
Die politische Statik der Zweiten Republik gerät ins Wanken. Eine neue Umfrage des Instituts INSA deutet auf eine tektonische Verschiebung hin, die weit über übliche Stimmungsschwankungen hinausgeht.
Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) erreicht in der Sonntagsfrage 38 Prozent und hält damit nicht nur ihre Führungsposition, sondern baut sie strukturell aus: 48 Prozent der Befragten können sich vorstellen, die FPÖ zu wählen. Damit rückt eine absolute Mehrheit erstmals in den Bereich des politisch Denkbaren.
Die Erhebung bestätigt einen Trend, der sich seit der Nationalratswahl 2024 verfestigt hat. Damals erreichten die Freiheitlichen 28,8 Prozent und wurden stärkste Kraft, blieben jedoch von der Regierungsbildung ausgeschlossen. Seither fungiert die Partei unter Herbert Kickl als Oppositionsführer und profitiert sichtbar von der Erosion der politischen Mitte.
ÖVP und SPÖ kommen in der aktuellen Umfrage jeweils auf 19 Prozent. Die einst dominierenden Volksparteien erreichen damit gemeinsam lediglich das Niveau der FPÖ. Die Grünen liegen bei 10 Prozent, NEOS bei 7 Prozent, während die KPÖ mit 4 Prozent an der Schwelle zur parlamentarischen Relevanz verharrt. Sonstige Parteien spielen mit 3 Prozent keine entscheidende Rolle. Die Fragmentierung des Parteiensystems schreitet voran, doch die Kräfteverschiebung verläuft asymmetrisch zugunsten der Freiheitlichen.
Während 38 Prozent konkret zur FPÖ tendieren, geben 31 Prozent an, sie würden die Partei sicher wählen. Bei ÖVP und SPÖ liegt dieser Wert lediglich bei 12 beziehungsweise 11 Prozent. Die Differenz deutet auf eine tiefere gesellschaftliche Verankerung der FPÖ hin, die über kurzfristige Proteststimmungen hinausgeht.
Die Kräfteverhältnisse in der Mitte sind klar verteilt. Die FPÖ erreicht hier 36 Prozent und lässt alle anderen Parteien hinter sich. Die gesellschaftliche Einordnung bestätigt das Bild: 31 Prozent sehen sich in der Mitte, 35 Prozent rechts davon und 30 Prozent links. Damit dominiert ein Mitte-rechts-Lager, in dem die Freiheitlichen ihren Rückhalt weiter festigen.
Der Aufstieg der FPÖ erklärt sich weniger durch eine Verschiebung der Wählerschaft nach außen, sondern durch die Schwäche der Regierung. Die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS unter Christian Stocker und Andreas Babler steht seit März 2025 unter Druck. Inflation, Migration, wirtschaftliche Lage und Sicherheit bestimmen die Agenda. In diesen zentralen Fragen bleibt die Regierung Antworten schuldig, was ihr Vertrauen kostet.
Die Oppositionsstrategie der FPÖ erweist sich in diesem Umfeld als wirkungsvoll. Sie kombiniert klare Botschaften mit einer gezielten Ansprache jener Wählerschichten, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Die steigenden Ablehnungswerte gegenüber SPÖ, Grünen und NEOS verstärken diesen Effekt zusätzlich.
Andere Umfragen bestätigen das Bild. Die Lazarsfeld Gesellschaft verortete die FPÖ Mitte April ebenfalls bei 38 Prozent, gegen Monatsende bei 37 Prozent. Der aggregierte PolitPro-Wahltrend bewegt sich in einem ähnlichen Bereich. Seit über drei Jahren liegt die FPÖ damit kontinuierlich an erster Stelle. Der Abstand zu den Verfolgern ist nicht nur stabil, sondern strukturell gewachsen.
Eine absolute Mehrheit im Nationalrat würde 92 der 183 Mandate erfordern. Ein solches Ergebnis wäre historisch und würde die Logik der österreichischen Konsensdemokratie grundlegend verändern. Erstmals seit Jahrzehnten könnte eine Partei allein regieren, ohne auf Koalitionspartner angewiesen zu sein. Ob es dazu kommt, hängt jedoch von der tatsächlichen Mobilisierung des ausgewiesenen Potenzials ab.
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