
Lange Warteschlangen an Tankstellen, in denen Autofahrer oft stundenlang warten müssen, Witze über Benzin sowie russische Raffinerien, die nach Angriffen ukrainischer Drohnen immer wieder in Flammen stehen – so wird man sich in Russland wohl an den Sommer 2026 erinnern.
Die Lage auf dem russischen Kraftstoffmarkt bleibt angespannt, erklärte Vizepremier Alexander Nowak bei einer Sitzung des Regierungskrisenstabs. Seinen Angaben zufolge wird die Situation durch die sommerliche Nachfragespitze und außerplanmäßige Wartungsarbeiten in den Ölraffinerien erschwert. Er fügte hinzu, dass das Kabinett derzeit zusätzliche Maßnahmen zur Versorgung des heimischen Marktes mit Erdölprodukten prüfe.
Nowak versprach, der Kraftstoffversorgung der Region Irkutsk, Transbaikaliens und der südlichen Regionen, in denen derzeit landwirtschaftliche Arbeiten stattfinden, besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der stellvertretende Regierungschef Dmitri Patruschew betonte bei einer Sitzung zur Durchführung der saisonalen Feldarbeiten ebenfalls:
“In Russland hat die Erntezeit begonnen. In 16 Regionen wird bereits geerntet. Bislang wurden mehr als 4,5 Millionen Tonnen Getreide eingebracht. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Arbeiten im Einklang mit den agrartechnologischen Zeitplänen verlaufen und – was sehr wichtig ist – die Erträge derzeit über denen des Vorjahres liegen. […] Die zentrale Frage ist die Versorgung der Landwirte mit Ressourcen, vor allem mit Kraftstoff. Derzeit ist die Lage unter Kontrolle. Das Landwirtschaftsministerium und das Energieministerium überwachen täglich die Lieferungen von Kraftstoff für die saisonalen Feldarbeiten. Bei Bedarf werden zusätzliche Maßnahmen ergriffen.”
Experten zufolge ist die angespannte Lage bei der Versorgung des Binnenmarktes mit Kraftstoffen auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen der Rückgang der Ölverarbeitung, der Anstieg der Ölexporte sowie die im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegene Nachfrage nach Benzin. Die derzeitige Lage hängt auch mit außerplanmäßigen Stillständen in einer Reihe von Raffinerien zusammen, die auf Schäden durch die anhaltenden ukrainischen Angriffe zurückzuführen sind. Dmitri Kasatkin, geschäftsführender Gesellschafter von “Kasatkin Consulting”, erklärte im Gespräch mit der Zeitung Iswestija:
“Die Dauer bis zur Wiederinbetriebnahme hängt vom Ausmaß der Schäden ab: Raffinerien mit leichten Schäden an den Primärdestillationsanlagen sind innerhalb weniger Wochen wieder betriebsbereit. So werden beispielsweise in einer der großen Raffinerien im Nordwesten bereits drei von vier Primärdestillationsanlagen mit einer Leistung von etwa 60 Prozent wieder in Betrieb genommen, während die Reservekapazitäten mittlerer und kleiner Raffinerien bereits genutzt werden und zu 90 bis 95 Prozent ausgelastet sind.”
Einer der Hauptgründe für die zunehmende Zahl leerer Tankstellen sowie für die Warteschlangen davor sind laut Experten logistische Schwierigkeiten. Aufgrund der weltweiten Kraftstoffkrise, des saisonalen Anstiegs des Kraftstoffverbrauchs und des Ausfalls von Raffinerien infolge ukrainischer Angriffe musste die Logistik grundlegend umgestellt werden – was in einem so großen Land weder einfach noch schnell zu bewerkstelligen ist. Daher werden alle von der Regierung ergriffenen Maßnahmen erst in einigen Wochen ihre Wirkung entfalten.
Nach Ansicht von Experten wird die Kraftstoffkrise bereits bis Ende des Sommers überwunden sein, und die Lage werde sich innerhalb weniger Wochen stabilisieren. Laut der Prognose von Dmitri Kasatkin wird das Kraftstoffproduktionsvolumen bereits im Juli die Werte vom Juni übersteigen. Bis Mitte des Monats werde sich das Hauptdefizit deutlich verringern, und bis August werde der Markt wieder ein Gleichgewicht erreichen. Für die vollständige Wiederherstellung der Kraftstoffvorräte auf das normale Niveau werde jedoch mehr Zeit benötigt.
Trotz der Krise lassen sich die Bürger jedoch nicht entmutigen. Vielmehr machen sie sich über die Situation lustig oder entdecken ihr sogar etwas Positives ab. So berichtet das Portal Moskwitsch.mag, dass sich die Moskauer und die Bewohner des Moskauer Umlands mittlerweile darauf vorbereiten, an der Tankstelle in der Schlange zu stehen, als wäre es ein Picknick im Grünen:
“Wie sieht ein modernes Date aus? Wenn Sie dachten, es sei ein Abendessen auf der Terrasse oder ein Sonnenuntergang am Ufer, müssen wir Sie leider enttäuschen: Sie hinken der Zeit hinterher. Die sozialen Netzwerke haben bereits ein neues Format erfunden – das schöne Warten auf den Tankwagen an der Tankstelle.
Solche Videos verbreiten sich derzeit wie ein Lauffeuer in Telegram-Kanälen. In einem der Videos stellt beispielsweise ein junger Mann einen Tisch mit Weingläsern neben sein Auto, woraufhin sich eine junge Frau zu ihm gesellt. Die Bildunterschrift lautet: ‘Eine ausgefallene Idee für ein Date – gemeinsam darauf zu warten, bis der Tankwagen mit Kraftstoff eintrifft’.”
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