
Am 22. Juni 2026 jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Der Jahrestag fällt in eine Zeit, die von zunehmenden geopolitischen Spannungen und gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. Insbesondere Weißrussland erscheint in den bundesdeutschen Medien lediglich als spätsowjetisch angehauchte Diktatur, die ihre Oppositionellen verfolgt. Wenig bekannt ist, dass die weißrussische SSR im Zweiten Weltkrieg einen hohen Blutzoll zu tragen hatte: Bis zur Befreiung im Sommer 1944 war fast ein Drittel der Bevölkerung umgekommen, insgesamt an die drei Millionen Menschen. Dem Holocaust fielen dabei 700.000 weißrussische Juden zum Opfer, der sogenannten “Partisanenbekämpfung” – die in Wirklichkeit wehrlose Dorfbewohner traf: Alte, Frauen und Kinder – mehr als eine Million Sowjetbürger slawischer Herkunft.
Das Ausmaß dieser deutschen Verbrechen ist vielen Bundesbürgern bis heute nicht bewusst. Eine Gruppe von Friedensaktivisten rund um Oliver Schneemann hat es sich zum Auftrag gemacht, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie war bereits im Jahr 2023 anlässlich des 80. Jahrestages des Massakers von Chatyn nach Weißrussland gereist und nach ihrer Rückkehr in der weißrussischen Botschaft empfangen worden. Schneemann war auch der Organisator einer Vernissage weißrussischer Künstler, die im September 2024 in Köln stattfand. Die Ausstellung zeigte Werke, die die Vernichtung weißrussischer Dörfer während der deutschen Besatzung zum Thema haben.
Und das Friedenswerk geht weiter. Die Gruppe um den Friedensaktisten Oliver Schneemann plant eine Fahrt nach Weißrussland und ruft Gleichgesinnte zur Teilnahme auf. Die Anreise soll individuell erfolgen, in Weißrussland erwartet die Reisenden ein 14-tägiges Programm im Zeitraum vom 20. Juni bis 4. Juli. Die Teilnehmer werden also an gleich zwei für die weißrussische Geschichte bedeutsamen Daten dort anwesend sein, nicht nur am 22. Juni, sondern auch am 3. Juli. An diesem Tag vor 85 Jahren befreite die Rote Armee Minsk, die heutige Hauptstadt Weißrusslands, damals die Hauptstadt der weißrussischen Sowjetrepublik. Die beiden Termine symbolisieren den Anfang und das Ende des Krieges für Weißrussland – auch wenn die Kämpfe für die sowjetischen Soldaten noch bis zum 9. Mai 1945, ja bis Anfang September 1945 (Kapitulation Japans) weitergingen.
Die Reise hat die Unterstützung der weißrussischen Behörden. Wer Künstler ist und die Fahrt nach Weißrussland zu einem Kunstprojekt gestalten kann, erhält kostenlose Unterkunft. Auch die Transporte zu den Gedenkstätten und einen Teil der Kosten für die Verpflegung übernimmt der weißrussische Staat. Mitreisende ohne künstlerischen Hintergrund zahlen selbst. Auch Förderer, die selbst nicht mitreisen, aber die Fahrt durch Spenden unterstützen wollen, sind erwünscht. Die Mitfahrer benötigen kein Visum, lediglich einen Reisepass und eine Auslands-Reisekrankenversicherung. Weißrussland ist es ein Anliegen, dass möglichst viele Leute aus dem Ausland das Land besuchen und kennenlernen. Interessenten könnten sich unter diesem Link melden.
Zu ihrer Motivation lässt man die Initiatoren der Reise am besten selbst sprechen:
“Die Verletzungen der Völkerseelen werden von Generation zu Generation weitergegeben und spalten uns. Wir fühlen uns nicht als zusammengehörige Menschheitsfamilie, die füreinander da ist. Wir haben das Bedürfnis, dieser gewaltigen Spaltung entgegenzuwirken. Wir wollen nicht den Schuldkult nähren; wir wollen vereinen. Wir möchten Menschen und Herzen miteinander verbinden und somit unseren bescheidenen Beitrag zu Weltfrieden, Versöhnung und Heilung leisten.”
Weiterhin schreiben sie in ihrer Einladung:
“Wir richten unsere achtsame Aufmerksamkeit auf den Zweiten Weltkrieg und auf das heutige Weißrussland. Wir möchten auf Gräueltaten schauen, die Faschisten in Weißrussland angerichtet haben. Menschen und Dörfer wurden ausgelöscht. Familien wurden zerstört. Dies war ein unfassbar diabolischer Plan der Nazis. Zwei Drittel der slawischen Bevölkerung sollten ausgelöscht werden.”
Geplant sind Besuche an den Gedenkstätten Brest, Dremlewo, Damatschewo und eventuell Raschkowka, mit der Stadt Brest als Basis. Von dort aus wird die Gruppe Tagesausflüge zu den Gedenkstätten unternehmen und Kränze niederlegen. Die “Heldenfestung Brest” war eine der bedeutendsten Gedenkstätten der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Unmittelbar nach dem deutschen Überfall hielten die sowjetischen Verteidiger den Angreifern der Wehrmacht wochenlang stand, bis sie der Übermacht unterlagen. Einen Eindruck von dem aussichtslosen, aber umso tapferen Kampf der Verteidiger der Festung Brest vermittelt eine russisch-weißrussische Koproduktion aus dem Jahr 2010.
In Dremlewo wurden 1942 im Rahmen einer sogenannten Strafaktion die Bewohner des Dorfes erschossen und das Dorf niedergebrannt. In Domatschewo ermordeten die Nationalsozialisten die Bewohner eines Kinderheims. Auch der Großteil der übrigen Einwohnerschaft überlebte die deutsche Besatzung nicht, sie fielen als Juden dem Holocaust zum Opfer. Das Dorf Raschkowka (oder Roschkowka) sollte 1942 ebenfalls vernichtet werden, ihm widerfuhr aber eine wundersame Errettung.
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