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Lehrerumfrage der Bosch-Stiftung: Wer falsch fragt …

rtnews by rtnews
27/06/2026
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Die neue Lehrerumfrage der Robert Bosch Stiftung verleitete viele Zeitungen dazu, mit Titeln wie “Lehrer trauen sich nicht, ihre Meinung zu äußern” oder Ähnlichem zu reagieren. Aber eigentlich war das nur eine falsche Antwort auf eine falsche Frage …

Von Dagmar Henn

Die aktuelle Umfrage der Robert Bosch Stiftung unter Lehrkräften an deutschen Schulen ist ein klassischer Fall von Material, das man mit Vorsicht betrachten muss. Denn aus halben Wahrheiten kann auch eine ganze Lüge werden. Und den Zustand an deutschen Schulen, mit beispielsweise in Berlin mancherorts 93 Prozent Migrationsanteil, mit “Heterogenität” zu benennen, deutet schon eine Neigung zum Euphemismus an.

Diese “Heterogenität” sahen die Teilnehmer dieser Umfrage, die vom 11.11. bis zum 02.12.2025 unter insgesamt 1.547 Lehrkräften online durchgeführt wurde, als das zweitgrößte Problem bei ihrer beruflichen Arbeit. Das größte war das Verhalten der Schüler. Übrigens war, verglichen mit Umfragen aus 2023 und 2024, die “Heterogenität” als Problem mit einer Nennung durch 33/32/34 Prozent relativ stabil. Das Verhalten der Schüler sahen aber noch 2023 nur 35 Prozent als größtes Problem, inzwischen sind es 46 Prozent.

Man muss allerdings dazusagen, dass der Altersdurchschnitt der Lehrer, die die Fragen beantworteten, um etwa fünf Jahre über dem Altersdurchschnitt deutscher Lehrer insgesamt lag; die Teilnehmer waren im Schnitt 53,1 Jahre; das Durchschnittsalter der Lehrer insgesamt liegt dagegen zwischen 47 und 48 Jahren. Was letzten Endes die Sicht positiv verzerrt – bei Fragen zur Berufszufriedenheit, der Einschätzung der eigenen Wirksamkeit und bei den Burnout-Faktoren schnitten die älteren Lehrer durchgehend besser ab als die jüngeren; demensprechend dürften auch ihre übrigen Einschätzungen positiver ausfallen.

In der Umfrage wurde ein wenig nachgefragt, was denn mit dem Verhalten der Schüler gemeint sei. Dabei benannten die Lehrer vor allem problematisches Sozialverhalten; am wenigsten an den Grundschulen, mit 33 Prozent; selbst an den Gymnasien lag der Wert bei 43 Prozent, bei den Haupt- und Realschulen bei 55, bei den Förderschulen bei 47 und bei den Berufsschulen bei 53 Prozent. Insbesondere an den Haupt-, Real- und Gesamtschulen ist das Problem für 11 Prozent Aggressivität, Gewalt und Mobbing, bei den Gymnasien liegt dieser Wert nur bei 1 Prozent, interessanterweise bei den beruflichen Schulen ebenfalls; Grundschulen (6) und Förderschulen (5 Prozent) liegen dazwischen.

Es gibt ein Gegenstück, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, eine Befragung unter Schülern, vom 9. Mai bis 3. Juni 2025 durchgeführt, mit 1.507 Schülern (wobei die beruflichen Schulen deutlich unter-, die Gymnasien aber überrepräsentiert sind). Dort finden sich folgende Angaben:

“Den eigenen Angaben nach kam es im letzten Schuljahr mindestens ein- bis zweimal im Monat bei 6 Prozent der 1.232 befragten Schüler:innen ab 11 Jahren vor, dass sie von ihren Mitschüler:innen bedroht wurden, bei 12 Prozent, dass gemeine Gerüchte über sie verbreitet wurden, bei 15 Prozent, dass sie absichtlich ausgeschlossen wurden, bei 18 Prozent, dass sie von Mitschüler:innen beschimpft wurden und bei 23 Prozent, dass diese sich über sie lustig gemacht haben.”

Dabei verteilt sich diese Erfahrung sehr ungleichmäßig: 68 Prozent gaben an, im letzten Schuljahr überhaupt nicht von Mobbing betroffen gewesen zu sein. Klar ist allerdings, dass die Werte deutlich höher liegen, als es die Einschätzung durch die Lehrer nahelegt. Und Armut ist dabei ein wichtiger Faktor.

Soziale Medien haben aber daran einen geringeren Anteil, als die erwachsene Öffentlichkeit meist annimmt – die meisten Fälle von Mobbing geschehen immer noch entweder persönlich oder sowohl persönlich als auch über die sozialen Medien. Was bedeutet, sie entziehen sich nicht der Wahrnehmungsmöglichkeit der Lehrer.

