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Vom Wertediskurs zur nackten Macht: Trumps neue Weltstrategie

rtnews by rtnews
09/01/2026
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Mit der Operation in Venezuela legt Washington seine neue Strategie offen: Interessen statt Ideale, Dominanz statt Diplomatie. Die USA definieren ihre globale Rolle neu – von Lateinamerika über Europa bis Asien. Die Folgen dieses historischen Kurswechsels dürften die Weltpolitik nachhaltig verändern.

Von Pierre Levy

Ein Staatschef, der brutal entführt und als Geisel genommen wurde, nachdem seine Hauptstadt von einer Großmacht bombardiert worden war, die sich anschickt, ihn “vor Gericht zu stellen”. Ein Präsident der Vereinigten Staaten, der sich offen zu dieser blutigen Gangstertat bekennt (mehrere Dutzend Leibwächter wurden ermordet) und die Operation wie eine großartige Heldentat aus einer Fernsehserie lobt. Derselbe Donald Trump, der offen verkündet, dass Washington nun “das Sagen” in Venezuela habe und sich die USA, angefangen bei den riesigen Ölvorkommen, dessen Reichtümer lautstark aneignen wollen.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, warnt der Bewohner des Weißen Hauses wie ein Mafiaboss ausdrücklich, dass seine Kampfaktion gegen alle Länder wiederholt werden wird, die sich seinem Diktat nicht unterwerfen, wobei Kolumbien, Iran und Kuba im Vordergrund stehen.

Nach der Aktion des US-Kommandos in Caracas am 2. Januar 2026 herrschte in den Hauptstädten der fünf Kontinente Fassungslosigkeit. Mit einer gemeinsamen Feststellung: Die Weltordnung, die seit acht Jahrzehnten mehr oder weniger Bestand hatte, hat gerade einen erheblichen Schock erlitten. Die US-Tageszeitung Washington Post spricht von einem neuen Wilden Westen.

Proteste gegen die US-Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in Tokio am 6. Januar 2026Urheberrechtlich geschützt

Mit etwas historischem Abstand betrachtet ist diese imperiale Hybris natürlich nichts Neues. Seit dem 19. Jahrhundert haben die USA nie wirklich die Vorstellung aufgegeben, dass Lateinamerika ihr Revier ist und generell kein Land der Welt ihrer potenziellen Vorherrschaft entkommen sollte.

Aber es ist schon sehr lange her, dass ein solcher Zynismus offen zur Schau gestellt wurde. Von nun an hält es Uncle Sam, in diesem Fall Uncle Donald, für unnötig, sich mit Reden über die Verteidigung von “Werten” oder “Demokratie” zu belasten. Es zählen nur noch die nackten Interessen; das hat zumindest den Vorteil der Klarheit.

Die Operation vom 2. Januar gegen Nicolás Maduro erscheint hier als karikaturistische Illustration der “Nationalen Sicherheitsstrategie”, die die Trump-Regierung gerade einen Monat zuvor veröffentlicht hatte. Dieses Dokument wurde von zahlreichen Analysten als “historischer Bruch” bezeichnet.

In ihrer Einleitung heißt es: “Die Angelegenheiten anderer Länder gehen uns nur dann etwas an, wenn ihre Aktivitäten unsere Interessen direkt bedrohen.” Zu den erklärten Prioritäten gehören die Bekämpfung der Massenmigration und die Sicherheit der Grenzen. Die Verlagerung der Lasten auf die Verbündeten wird ebenfalls als unverzichtbar beschrieben.

Die “wirtschaftliche Sicherheit” nimmt einen zentralen Platz unter den genannten Anliegen ein: “Die Vereinigten Staaten dürfen niemals von einer externen Macht abhängig sein, wenn es um wesentliche Komponenten geht – von Rohstoffen über Ersatzteile bis hin zu Fertigprodukten –, die für die Verteidigung oder die Wirtschaft des Landes notwendig sind.”

