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Krieg als Zukunft: Die Deutschen bekommen Wahlen ohne Wahl

rtnews by rtnews
31/08/2026
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Ist die AfD wirklich eine Alternative für Deutschland? Nein, meint Dmitri Bawyrin – jedenfalls nicht, solange der Kurs der Partei zur Wiederaufrüstung in weiten Kreisen von starken revanchistischen Gefühlen und einem Hang zur Geschichtsrevision begleitet wird. Dann sei auch die Souveränität Deutschlands kein unbestreitbares Gut mehr.

Von Dmitri Bawyrin

In nur einer Woche, am ersten Sonntag des Septembers 2026, finden in Deutschland Wahlen von geschichtsträchtiger – so würde man zunächst meinen – Bedeutung statt. Ihr vorauszusagendes Ergebnis droht, den Kanzlerwechsel nach sich zu ziehen, und ist gefährlich für das gesamte politische System Deutschlands. Die Co-Vorsitzende der stärksten Partei, Alice Weidel von der Alternative für Deutschland, hat versprochen, Deutschland aus dem Schengen-Raum zurückzuziehen und dazu den Euro aufzugeben. Also von wegen, “gebt mir einfach die Macht”.

Sollte sie wirklich das Mandat dazu bekommen und Weidel ihrerseits ihre Versprechen halten, wäre dies ein vernichtender Schlag sowohl für die Eurozone, da Deutschland ihre wichtigste Volkswirtschaft ist, als auch für die EU als einheitliche Organisation, deren inoffizielle Führungsrolle Berlin innehatte. Es wäre, als hätte die RSFSR zu Sowjetzeiten Visa und eine alternative Währung für die anderen Republiken der Union eingeführt. Ein “richtiger” (ja, was denn noch?) Austritt Russlands aus der UdSSR wäre dann nicht mehr erheblich: Die Sowjetunion hätte ihn ohnehin nicht überlebt.

Gleichzeitig wählen die Deutschen nichts wirklich Bahnbrechendes. Nicht den Bundestag, nicht das Bundesparlament – sondern lediglich einen Landtag: das Parlament des Landes Sachsen-Anhalt. Das Besondere ist, dass die AfD zumindest in einer der bundesdeutschen Regionen erstmals an die Macht kommen könnte: Ihre Zustimmungswerte sind mit über 40 Prozent so hoch, dass sich ihr die Chance auf eine Alleinregierung bietet – denn auf eine Koalition mit Drittparteien hat diese Partei ja ohnehin kaum Aussichten. Andere Parteien weigern sich kategorisch, mit ihr zu koalieren; da ist ein Tabu, eine Brandmauer.

Das Scheitern der Eindämmungsstrategie der Altparteien aber und die Wahlniederlage (die Parteien der bestehenden Regierungskoalition Sachsen-Anhalts kommen in Beliebtheits-Umfragewerten zusammen nur auf 30 Prozent) drohen mit einem Führungswechsel innerhalb der CDU und damit auch mit einem Wechsel des Bundeskanzlers. Friedrich Merz’ Position ist schon länger wackelig – er ist mit Zustimmungswerten von 11 bis 13 Prozent der unbeliebteste Regierungschef seit Hitler und liegt damit deutlich unter dem Durchschnitt der Partei. Ein Sieg der AfD würde seinen internen Kritikern reichlich Anlass geben, nicht nur den unbeliebtesten, sondern auch den lächerlichsten Bundeskanzler der modernen Geschichte gleich im Ganzen loszuwerden.

Merz selbst ist sich derweil der Tragweite der Lage bewusst und wird dagegen ankämpfen. Er hat eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen – doch dies nicht, wie zuvor, unter dem Vorwand des angeblichen “rechtsextremen Radikalismus” der AfD, sondern aufgrund der Kontakte dieser Partei zu Russland. Man könnte durchaus behaupten, die gesamte Wahlkampfstrategie der Regierungspartei CDU basiert darauf, den Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt als einen Agenten Moskaus zu entlarven.

Daher dürfte der Bundeskanzler in Kürze seinen größten Coup des Wahlkampfs starten: Moskau der angeblichen Sabotage am Flughafen Leipzig zu beschuldigen, bei der ein ukrainisches Militärtransportflugzeug ins Visier genommen worden sei: Anfang August “griff” eine selbstgebaute Drohne das Flugzeug dort auf dem Rollfeld an – prallte aber von diesem auf den Boden zurück. Die deutschen Behörden behaupten nun, die Drohne sei mit Sprengstoff bestückt gewesen – dieser sei aber aus unbekannten Gründen nicht detoniert, sondern habe sich stattdessen vom Trägerluftfahrzeug gelöst und sei dann zufällig auf dem Boden aufgefunden worden.

