
Von Pepe Escobar
Die Schlagzeile auf der Titelseite der China Daily vom vergangenen Donnerstag war wie ein Donnerschlag: “Roter-Teppich-Empfang für Trump in Peking”.
Nun ja, komplett mit aufgedreht hüpfenden Kindern, die Blumen schwenkten, und einem Besuch im Himmelstempel, der im Jahr 1420 erbaut wurde und die Verbindung zwischen Himmel und Menschheit symbolisiert.
Jugend trifft Tradition. Die Generation, die das vollständig modernisierte China führen wird, trifft auf die große Geschichte. Ein benommener und verwirrter POTUS konnte diese lebende Meisterklasse in Zivilisation kaum bewältigen.
Xi Dada (in chinesischen Liedern wird Xi Jinping als “Xi Dada” bezeichnet, was als Vater, Onkel oder großer Bruder übersetzt werden kann) war sprichwörtlich pointiert: “Wir sollten Partner sein, keine Rivalen.” Die “Exceptionals” waren fassungslos. All das nach der endlosen Litanei aus Handelskriegen, Technologiesanktionen, unaufhörlicher Taiwan-Hysterie, militärischer Einkreisung, geoökonomischer Konfrontation und antichinesischer Rhetorik.
Kommt runter. Bleibt cool.
Oh, die Wendungen und Wechselfälle der wichtigsten bilateralen Beziehung auf dem Planeten. Auch wenn beide Volkswirtschaften ziemlich verflochten sind, erreichte der bilaterale Warenhandel im Jahr 2025 4,01 Billionen Yuan (590 Millionen Dollar). Global gesehen ist das nicht gerade überwältigend: nur 8,8 Prozent von Chinas gesamten Außenhandel.
Beim Staatsbankett gelang es Xi mit seinem scharfen rhetorischen Dolch, MAGA und die Verjüngung der chinesischen Nation zusammenzubringen:
“Die Völker Chinas und der USA sind beide großartige Völker; die große Verjüngung der chinesischen Nation zu erreichen und Amerika wieder groß zu machen, kann Hand in Hand gehen.”
Die Barbaren waren verblüfft. Wieder.
Dann erklärte Xi kurz und bündig, wo wir stehen. Es bedurfte nur eines Satzes:
“Die Transformation, wie es sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben hat, schreitet weltweit immer schneller voran und die internationale Lage verändert sich ständig und ist turbulent.”
Vergleichen Sie dazu, als er zum ersten Mal öffentlich vor einem weltweiten Publikum von der “Transformation” sprach: unmittelbar nach dem Treffen mit Wladimir Putin im Kreml im Frühjahr 2023.
Und dann fragte Xi sofort: “Können China und die USA die Thukydides-Falle [der Begriff basiert auf einem Zitat des antiken athenischen Historikers und Strategen Thukydides, wonach der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta aufgrund der Furcht Spartas vor der wachsenden Macht Athens unvermeidlich gewesen sei. Der US-Politologe Graham T. Allison nahm den Begriff auf und beschreibt damit eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Krieg, wenn eine aufstrebende Macht eine bestehende Großmacht als regionalen oder internationalen Hegemon zu verdrängen droht] überwinden und ein neues Paradigma für die Beziehungen zwischen Großmächten schaffen?”
So sehr die Thukydides-Falle auch nur eine weitere schwache Idee der US-Thinktanks ist – die besten Thukydides-Analysten sind Griechen und Italiener, nicht die Beltway-Gang (gemeint ist das politische Establishment in Washington – Politiker, Lobbyisten und sogenannte Experten –, die die Elite “innerhalb des Beltway” (Interstate 495) bilden) –, so unterstrich Xi mit seiner Metapher tatsächlich, dass China nun der Anführer der neuen, sich abzeichnenden Ordnung ist.
Und dahin ist es gekommen, ohne einen Schuss abzufeuern.
Diese “konstruktive strategische Stabilität“
Xi stellte dann seine neue Vision für die Beziehungen zwischen den USA und China – zumindest für die nächsten drei Jahre – mittels eines recht erstaunlichen Slogans vor: “konstruktive strategische Stabilität” (Hervorhebung von mir).
Doch das wirft drei ernsthafte Probleme auf.
Das Imperium des Chaos ist nicht konstruktiv: Es ist destruktiv.
Es ist nicht strategisch: Es ist bestenfalls grob taktisch und die Taktiken ändern sich ständig.
