
Von Dmitri Lekuch
Noch bevor sich der Staub nach der Sprengung der Kühltürme der stillgelegten deutschen Atomkraftwerke gelegt hatte, wurde schlagartig klar: Alle Opfer, die auf dem Altar des grünen Energiewandels erbracht wurden, waren vergeblich. Und zwar nicht nur geopolitisch (hier ist es offensichtlich: Die Russen und Chinesen ließen sich mit diesen Glasperlen nicht kaufen, ebenso wenig der Globale Süden; und auch in den Vereinigten Staaten kam eine Regierung an die Macht, die ebenfalls diversen grünen Initiativen skeptisch gegenübersteht), sondern – man verzeihe mir den Ausdruck – sogar ideologisch: Das schöne Bild einer kreativen, grünen Zukunft, das den Wählern wie eine Karotte vor die Nase gehalten worden war, ist einfach verschwunden.
Denn plötzlich wurde klar: Das verlockende Bild von babyblauen und rosa Ponys, die auf einer grünen Wiese grasen, bewacht von weißen Einhörnern mit regenbogenfarbenem Horn, während künstliche Intelligenz (KI) alle langweilige Arbeit erledigt (kurzum: “Roboter schuften, Menschen sind glücklich”), erfordert einen derart höllisch hohen Energieaufwand, dass im Vergleich dazu sogar die durch und durch industrialisierte und noch vor Kurzem als “überholt” verschriene Gesellschaft des 20. Jahrhunderts schlichtweg nicht mithalten kann!
Denn es stellte sich heraus, dass selbst die unvollkommenste moderne KI mehr Energie verbraucht als so mancher Autohersteller. Und nun hat sogar das Weiße Haus, obwohl der Energiesektor und die Ressourcenbasis dieser Hochburg der Demokratie jenseits des Atlantik etwas besser dastehen als im gesamten Westen zusammen, gefordert: Der größte US-amerikanische Energiekonzern soll eine Notauktion für Strom durchführen, um zyklischen Stromabschaltungen zwecks Lastabwurf vorzubeugen. Der Grund: Der Energiebedarf von KI-Rechenzentren und überhaupt von Rechenzentren wächst schneller, als das Land neue Kraftwerke bauen kann.
Gleichzeitig beraten US-Energieminister Chris Wright und Innenminister Doug Burgum zusammen mit den Gouverneuren mehrerer US-Bundesstaaten eiligst über Initiativen zur Baubeschleunigung neuer Kraftwerke auf der PJM-Plattform, die über 15 Milliarden Dollar kosten werden. Diese Projekte können jedoch mit der Nachfrage der wachsenden KI-Branche ebenfalls nicht Schritt halten.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Dinge sind dermaßen gründlich schiefgelaufen, dass selbst Friedrich Merz, der kürzlich die Sprengung der Kühltürme öffentlich feierte, zugibt, die Abschaltung der Atomindustrie in seinem Land sei ein “strategischer Fehler” gewesen.
Zum Leidwesen der Betroffenen wird dieser Fehler jedoch nur sehr schwer zu korrigieren sein.
Und das nicht nur für den jetzigen deutschen Bundeskanzler: Der Punkt wurde bereits sehr lange überschritten, an dem nicht nur der Zug längst abgefahren ist, sondern auch der ganze Bahnhof gleich mit. Versuchen wir das zu erklären. Es ist in Wirklichkeit ja auch alles ganz einfach verständlich – und nur um Wiederholungen zu vermeiden, ist es sinnvoll, einige leicht verständliche Analysedaten zu zitieren, die kürzlich von der japanischen Wochenzeitschrift Nikkei Asia veröffentlicht wurden. Diese ist bekannt für ihre Verbindung zur britischen Financial Times und damit garantiert nicht prorussisch – was in diesem Fall besonders aufschlussreich ist.
Also: Von den 63 seit dem Jahr 2016 weltweit gebauten Atomkraftwerken entfielen über 90 Prozent auf Anlagen, die von Russland und China gebaut wurden. Die einzigen Kernkraftwerke, die nicht von Russland oder China gebaut wurden, sind fünf Anlagen in Südkorea und Großbritannien.
Dabei entfiel bereits vor dem Konflikt in der Ukraine etwa die Hälfte aller internationalen Verträge im Atomenergiebereich auf Russland. Seine Hauptkonkurrenten im Atomsektor – China, Frankreich, Japan, Südkorea und die USA – kamen zusammen auf etwa 40 Prozent.