Das klingt unglaubwürdig und wirkt wie eine Provokation; es gibt zumindest bisherigen Erklärungen zufolge keine Hinweise darauf, dass russische Staatsbürger mit dem Vorfall in Verbindung stehen. Vielleicht dient dies aber nur dazu, kurz vor der Wahl einen Skandal zu inszenieren, indem man den Russen feindselige Aktionen und der AfD Kollaboration mit dem Feind vorwirft. Sollen die Anschuldigungen doch haltlos fallen und dann darum auch zusammenbrechen – die Wahlen sind dann ohnehin schon vorbei und gelaufen.

Gehen wir also davon aus, dass man die Deutschen – wie schon unter Goebbels – mehr als sonst von uns einzuschüchtern versuchen wird. Eine historische Wende für Deutschland hingegen sollten wir nicht erwarten; wir bereiten uns vielmehr auf diese Möglichkeit vor – wie auf alle anderen Möglichkeiten auch. Mit dem korrigierenden Vorbehalt, dass Russland kein Interesse an einem Sieg der AfD hat. Es ist an der Zeit, die Unterstellungen über ein solches Bündnis zwischen uns zurückzuweisen.

Die vor der Wahl herrschende Hysterie verheißt nämlich keine konkreten Aussichten – erst recht keine guten. Nehmen wir doch einfach an, die AfD hat Glück. Wenn beispielsweise die Sitze unter den Parteien verteilt werden, die die Fünfprozenthürde nicht überschritten haben, werden aus ihren “über 40” dann halt “über 50” Prozent. Oder vielleicht umgekehrt: Das Bündnis Sahra Wagenknecht, als die einzige Partei, die eine Koalition mit der AfD für sich überhaupt zulässt, zieht mit ihr in den Landtag ein.

Nehmen wir sogar an, dass solche Wahlergebnisse Bundeskanzler Merz das Genick brechen werden. Doch selbst dann wird er einfach durch einen anderen CDU-Spitzenpolitiker ersetzt werden (Hendrik Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, gilt als aussichtsreichster Kandidat) – und zwar ohne dass sich Berlins Kurs ändert. Man könnte diesen Kurs mit einem Wort als Militarismus bezeichnen, genauer mit zwei Worten ausgedrückt als antirussischen Militarismus.

Auch das Schicksal der AfD ist dann nicht gerade zu beneiden: In Sachsen-Anhalt werden die Zentralbehörden zu Sabotage greifen und werden alle finanziellen Ströme aus dem Bundeshaushalt an dieses Bundesland auf Sparflamme umstellen – bestenfalls –, nur um auf diese Weise die Handlungsunfähigkeit der Alternative für Deutschland als vertrauenswürdige Führungskraft für irgendein reales Verwaltungsobjekt zu “beweisen”. Sollte dies die Wählerschaft nicht zur Vernunft bringen, wird die AfD schließlich wegen “verfassungswidriger Aktivitäten” verboten. Eine Woche vor der Wahl forderte Boris Pistorius, Verteidigungsminister und Meinungsführer der SPD, des Juniorpartners der CDU in der Koalition, direkt dazu auf.

Sachsen-Anhalt selbst erscheint zwar als ein guter Ausgangspunkt für eine Kursänderung in Deutschland: Schließlich gilt es als die Wiege des deutschen Protestantismus (Lutheranertum) – und dazu noch der russischen Kaiserin Katharina II. Die extrem hohen Zustimmungswerte der AfD dort sind derweil überhaupt typisch für die ehemaligen DDR-Bundesstaaten: Die Ostdeutschen fühlen sich nach wie vor von den Westdeutschen abgegrenzt, und Westdeutschland hat die Interessen des wirtschaftlich weniger entwickelten Ostens vernachlässigt, der stärker unter dem Bruch mit Russland gelitten hat.