Und es geht ihm nicht um Stabilität: Es geht ihm darum, Chaos zu schüren und zu verbreiten, begleitet von Lügen, Plünderung und, wie wir in Venezuela und insbesondere Iran sehen, Piraterie.
Daher kann Xi rational betrachtet vom Imperium unmöglich “Zusammenarbeit” als “Grundpfeiler” der Beziehung erwarten, schon gar nicht “gesunde Stabilität mit Wettbewerb innerhalb angemessener Grenzen”.
Wenn wir alle großmütig genug sind, könnten wir daraus schlussfolgern, dass Xi und Donald Trump sich auf einen dreijährigen Stabilitätsrahmen geeinigt haben, der als struktureller Neustart interpretiert werden sollte – mit Zusammenarbeit an erster Stelle, dann kontrolliertem Wettbewerb und vorhersehbarem Frieden als Endergebnis.
Nun, vergessen wir nie, dass wir es – nach der unvergesslichen Definition von Großmeister Lawrow – mit den USA zu tun haben, die “unfähig sind, Vereinbarungen zu treffen”.
Und natürlich ist da noch die “Taiwan-Frage”. Xi in seiner schärfsten Wortwahl: “‘Taiwans Unabhängigkeit’ und Cross-Strait Peace [zu Deutsch: Frieden über die Taiwanstraße hinweg, bezieht sich auf die Aufrechterhaltung des Status quo in der Meerenge Taiwanstraße. China fordert von den USA, “die Natur der Kräfte, die auf eine ‘Unabhängigkeit Taiwans’ hinarbeiten, zu erkennen – nämlich als Störer des Status quo in der Taiwanstraße, als Störer des Friedens über die Taiwanstraße hinweg und als Unruhestifter in regionalen Angelegenheiten”] sind so unvereinbar wie Feuer und Wasser.” Die Amerikaner müssen bei der “Behandlung der Taiwan-Frage” “besondere Vorsicht” walten lassen.
Xi bezeichnete dies als die “wichtigste Frage in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen”. Für Peking ist dies die ultimative rote Linie. Das Trump-Team versteht möglicherweise immer noch nicht, was auf dem Spiel steht. Taiwan ist die Variable, die das Potenzial hat, die gesamte, optimistische dreijährige “friedliche” Gleichung auf Null zu stellen.
Ganz nebenbei: Die Behauptung der US-Mainstream-Medien, Xi habe die Nichteinmischung der USA in Taiwan gegen eine “Unterstützung” der USA in Iran “eingehandelt”, ist absolut lächerlich. China und Iran haben eine sich ständig weiterentwickelnde strategische Partnerschaft.
Während all dies in Peking geschah, hatte ich das Vergnügen, in Schanghai ein langes geopolitisches Mittagessen mit dem beeindruckenden Li Bo zu genießen, dem Generaldirektor von Guancha, dem führenden unabhängigen Medienunternehmen in China mit mindestens 120 Millionen täglichen Lesern.
Neben anderen interessanten Informationen erklärte Li Bo, dass Taiwan für Peking kein Problem darstelle: Es ist eine interne Angelegenheit, die friedlich gelöst werden wird. Das wirkliche Problem ist die Wiederbewaffnung Japans, insbesondere jetzt unter der offen militaristischen Regierung von Sanae Takaichi.
Nun zu den wahren VIPs in der Trump-Xi-Show. Nach all dem “Reich des Bösen”-Wahn, der Hysterie um die Entkopplung, der Paranoia vor Risiken, dem Sanktions-Tsunami, dem Zoll-Tsunami und der Kriegsrhetorik haben wir nun eine oligarchische Clique mit einer kollektiven Marktkapitalisierung von über zehn Billionen Dollar, die nach Peking fliegt, um Xi Jinping buchstäblich persönlich um … Geschäfte zu bitten.
Trump war ekstatisch: “Ich wollte die Nummer eins aus jedem Imperium! Jen-Hsun Huang, Tim Cook, Elon Musk und die anderen Titanen … die Besten der Welt sind hier, direkt vor Ihnen.”
Dann das Entscheidende: “Sie sind heute hier, um Ihnen und China ihren Respekt zu erweisen. Sie kommen hungrig danach, Geschäfte zu machen, zu investieren und etwas zu schaffen. Von unserer Seite wird es zu 100 Prozent auf Gegenseitigkeit beruhen.”