Geografisch gesehen ist für die US-Geostrategen der gesamte amerikanische Kontinent (Nord-, Mittel- und Südamerika) – den sie seltsamerweise als “westliche Hemisphäre” bezeichnen – ihr Revier. Der Nahe Osten seinerseits zählt nunmehr nur insoweit, als er die Interessen Washingtons nicht stören darf. Asien hat Priorität, da die dominierende Macht dort China ist. Und China wird als großer Rivale angesehen, dem gegenüber der Rest der US-Weltstrategie gedacht werden muss.

Der Rest? Insbesondere Europa, das in dem veröffentlichten Dokument auf eine für die Oberhäupter des Alten Kontinents demütigende und beunruhigende Weise behandelt wird. In diesem Punkt entspricht die veröffentlichte Fassung nicht ganz den lautstarken öffentlichen Äußerungen des US-Präsidenten.

Dieser mag die Europäische Union nicht, wie er immer wieder betont. Für ihn wurde aber die EU nur gegründet, um die Vereinigten Staaten zu betrügen (der ursprüngliche Begriff ist rüder). Eine Behauptung, die entweder eine Lüge oder Unwissenheit ist – wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

Tatsächlich ist es eine leicht überprüfbare historische Tatsache: Der Prozess der europäischen Integration, der in den 1950er-Jahren begonnen hatte, wurde von Washington sehr nachdrücklich unterstützt und gefördert. Vor dem Hintergrund des damaligen Kalten Krieges war ein westeuropäischer Block notwendig, um der Sowjetunion und ihren Verbündeten politisch, ideologisch und wirtschaftlich die Stirn zu bieten. Der rein militärische Teil wurde der NATO übertragen und stand natürlich unter der Führung der US-Streitkräfte.

Die EWG, aus der später die EU hervorging, wurde von den US-Präsidenten stets unterstützt, sodass die Osterweiterung nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 parallel von EU und NATO vorangetrieben wurde. Der Westen glaubte, endgültig gewonnen zu haben. Eine Überzeugung, deren Sinnlosigkeit die neue Sicherheitsstrategie heute deutlich macht.

Denn seit einem Vierteljahrhundert haben sich bedeutende Veränderungen vollzogen. So sind beispielsweise die wirtschaftlichen Ambitionen der BRD, nachdem sie die DDR annektiert hatte, gestiegen, was eine potenzielle Rivalität mit den Vereinigten Staaten darstellte und zu US-Versuchen geführt hat, die Kooperation (insbesondere im Energiebereich) zwischen Berlin und Moskau zu schwächen und schließlich zu beenden. Außerdem hat das unter Boris Jelzin ausgeblutete Russland unter seinem Nachfolger seinen Willen bekundet, auf der internationalen Bühne wieder als Großmacht zu zählen.

Nicht zuletzt wurde China als großer Rivale und gegebenenfalls als großer Gegner identifiziert. Diese Entwicklung hat jedoch nicht erst mit Trumps Amtsantritt im Weißen Haus begonnen: Die “Hinwendung” zu Asien wurde bereits unter der Präsidentschaft von Barack Obama (2009–2017) eingeleitet. All diese Umwälzungen führten zu einer Neubewertung Europas in der gerade veröffentlichten US-Strategie.

Im Gegensatz zu den provokanten Äußerungen, mit denen Trump die EU oft bedenkt, wird im am 5. Dezember veröffentlichten Dokument der gemeinsame westliche Ursprung der Mächte auf beiden Seiten des Atlantiks betont. Der EU solle aber die Verantwortung für den wirtschaftlichen Niedergang des alten Kontinents zugeschrieben werden, der “Anteile am weltweiten Bruttoinlandsprodukt von 25 Prozent im Jahr 1990 auf heute 14 Prozent verloren hat”.

Schlimmer noch, so die Verfasser des Dokuments: “Die Aussicht auf einen zivilisatorischen Niedergang” drohe Europa. Und zwar aufgrund des Verschwindens der politischen Freiheit der Staaten durch Brüssel, der “Migrationspolitik, die den Kontinent verändert und Konflikte schafft”, der “Zensur der Meinungsfreiheit und der Unterdrückung der politischen Opposition” sowie des “Einbruchs der Geburtenraten, des Verlusts nationaler Identitäten und des Selbstvertrauens”. Die Rede von Vizepräsident James David Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025 kündigte diese Argumentation bereits an. Sie schockierte damals viele europäische Führer.