Jetzt aber verschärft sich die Lage nur noch weiter. Und dieses Ungleichgewicht ist von einem derartigen Kaliber, dass nicht nur Europa, das sich in den letzten Jahrzehnten verzweifelt um eine grüne Energiewende bemüht hat, sondern auch die deutlich ausgewogeneren USA damit schlicht nicht fertigwerden.
Besonders interessant ist, dass dieses Problem durchaus systembedingt ist und nicht nur eine Frage von Technologie und Expertise im Bereich Kernenergie darstellt, wo die westlichen Länder nicht nur Russland, sondern auch China bereits nahezu hoffnungslos hinterherhinken.
Nein: Paradoxerweise ist eine der größten Herausforderungen für westliche Volkswirtschaften ausgerechnet die Finanzierung von Atomprojekten. Zur Verdeutlichung: Das letzte neue Kernkraftwerk wurde in den USA in den 1970er-Jahren in Betrieb genommen, dennoch deckt die Kernenergieerzeugung in den USA etwa 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs.
Investoren ignorieren die Nuklearindustrie aufgrund ihrer langen Amortisationszeit und geringen Rentabilität im Vergleich vor allem zum Dienstleistungsmarkt. Dieses Problem ist systembedingt und grundlegend – und lässt sich im Rahmen des aktuellen Modells des Aktienkapitalismus nur sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, lösen. Russlands staatlicher Kernenergiekonzern Rosatom, der nicht nach den “zivilisierten Regeln des Aktienmarktes” operiert, bietet für Nuklearprojekte bis zu 90 Prozent der Summe als Finanzierung an, mit über Jahrzehnte gestreckten Zahlungen zu minimalen Zinssätzen. Dies steigert natürlich die Wettbewerbsfähigkeit erheblich. So sehr, dass Rosatoms Gesamteinnahmen bis zum Jahr 2030 laut Berechnungen der Analysten, etwa der Financial Times oder auch der oben erwähnten Nikkei Asia, 56 Milliarden US-Dollar (nach jetzigem Kurs) übersteigen werden – mehr als das Doppelte des aktuellen Niveaus. Dieses Wachstum wird vor allem durch internationale Projekte getrieben und beweist die hohe Wettbewerbsfähigkeit russischer Technologien und Expertise. Bedeutet das aber, dass für Russland in dieser Branche alles so gut läuft?
Leider nein.
Es gibt bedauerlicherweise auch bei uns zahlreiche Probleme, und diese Probleme betreffen vor allem unsere heimischen Märkte und unsere inländische Energieerzeugung, bei der wir derzeit ebenso vor der Aussicht auf eine Unterversorgung stehen wie die US-Amerikaner. Wenn wir unsere inländische Versorgung nicht in den Griff bekommen, werden wir international völlig nutzlos sein, und es ist töricht, das nicht zu begreifen.
Wir müssen uns einfach darüber im Klaren sein, dass die Menschheit, die schon lange unter Energiemangel leidet, jetzt in eine Ära wirklich schwerwiegender Energieknappheit eintritt.
Dies wird jede Art der Energieerzeugung betreffen, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wirklich “golden” wird – von Gas bis hin zur Kohle, die vor Kurzem noch als hoffnungslos veraltet galt. Und die von Wasserkraftwerken erzeugte Energie wird voraussichtlich ebenfalls nicht ausreichen: Knappheit führt auch hier, wie auf allen anderen Märkten auch, zu höheren Preisen und so weiter – das ist völlig klar. Und natürlich wird diese globale Energieknappheit auch ihre eigene, sozusagen nukleare Seite haben, in der wir einen enormen Vorsprung sowohl in der Technologie (einschließlich, ganz entscheidend, rein organisatorischer Aspekte) als auch im Know-how besitzen. Diesen Vorteil darf Russland auf keinen Fall verspielen, zumindest nicht mittelfristig. Und dafür wiederum dürfen wir unsere heimischen Märkte keinesfalls aus den Augen verlieren, denn potenzielle Probleme unseres Landes haben immer ihren Ursprung im Inneren.
Übersetzt aus dem Russischen.
Dmitri Lekuch ist ein russischer Unternehmer (Werbeindustrie), Prosaautor, Publizist und Journalist sowie politischer Beobachter bei RIA Nowosti. Er erforscht zudem das Phänomen der osteuropäischen Fußballfan- und Hooliganbewegungen.
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