Die “unverzichtbare” Nation, die dem realen geoökonomischen Imperium des 21. Jahrhunderts Tribut zollt. Die Geschichtsschreibung wird ihren Spaß daran haben.
Die Schlüssel zum neuen Himmelstempel
Tesla, Apple, Boeing, GE Aerospace – alle könnten dringend Chinas Seltene Erden brauchen: China kontrolliert fast 99 Prozent der weltweiten Verarbeitungskapazitäten für Mineralien aus Seltenen Erden. Doch strukturell und zunehmend braucht China diese amerikanischen Kolosse nicht.
Das gesamte Umsatzvolumen in China dieser zwölf führenden Unternehmen, die durch ihre CEOs auf dieser Reise vertreten sind, beträgt über 300 Milliarden Dollar pro Jahr.
Musk muss weiterhin Teslas bauen – die Gigafactory, sein wichtigster Exportknotenpunkt, liegt außerhalb von Schanghai – ohne einen Zollsatz von 100 Prozent. Jen-Hsun Huang braucht Chip-Exportlizenzen, damit Nvidia in diesen riesigen KI-Markt verkaufen kann (aber China braucht Nvidia nicht mehr). Tim Cook braucht Apples 70-Milliarden-Dollar-Lieferkette in China als ständige Zufuhr.
Das wirkliche Problem ist Larry Fink von BlackRock, der begierig darauf ist, dass sich die chinesischen Finanzmärkte “öffnen”, um zusätzliche Gewinne für die Wall Street zu erzielen (Li Bo sagte mir, dass die Chinesen ihnen bestenfalls erlauben werden, ein kleines Büro auf der Insel Hainan zu eröffnen …). Fink ist darüber hinaus der eigentliche neue Anführer der Davos-Clique und direkt verantwortlich für die Finanzierung von KI-Überwachungs-Rechenzentren überall in den USA.
In der Zusammenfassung des Weißen Hauses wurde begeistert über die “Erweiterung des Marktzugangs für US-Unternehmen in China und steigende chinesische Investitionen in US-Industrien” berichtet; über “steigende chinesische Einkäufe von US-Agrarprodukten”; und dass Xi “Interesse am Erwerb von mehr US-Öl” bekundet habe.
Allerdings findet sich seitens des chinesischen Handelsministeriums kein einziges Wort über irgendwelche “Handelsgespräche”.
Wir hatten also theoretisch diese Party von Billionen-Dollar-CEOs, die begierig darauf waren, China für amerikanische Wirtschaft und Handel zu “öffnen”. Die Geschäftswelt in Schanghai war davon definitiv nicht beeindruckt. Schließlich baut China aktiv seine eigene Unabhängigkeit auf – dies ist alles in den Zielen des neuen Fünfjahresplans festgeschrieben – während die USA durch diese Billionen-Dollar-CEOs im Grunde die Formalisierung ihrer eigenen Abhängigkeit demonstrierten.
Während in Peking all dieser Lärm und Aufregung herrschte, befanden sich die Außenminister Russlands, Chinas (nicht Wang Yi, er blieb in Peking an der Seite von Xi), Indiens und – was entscheidend ist – Irans und anderer Länder in Neu-Delhi zu einem sehr wichtigen BRICS-Gipfel, dessen Schwerpunkt auf dem lag, was Moskau als Reform des Systems der “globalen Governance” mit einer vorrangigen Rolle für den Globalen Süden bezeichnete.
Die BRICS-Staaten mögen sich in einem Koma befinden. Doch wenn es jemanden gibt, der sie wiederbeleben kann, dann Großmeister Lawrow und Russland, Seite an Seite mit China und der aufstrebenden globalen Macht Iran. Es ist das neue Primakow-Dreieck (im Jahr 1998 schlug der damalige russische Ministerpräsident Jewgeni Primakow während seines Besuchs in Neu-Delhi die Idee vor, ein “strategisches Dreieck” zwischen Russland, Indien und China als Alternative zu einer unipolaren Welt zu schaffen. Dies führte zur Entstehung eines trilateralen Formats aus diesen drei Staaten, auch RIC-Gruppe bezeichnet, und ist der direkte politische Vorläufer des heutigen BRICS-Bündnisses. Für Escobar setzt sich das “neue Primakow-Dreieck” aus Russland-Iran-China zusammen), das die wahren Schlüssel finden wird, um einen neuen Himmelstempel zu eröffnen.
Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín.
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