Aber zurück zu den Lehrern und ihrer Sicht auf das Verhalten der Schüler. Konzentrationsprobleme sind nach dieser Umfrage vor allem ein Problem an Gymnasien und Berufsschulen, dort wurden sie von 7 Prozent der Lehrer benannt, und problematische Mediennutzung wird vor allem in den Berufsschulen beobachtet, mit 8 Prozent. Allerdings – die Unterschiede zwischen den Schularten sind bei diesen beiden Punkten deutlich geringer ausgeprägt. Der niedrigste Wert für Konzentrationsprobleme fand sich in den Haupt- und den Förderschulen mit 4 Prozent, bei problematischer Mediennutzung mit 3 Prozent an den Grundschulen. Die Spanne bei Aggressivität ist weit größer.

Doch wie verlässlich ist die Wahrnehmung der Lehrer? Das lässt sich auch anhand eines weiteren Themas in der Umfrage überprüfen, zur Frage der Demokratiebildung. Dabei waren die Lehrer bei dieser Umfrage deutlich zufriedener mit dem, was bereits getan wird, als in der Vorjahresumfrage; und zwar quer durch alle Schulformen, mit Ausnahme der Grundschulen. Dort stieg der Anteil jener, die mehr Demokratiebildung fordern, von 39 auf 40 Prozent. Bei den Hauptschulen (63/55), Gymnasien (51/39), den Förderschulen (64/58) und den Berufsschulen (66/58) wird zumindest eine deutliche Besserung konstatiert.

Dabei taucht dann eine verborgene Klassenfrage auf. Denn einen Faktor zumindest berücksichtigt die Umfrage – die Folgen von Armut. Und teilt die Schulen nach dem Anteil an Schülern aus Familien mit niedrigem Einkommen auf. Bei den Schulen, an denen nur bis zu 10 Prozent der Kinder aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen stammen, meinen nur 39 Prozent der Lehrer, es bräuchte mehr Demokratiebildung; an jenen mit mehr als 50 Prozent meinten es 54 Prozent.

Auch da liegen die Werte niedriger als im Vorjahr, aber bei dieser Zahl fragt man sich, ob wirklich die Schüler das Problem sind – oder ob das, was die Lehrer als mangelnde Demokratiebildung wahrnehmen, nicht etwas mit der Tatsache zu tun hat, dass die realen Interessen jener Familien mit sehr niedrigem Einkommen in der Politik keine Rolle spielen. Auffällig ist nämlich, dass bei der Frage, warum denn die Demokratiebildung unzureichend sei, zwar in den armen Schulen auch die mangelnde Unterrichtszeit genannt wird (73 Prozent im Vergleich zu 87 Prozent der wohlhabenderen), aber der größte Unterschied beim fehlenden Interesse der Schüler konstatiert wird, mit 42 Prozent im Vergleich zu 22 Prozent.

Immerhin 11 Prozent der Lehrer schlagen eine stärkere Partizipation der Schüler vor. Projekte und Projekttage haben meist auch einen partizipativen Charakter. Interessant ist hier, dass die Lehrer an den armen Schulen häufiger einen Ausbau von Partizipation und Mitbestimmung fordern. Aber ansonsten sind die meisten Lehrer mit dem Maß der Partizipation von Schülern zufrieden – obwohl die Möglichkeit, selbst Erfahrungen mit demokratischen Entscheidungsprozessen zu machen, vor allem, wenn man selbst Interesse am Resultat hat, eigentlich die wichtigste Form der Demokratiebildung darstellt.

Ganz anders sieht das Ergebnis in der Schülerbefragung aus, wo sich drei Viertel mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten bei Unterrichtsthemen, Gruppenarbeit, Notengebung und Schulaktivitäten wünschten, und zwei Drittel gern bei Unterrichtsmaterialien, Schulgestaltung, Prüfungsterminen und Klassenregeln beteiligt wären.

Dieses Resultat ist sehr deutlich – die meisten Schüler wünschen sich deutlich mehr Mitbestimmung, als ihnen zugestanden wird. Die meisten Lehrer sind sich dessen offenkundig nicht bewusst.

Dann konzentriert sich die Umfrage auf die Selbstwahrnehmung der Lehrer in der politischen Bildung. Und konstatiert, dass sich im Schnitt 15 Prozent der Lehrer dabei etwas, drei Prozent sehr unsicher fühlen. Am deutlichsten übrigens an den Berufsschulen, im Osten und an den Schulen mit ärmeren Schülern.

Bei den Fragen, die überprüfen sollten, ob die Lehrer die Grundsätze politischer Bildung an Schulen (bekannt als Beutelsbacher Konsens) tatsächlich kennen, gibt es einen Ausreißer, den die Studienautoren gar nicht als solchen erkennen. Die entsprechende Frage lautete:

“Ich darf politische oder gesellschaftliche Themen nur dann behandeln, wenn ich unterschiedliche Positionen dazu ausgewogen darstelle.”

Bei dieser Aussage war die Zustimmung deutlich niedriger als bei den vorhergehenden Fragen, bei denen es beispielsweise darum ging, “Grundwerte wie Demokratie und Menschenwürde offen (zu) vertreten”. Bei den ersten beiden Fragen stimmten nämlich 81 bzw. 87 Prozent der Aussage voll und ganz zu; bei der Darstellung unterschiedlicher Positionen waren es nur noch 24 Prozent; 49 Prozent stimmten eher zu, 18 Prozent eher nicht, und 9 Prozent überhaupt nicht.