Die Vereinigten Staaten befürchten, dass diese Entwicklungen zu “einem Kontinent führen könnten, der innerhalb von 20 Jahren oder weniger nicht mehr wiedererkennbar sein wird”. Und im Dokument wird fortgesetzt: “Unter diesen Umständen ist es alles andere als sicher, dass bestimmte europäische Länder über eine ausreichend starke Wirtschaft und Armee verfügen werden, um zuverlässige Verbündete zu bleiben.”

Was schließlich die Beziehungen der EU zu Russland betrifft, so heißt es im Dokument: “Die Beziehungen zwischen Europa und Russland haben sich inzwischen erheblich verschlechtert, und viele europäische Führer betrachten Russland als existenzielle Bedrohung.”

Der Text geht mit einem kaum zu glaubenden Satz weiter: “Das Management der Beziehungen zwischen Europa und Russland wird [also] ein erhebliches diplomatisches Engagement der Vereinigten Staaten erfordern, sowohl, um die Voraussetzungen für strategische Stabilität auf dem eurasischen Kontinent wiederherzustellen, als auch, um das Risiko eines Konflikts zwischen Russland und den europäischen Ländern zu verringern.”

Als ob dies noch nicht ausreichen würde, um Brüssel in Aufruhr zu versetzen, bekräftigt die US-Strategie, dass die “patriotischen Kräfte” in Europa – also diejenigen, die im Allgemeinen als rechtsextrem eingestuft werden – gefördert werden sollten.

Und da ein Albtraum für Brüssel selten allein kommt, behaupten einige zuverlässige Quellen, dass ein Teil des Dokuments nicht veröffentlicht wurde. Darin sei das Ziel festgelegt, vier Mitgliedstaaten der EU abzuspalten, nämlich Italien, Ungarn, Österreich und Polen. Diesen Ländern ist gemeinsam, dass sie Regierungen haben, die den Thesen Trumps nahestehen, oder eine starke Opposition, die dessen Thesen unterstützt. Die Existenz eines solchen versteckten Teils wurde in Washington dementiert.

In diesem Zusammenhang lassen sich die langsamen und vorsichtigen Reaktionen der europäischen führenden Politiker auf den Gewaltakt der US-Kommandos in Venezuela erklären. Bis heute wurde übrigens keine gemeinsame Position der EU veröffentlicht – was theoretisch merkwürdig ist, aber niemandem aufgefallen ist.

Spanien war so ziemlich das einzige Land, das sich ausdrücklich distanzierte (es bezeichnete jedoch den venezolanischen Präsidenten als “Diktator”). Rom hingegen begrüßte die “defensive” Aktion Washingtons. Die Präsidentin der Europäischen Kommission wünschte sich einen “friedlichen und demokratischen Übergang” in Venezuela.

Der französische Präsident Emmanuel Macron schien sich in einer Botschaft vom 3. Januar über den Sturz der “Maduro-Diktatur” zu freuen. Zwei Tage später sah er sich jedoch gezwungen, anzudeuten, dass er die angewandte Methode nicht gutheiße – ohne jedoch die Vereinigten Staaten ausdrücklich zu erwähnen.

Man kann sich vorstellen, dass die Aufregung ganz anders ausgefallen wäre, wenn ein russisches Kommando Präsident Wladimir Selenskij entführt, ihn mit Handschellen gefesselt im Herzen Moskaus vorgeführt und der Kreml verkündet hätte, sich alle Reichtümer der Ukraine anzueignen … 

Die nächsten Wochen und Monate dürften das ganze Ausmaß der Folgen offenbaren, die sich aus dem Erdbeben ergeben, das durch die neue Haltung der USA und ihre spektakuläre erste Anwendung ausgelöst wurde. Dies gälte umso mehr, wenn Trump den Plan umsetzen würde, den er innerhalb von zwei Monaten schaffen will: die Annexion Grönlands, eines autonomen Gebiets, das heute unter dänischer Souveränität steht.

Mehr zum Thema – Trump will Grönland annektieren – zum Schutz vor “russisch-chinesischer Bedrohung”



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