
Von Astrid Sigena
Den Regierenden in der BRD ist die Impfquote zu gering. Deshalb finanziert das Bundesministerium für Gesundheit eine Studie des Robert Koch-Instituts zum Impfverhalten der Deutschen. Im Rahmen eines regelmäßigen Impfakzeptanz-Monitorings will man nachvollziehen, warum manche Menschen ungeimpft bleiben und wie man sie zur Impfung bewegen könnte. Die RKI-Studie trägt im besten Denglisch die Bezeichnung “IMPRESS: IMpfverhalten verstehen, PReparednESS steigern” und läuft von Januar 2025 bis Dezember 2027, ist also eigentlich ein Projekt noch der alten, rot-grünen Bundesregierung. Diese Woche legte das RKI die ersten Ergebnisse vor.
An der IMPRESS-Online-Befragung im vergangenen Herbst nahmen 5450 Personen aus der deutschsprachigen Bevölkerung teil, die Auskunft zu ihrer Impfbereitschaft und zu ihrem Impfverhalten gaben. So möchte das RKI herausfinden, in welchen Bevölkerungsgruppen Impflücken bestehen, und nach den Faktoren suchen, die Menschen davon abhalten oder dazu bringen, sich impfen zu lassen. Besonderen Wert legt die Studie darauf, die Impfeinstellung von Eltern von Vorschulkindern zu untersuchen sowie von Personen, die sich laut einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gegen Grippe impfen lassen sollten (zum Beispiel Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen oder medizinisches Personal).
Als erstes Fazit lässt das RKI verlauten, dass eine Mehrheit der Befragten positiv gegenüber Impfungen eingestellt ist. Sie würden die Risiken von Infektionskrankheiten als hoch einschätzen und sähen für sich selbst nur geringe Hürden, sich impfen zu lassen. Bedeutsam sei, dass sich viele “aus Verantwortungsgefühl gegenüber anderen Menschen impfen lassen” würden. Nach Ansicht des RKI würden jedoch viele Studienteilnehmer das Auftreten von Nebenwirkungen bei Impfungen überschätzen. Auch seien sogenannte “Impfmythen” weitverbreitet.
Allerdings gibt es gegenüber den Ergebnissen der Studie auch Skepsis. So gab Felix Rebitschek, Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, gegenüber der Süddeutschen Zeitung zu bedenken, dass die von der IMPRESS-Studie erhobenen Daten nur begrenzte Aussagekraft hätten, da Voraussetzung für die Teilnahme ein Internetzugang sowie Deutschkenntnisse seien. Auch sei es in der Forschung bekannt, dass sich vorzugsweise besonders an dem jeweiligen Thema Interessierte an solchen Umfragen beteiligen würden. Im Fall der IMPRESS-Studie wären das also starke Impfbefürworter und Impfgegner.
Das muss auch STIKO-Mitglied Constanze Rossmann zugeben: Impfbereite Menschen wären eher geneigt gewesen, bei der Studie mitzumachen. Darauf deutet auch eine Diskrepanz zwischen der Bereitschaft der Studienteilnehmer zur Grippe-Impfung und der tatsächlichen Impfquote hin. Eine Mehrzahl der Befragten gab demnach an, für die Grippe-Saison 2025/2026 bereits geimpft zu sein oder sich noch impfen lassen zu wollen (Seite 20). In der vorausgegangenen Saison hatten sich rund 60 Prozent gegen Grippe impfen lassen.
Dem widerspricht eine tatsächliche Impfquote in der Influenza-Saison 2024/2025 von lediglich 34,5 Prozent bei den Über-60-Jährigen. Auch wenn man dazu noch die Impfungen bei bestimmten Risikogruppen, “schwangeren Personen ab dem 2. Trimester” und beim medizinischen Personal hinzufügen muss: Eine Impfquote von 60 oder 70 Prozent, wie man sie aus der Studie folgern könnte, wird in der Realität nicht erreicht.