Dabei ist weder ein Verzicht auf die Äußerung einer eigenen Meinung erforderlich noch eine gleichmäßige Anerkennung aller Meinungen der Schüler – aber darzulegen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt, und es den Schülern zuzubilligen, sich selbst anhand dessen eine eigene Meinung zu bilden, das ist sehr wohl Teil besagten Beutelsbacher Konsenses.

Man kann sich schon vorstellen, in welche Richtung das geht, und warum es den Lehrern schwer zu fallen scheint, unterschiedliche Positionen darzustellen. Die Corona-Zeit hat es deutlich vorgeführt, dass gerade die Lehrer die Extremkonformisten waren, und überhaupt nichts dabei fanden, zum Schutz ihrer eigenen überaus kostbaren Person die Schüler wochenlang frieren zu lassen. Eine Handlungsweise, die eigentlich prinzipiell für diesen Beruf disqualifizieren sollte.

Aus Befragungen des Deutschen Beamtenbundes ergaben sich deutlich überdurchschnittliche Werte für die Wahl der Grünen; allerdings stammen die letzten verfügbaren Werte aus dem Jahr 2021. Damals waren die Grünen die führende Partei unter Beamten, mit 32 Prozent. Es wäre nicht erstaunlich, wenn vor allem die Lehrer dazu beigetragen hätten – bei Polizisten wäre das eher unwahrscheinlich.

Angesichts dessen, dass derzeit in Deutschland sehr schnell eine politische Meinung als extremistisch eingestuft wird – gerade durch die grüne Anhängerschaft, die ja auch besonders stark hinter den unzähligen Meldestellen und Eingriffen in die Meinungsfreiheit steht –, ist der stark abweichende Wert bei dieser Frage ein mögliches Indiz dafür, dass ein großer Teil der Lehrer selbst ein Problem damit hat, eine andere Meinung als die eigene überhaupt zu akzeptieren. Das passt zu der starken Abweichung in der Sicht auf die Partizipation, wird aber von der Umfrage und in der Auswertung nicht angesprochen.

Allerdings, so sinnvoll es ist, einen Zusammenhang zwischen Armut und psychischer Belastung bei den Schülern herzustellen, was die Studie tut, so schwierig ist es, dass Migration und die gewaltigen Probleme, die sie für das Bildungssystem schafft, in der Umfrage überhaupt nicht vorkommen. Es ist sicher erfreulich, dass die allermeisten Lehrer mit ihrem Beruf zufrieden sind; aber die Ergebnisse der deutschen Schüler in allen objektiven Tests fielen in den letzten Jahren immer weiter zurück. Die Unzufriedenheit mit den Folgen der Migration verbirgt sich in der Umfrage hinter dem Stichwort Inklusion, das in der Umfrage so definiert wird:

“Inklusion bezieht sich auf die Bereiche Sprache, soziale Lebensbedingungen, soziale oder emotionale Bedürfnisse, sonderpädagogischer Förderbedarf, Behinderung, Fluchterfah­rungen und Migrationshintergrund, religiöse Orientierungen sowie Hochbegabung.”

Die entsprechende Antwort bezieht sich also nicht auf Inklusion von behinderten Kindern (die in Deutschland überwiegend so sparsam umgesetzt wird, dass sie nur schaden kann), sondern eben auch auf die Inklusion von Migrantenkindern. Und das Ergebnis? 68 Prozent der befragten Lehrer antworten, eine inklusive Beschulung verschlechtere den Unterricht für alle; obwohl 48 Prozent brav erklärten, sie sei ein Gewinn für alle Schüler. Sogar 74 Prozent meinen, die Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen erhielten nicht die spezielle Unterstützung, die sie bräuchten, und 66 Prozent meinen , die Qualität des Unterrichts leide unter der Heterogenität.

Da ist also ein kleines Stückchen gut verborgener Wahrheit. Dennoch sind die meisten Lehrer überzeugt, sie selbst könnten, auch wenn es viel zusätzliche Arbeit erfordert und eine große Belastung darstellt, ihren Unterricht allen kulturellen, sprachlichen und sozialen Hintergründen entsprechend gestalten. Die Schülerbefragung enthielt in dieser Hinsicht leider keine Gegenfrage. PISA und andere Bildungstests allerdings erwidern darauf mit einem überdeutlichen Nein.

Je, eine Umfrage, die an entscheidenden Punkten die Vorurteile der Befragten reproduziert, liefert nun einmal nur einen begrenzten Erkenntnisgewinn. So, wie die Umfrage unter den Schülern sie nur begrenzt als Gegenüber ernst nahm. Das ist bedauerlich, denn echte Erkenntnis würde angesichts der deutschen Misere dringend gebraucht.

Mehr zum Thema – Kinderwohl-Ranking: Deutschland im unteren Mittelfeld – Bildung als größtes Problem



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