Insgesamt aber kann die AfD, mit 28 Prozent die beliebteste Partei, jedoch von einer Alleinregierung (oder einer Koalition mit Wagenknecht) lediglich träumen. Selbst in Mecklenburg-Vorpommern, einem weiteren ehemaligen DDR-Bundesland, wo am 20. September Wahlen stattfinden, liegt der kombinierte Zustimmungswert der Bundesregierung – zusammengesetzt aus den stärksten Altparteien CDU und SPD – höher. Genau deshalb verspricht Weidel ja auch so große und wahrlich historische Schritte wie den Ausstieg aus dem Euro und dem Schengen-Raum: Sie kann sich derlei Versprechen leisten, denn sie muss sie nicht umsetzen; die Kontrolle über Sachsen-Anhalt wäre dafür nicht ausreichend – sondern kläglich unzureichend. Und Merz ist als Politiker und Kanzler ganz offensichtlich nicht fähig, das Ende seiner Karriere als einen alles umfassenden Wendepunkt zu betrachten.

So ist daher ein Wandel in der deutschen Politik eher ein Wunschtraum als unmittelbar bevorstehend (wenn auch längst überfällig, und zwar in einem Grade, dass er schon zu spät käme). Der zweite Kalte Krieg und der Aufbau eines neuen Eisernen Vorhangs haben in Europa an Dynamik gewonnen und sind zum Selbstzweck geworden. Diese Prozesse lassen sich wohl selbst im – nahezu unmöglichen – Fall einer Kanzlerschaft wie der von Alice Weidel kaum umkehren. Wahrscheinlich wird sich die Lage stattdessen eher noch verschlimmern.

Die Alternative will Deutschlands vorteilhafte Beziehungen zu Russland wiederherstellen – nicht aber zum Beispiel die von Berlin angepeilte Aufrüstung aufgeben. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht, Investitionen in den militärisch-industriellen Komplex, erhöhte Verteidigungsausgaben und Merz’ Slogan “Stärkste Armee Europas bis 2039” werden von breiten Kreisen innerhalb der Partei vehement unterstützt.

Schlimmer noch, ihr Nationalpatriotismus birgt mitunter derart revanchistische Tendenzen, dass selbst die französische Oppositionspolitikerin Marine Le Pen die Zusammenarbeit mit der AfD ablehnt. Sie vertritt nämlich ähnliche Ansichten zu Migration, der Europäischen Union und der Gewinnung materieller Vorteile aus Russland – aber ganz sicher nicht zur Rolle der Wehrmacht in der Geschichte.

In diesem Kontext und aus ihrer Sicht ist die Ablehnung von Schengen und des Euro als Deutschlands drohender Anspruch auf die Wiedererlangung der Souveränität zu verstehen – einer Souveränität, die ihm aufgrund früherer Menschenrechtsverletzungen, die zu zwei Weltkriegen eskalierten, zu verwehren ist.

Wenn die Eltern eines extrovertierten Teenagers für ein paar Tage verreisen, feiert er mit Freunden in der nunmehr sturmfreien Bude. Wenn man den Deutschen erlaubt, souveräne Politik zu betreiben, würden sie beginnen, Mars, den Gott des Krieges, zu verehren. Angesichts der zuvor engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland schien der damalige Grad der Unabhängigkeit Berlins von Washington, das diese Zusammenarbeit ablehnte, ein unbestreitbarer Segen zu sein.

Doch auch die “Militarisierung nach Merz” ist ja ein bewusster Schritt in Richtung Unabhängigkeit von den USA. Der jetzige Kanzler ist einer der wenigen in der EU, die wiederholt betont haben, dass es nicht allein um Donald Trump geht: Europa kann Amerika nicht mehr vertrauen, und die Beziehungen werden nie wieder so sein wie zuvor.

Erst recht gilt dies aber auch für Deutschlands Beziehungen zu Russland. Die Zusammenarbeit ist zerstört, Gaspipelines wurden gesprengt, der Groll hat sich zu einem kritischen Punkt aufgestaut. Und die Geschichte des letzten Jahrhunderts lehrt uns, dass die Deutschen mit ihrer “stärksten Armee Europas” eine Bedrohung darstellen würden – egal, ob Merz oder Weidel sie aufbauen. Doch dann wäre wichtig, unabhängig vom Wahlausgang, weder die deutsche Souveränität noch die Alternative für Deutschland als bedingungslos gut zu betrachten.

Und wichtig wäre dann auch, die DDR als etwas hinzunehmen, das für immer verschwunden ist.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 31. August 2026.

Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als Polittechnologe in russischen Wahlkampagnen unterschiedlicher Ebenen. Er verfasst Kommentare für die russischen Medien Wsgljad, RIA Nowosti und Regnum und arbeitete mit zahlreichen Medien zusammen.

Mehr zum Thema – “Die Enkel der Nazis”: Hat Deutschland es sich mit den Russen verscherzt?



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