
Von Andrei Restschikow
Nach der Tragödie von Tschernobyl habe Russland die Sicherheit der Nukleartechnologie verbessert, während Europa, das jahrelang versucht habe, die sowjetische und russische Energiewirtschaft zu diskreditieren, die eigene Branche in einen tiefen Niedergang geführt habe. Dies erklärten die Experten Alexander Uwarow und Boris Marzinkewitsch gegenüber der Zeitung Wsgljad. Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 gilt nach wie vor als die größte Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie.
“Die traurigen Erfahrungen aus der Katastrophe von Tschernobyl wurden für Russland zum Ansporn, die Sicherheit der Nukleartechnologie zu verbessern. Nach diesen tragischen Ereignissen wurde viel unternommen. Vor allem wurde eine von der Atomindustrie unabhängige Aufsichtsbehörde eingerichtet. Es wurde auch ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheitskultur gelegt, um Unfälle zu verhindern, anstatt sie heldenhaft zu bewältigen”, betont Alexander Uwarow, der Chefredakteur von AtomInfo.
Zu den weiteren Lehren gehört die Umsetzung technischer Lösungen bei den RBMK-Reaktoren (Hochleistungsreaktoren, die im Kernkraftwerk Tschernobyl installiert waren).
Uwarow ist der Meinung:
“Wenn es möglich gewesen wäre, den Betrieb der RBMK-Reaktoren so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, wäre dies heute wohl einer der sichersten Kernreaktoren.”
Sein Kollege Boris Marzinkewitsch, der Chefredakteur der analytischen Zeitschrift Geoenergetika. Info, wies auf die Tatsache hin, dass bereits nach dem Reaktorunfall im US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 eine umfassende Überprüfung der Sicherheitssysteme in Kernkraftwerken eingeleitet wurde, und dass nach der Katastrophe von Tschernobyl zusätzliche Anforderungen hinzukamen – beispielsweise wurden im Kernkraftwerk Ignalina in Litauen die Reaktoren vom Typ RBMK-1500 auf eine geringere Megawattleistung umgestellt.
Europa habe die Tragödie von Tschernobyl hingegen dazu genutzt, die sowjetische und russische Kernenergie zu diskreditieren, so Uwarow. Die Anti-Atom-Kampagnen hätten zum Niedergang dieser Branche auf dem gesamten europäischen Kontinent geführt.
Der Experte betont:
“Man muss strategisch denken und darf nicht in Hysterie verfallen. Ja, es ist ein Atomunfall passiert. Aber daraus muss man Lehren ziehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Wenn man nach jedem Unfall die gesamte Branche stilllegt, kehren wir alle irgendwann wieder in die Steinzeit zurück.”
Marzinkewitsch fügt hinzu, dass die Kritik an russischen Kerntechnologien im Westen ungerechtfertigt gewesen sei. So seien nach der Katastrophe von Tschernobyl Entscheidungen getroffen worden, keine Reaktoren vom Typ RBMK mehr zu bauen, sondern auf Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren (WWER) umzusteigen, die grundlegend anders funktionieren.
Marzinkewitsch sagt:
“Derzeit entfallen 85 Prozent aller neuen Kernkraftwerksblöcke auf den Konzern “Rosatom” und China. In Europa selbst wurden in dieser Zeit lediglich vier Blöcke gebaut, da die Europäer diesbezüglich über keine ausreichenden Kompetenzen verfügen.”
Heute mehren sich in der Europäischen Union wieder die Stimmen – beispielsweise auch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen –, die den übereilten Ausstieg aus der Kernenergie als strategischen Fehler bezeichnen. In den vergangenen Jahrzehnten ist die europäische Atomindustrie in einen tiefen Niedergang geraten.
Der Experte erläutert:
“Verschiedene Äußerungen und antinukleare Stimmungen sind ein Versuch, eine einfache Tatsache zu verschleiern: Nach 30 Jahren Stillstand in der Kernenergie muss man wieder ganz von vorn anfangen; dies gilt sowohl für Europa als auch für die USA. In Russland gab es keine Unterbrechung, und wir sind auf einem guten Stand.”
Nach Ansicht von Uwarow “beobachten wir im Falle Europas eine Situation, von der man sagt: “Die Not lehrt zu beten.”
Dabei bezeichnete die Europäische Union die Nuklearsicherheit jahrelang als ihre oberste Priorität. Doch heute verschweigt Brüssel die systematischen Beschüsse des Kernkraftwerks Saporoschje durch die Ukraine und des iranischen Kernkraftwerks Buschehr durch die USA. Experten sind sich einig, dass diese fehlende Reaktion zu unvorhersehbaren Folgen führen könnte.
Uwarow betont:
“Wir beobachten hier eine Doppelmoral seitens der europäischen Politiker. Erfolgt ein solcher Beschuss unter Einsatz US-amerikanischer oder ukrainischer Waffen, schweigt man dazu. Sollte dieses Verhalten aber weiterhin toleriert werden, könnte dies eines Tages zu einer neuen Katastrophe führen.”
Marzinkewitsch wies auf die Gefahr einer radioaktiven Katastrophe hin, die durch Angriffe auf Kernkraftwerke droht, sowie auf die Kontamination der Umgebung und die Unbewohnbarkeit dieser Gebiete für längere Zeit.
Der Experte schließt:
“Das Kernkraftwerk Buschehr liegt am Ufer des Persischen Golfs. Die Ausbreitung der Kontamination wird von der Windrichtung abhängen, doch dass es zu einer Kontamination der Gewässer des Golfs kommen wird, steht außer Frage. Dasselbe gilt für das Kernkraftwerk Saporoschje: Die Kontamination wird sich in die Richtung ausbreiten, in die der Wind weht. Ich möchte daran erinnern: Nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl fiel radioaktiver Niederschlag sogar in Schweden.”
Zur Erinnerung: Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl im Gebiet Kiew in der Ukraine ereignete sich am 26. April 1986. Die Explosion des Reaktors führte zur größten Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie. Die radioaktive Kontamination breitete sich über eine Fläche von bis zu 200.000 Quadratkilometern aus. Am stärksten betroffen waren Gebiete in der Ukraine, in Weißrussland, im europäischen Teil Russlands und in Moldawien.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 26. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
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