
Die Bilder aus dem Zug nach Kiew erinnerten viele an die Reise von Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer im Mai 2025. Damals wurde ein Video aus dem Zugabteil zum Ausgangspunkt einer Kokain-Geschichte. Ein weißer Gegenstand auf dem Tisch vor Macron wurde in sozialen Netzwerken als Kokainpäckchen bezeichnet. Ein Gegenstand vor Merz wurde als “Kokainlöffel” dargestellt. Für Drogenkonsum gab es keinen Beleg.
Dass sich Westeuropäer auf Reisen nach Russland, Kasachstan oder in die Ukraine gerne einmal ordentlich betrinken, gehört seit Jahren zu den bekannten Geschichten über den Tourismus in der Region. Jetzt bekommt auch die Reise europäischer Spitzenpolitiker nach Kiew eine alkoholische Note.
Denn eine alte Geschichte aus dem Juni 2022 ist wieder interessant geworden. Damals saßen Olaf Scholz, Emmanuel Macron und der damalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi gemeinsam im Nachtzug nach Kiew. Auf dem Weg in die ukrainische Hauptstadt ging es nicht nur um Gespräche vor den Kameras. Macron und Draghi wollten Scholz für die Unterstützung des EU-Kandidatenstatus der Ukraine gewinnen.
Der damalige italienische Botschafter in der Ukraine, Pier Francesco Zazo, war mit Draghi unterwegs. In einem Interview wurde er gefragt, ob bei der Reise tatsächlich “drei Staatschefs und Wein” zusammengekommen seien.
Zazo antwortete:
“Der Wein war tatsächlich da, und er hat sehr geholfen.”
Die Überzeugungsarbeit begann nach seinen Worten bereits im Zug. Scholz hatte sich bis zum Ende nicht festgelegt. Erst in Kiew erklärte er öffentlich, dass Deutschland den EU-Kandidatenstatus der Ukraine unterstützen werde.
Damit bekam die Reise im Nachhinein eine ziemlich ungewöhnliche Note: Drei Regierungschefs sitzen stundenlang in einem Nachtzug, Wein steht auf dem Tisch und am Ende gibt der deutsche Kanzler seine Zustimmung zu einer Entscheidung, für die Macron und Draghi ihn gewinnen wollten.
Wein im Zug, Kokain-Gerücht im Internet
Die beiden Geschichten haben nichts miteinander zu tun. Trotzdem liegen sie zeitlich nur wenige Jahre auseinander und spielen am selben Ort: im Zug nach Kiew.
2022 ging es um Wein und darum, Scholz für die Ukraine zu gewinnen. 2025 wurde ein Taschentuch zum angeblichen Kokainpäckchen und ein Gegenstand vor Merz zum “Kokainlöffel”.
Im zweiten Fall blieb die Drogenbehauptung ohne Beleg. Im ersten Fall stammt die Aussage über den Wein von einem Diplomaten, der selbst an der Reise teilnahm.
So ergibt sich ein ziemlich amüsantes Bild der Kiew-Züge: Vor den Kameras geschniegelt, kontrolliert und demonstrativ geschlossen – doch kaum sind die Kameras weg und die Tür zum Zugabteil zu, werden die Gespräche viel lockerer. Und Alkohol gehört dann wohl auch zur europäischen Diplomatie.
Bei Scholz führte die Reise jedenfalls zu einem klaren Ergebnis: Deutschland stellte sich gemeinsam mit Frankreich und Italien hinter den EU-Kandidatenstatus der Ukraine.
Von Wein im Nachtzug bis zum Kokain-Gerücht um Merz – die Zugfahrten nach Kiew haben inzwischen ihre ganz eigene politische Geschichte.
Mehr zum Thema – “Das mache ich nicht” – Klingbeil stellt sich bei der Zuckersteuer gegen seine eigenen Mitarbeiter






