das offizielle Schweigen über die Flut kritischer Drohnenteile aus China in die Ukraine. Zwar hat Peking China kürzlich den Export “seltener Erden” in die USA blockiert, um den US-militärisch-industriellen Komplex daran zu hindern, Hightech-Waffen gegen China aufzubauen. Aber der Export von Waffenkomponenten in die Ukraine – die chinesischen Teile nutzt, um Waffen zu bauen, die täglich Russland anvisieren und Russen töten – läuft seit Jahren ohne jegliche Bemühungen Pekings, dies zu verhindern.

Dabei wäre der vergleichbare Verlust für die chinesische Wirtschaft vernachlässigbar. Wenn diese Situation weitergeht, wird das nicht zur zunehmenden Festigung der chinesisch-russischen Partnerschaft beitragen. Das Argument “Aber wenn China nicht liefert, dann wird die Ukraine die notwendigen Drohnenteile einfach anderswo beschaffen” zieht nicht, denn diese Teile sind zu gleichen niedrigen Kosten und bei Weitem nicht im gleichen Volumen nirgendwo anders zu beschaffen. Drohnenteile aus dem Westen wären ein teurer Tropfen, verglichen mit der preiswerten Flut aus China.

Dennoch drängt die aktuelle Geopolitik beide Seiten enger zusammen. Der gleichzeitige US-Druck auf Moskau und Peking hat die Kooperation paradoxerweise vertieft. Gemeinsame Währungsabwicklung, Investitionen in nationale Währungen und der Ausbau der Arktisroute sind klare Signale. Chinesische Wissenschaftler räumen inzwischen ein, dass die Rivalität mit den USA die Partnerschaft mit Russland weniger zu einer Frage der Wahl als zu einer Notwendigkeit gemacht hat. Dennoch bleibt die Frage offen: Wann wird Peking die “Lasten” einer echten Gleichberechtigung akzeptieren?

Für Moskau ist der Moment heikel. Die russische Kritik auf  RT – vermutlich mit offizieller Rückendeckung – signalisiert Ungeduld. Entweder entwickelt sich die Entente mit China zu einer De-facto-Allianz auf Augenhöhe, oder Russland wird (schmerzhafte) Kompromisse mit Washington suchen. China entscheidet letztlich, ob es Russland als gleichwertigen strategischen Partner oder nur als nützliche Ressourcenbasis am Rande seines Einflussgebietes sieht.

Dennoch ist die Partnerschaft zwischen China und Russland aktuell robuster als viele im Westen glauben. Sie wird nicht von Freundschaft, sondern von harten strukturellen Zwängen getrieben: Geografie, Energie, Sanktionen und eine fragmentierte Weltordnung. Doch die russische Mahnung ist unüberhörbar. Peking profitiert bisher meisterhaft von dieser Partnerschaft. Ob es diese profitable “Meisterleistung” auf Dauer ohne echte Gegenleistung einhalten kann, wird die Architektur Eurasiens für die kommenden Jahrzehnte prägen.

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Tags: ChinaeineLastenmitPartnerschaftrusslandundungleichen
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