Im Allgemeinen vertrauen die Studienteilnehmer den Impfempfehlungen der Behörden: Fast 62 Prozent sind der Ansicht, “dass die zuständigen Behörden nur wirksame und sichere Impfstoffe zulassen” würden. Allerdings waren zugleich nur rund 37 Prozent der Meinung, “politische Entscheidungen zu Impfungen” seien “wissenschaftlich fundiert” (Seite 8). Man könnte durchaus spekulieren, ob es sich um eine Spätfolge des Vertrauensverlusts in die Politik während der Corona-Krise handelt.
Die Befragten sind sich des Risikos durch Infektionskrankheiten mehrheitlich bewusst – die Zahl derjenigen, die meint, generell keine Impfungen zu benötigen, bleibt bei unter 10 Prozent (Seite 9). Ebenfalls nur eine kleine Minderheit ist der Ansicht, Impfungen enthielten giftige Inhaltsstoffe oder verursachten Erkrankungen, die schlimmer seien als die Krankheiten, gegen die sie eigentlich schützen sollten (Seite 14). Gering ist allerdings das Vertrauen in die Gesundheitsbehörden, was die Beeinflussung durch die Pharma-Lobby betrifft: Über 50 Prozent der Befragten stimmten der Aussage ganz oder teilweise zu, dass sich die Gesundheitsbehörden “blind der Macht und dem Einfluss der Pharmakonzerne” beugen würden.
Besonders skeptisch zeigen sich die Befragten bezüglich der Corona-Impfung (Seite 22). Für die Saison 2025/2026 war nur rund ein Drittel der Befragten mit Impfempfehlung dazu bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen (oder hatte sich im Befragungszeitraum schon impfen lassen). Auffallend (und womöglich ebenfalls aus den Erfahrungen der Corona-Zeit herrührend): Ein Großteil der Studienteilnehmer lehnt Repressalien gegen Impfverweigerer (gleich welcher Impfung) ab. So ist zwar über die Hälfte der Ansicht, die Gesundheitsbehörden sollten alle nötigen Mittel einsetzen, um hohe Impfraten zu erreichen (Seite 13). Aber ebenfalls rund 52 Prozent lehnen den Ausschluss Ungeimpfter von öffentlichen Veranstaltungen ab. Bei der Ablehnung der Bestrafung von Impfverweigerern sind sich sogar 65 Prozent der Teilnehmer einig.
Besonders sensibel sind die Befragten, wenn es um Impfungen für Kinder geht. Hier tauchen die meisten Zweifel an der offiziellen Darstellung der Gesundheitsbehörden auf. Eine beträchtliche Anzahl ist der Meinung, dass die Impfungen bei Kindern zu früh und zu zahlreich stattfänden (Seite 27). Und jeweils fünf von zehn Befragten sind sich unsicher, ob Impfungen bei Kindern nicht doch Autismus oder Allergien auslösen könnten. Zweifel, die die RKI-Studie in ihren darauffolgenden Erklärungen auszuräumen versucht. Sie empfiehlt zur Bekämpfung sogenannter “Impfmythen” das gezielte “Debunking”, also “Entlarven”, zum Beispiel mithilfe von “Faktensandwiches“ (Seite 32).
Nachdem das Hickhack um die Veröffentlichung der “RKI-Files” aus den Schlagzeilen geraten ist, fühlt sich das RKI offenbar wieder obenauf. Immerhin wussten die Experten des RKI schon frühzeitig, dass es die vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und anderen Politikern postulierte “Pandemie der Ungeimpften” nicht gab. Zunächst gab es allerdings nur intern Widerspruch vonseiten des RKI. Ende Februar 2022 erklärte das RKI schließlich, dass auch Geimpfte und “Geboosterte” sich weiterhin an die “AHA-Regeln” halten müssten – ein indirektes Eingeständnis, dass die Corona-Impfung nicht vollständig vor der Übertragung des Virus schützt und in ihrer Wirkung nach einigen Monaten nachlässt.
Ein klein wenig Demut wäre da angesichts der Erfahrungen aus der Corona-Zeit vonseiten des RKI schon angebracht. Stattdessen attestiert die jetzt veröffentlichte RKI-Studie der Bevölkerung eine geringe Gesundheitskompetenz bezüglich Impfungen. Die Handlungsaufforderung, “Impfmythen” zu “debunken” – ein an orwellsche Dystopien anmahnender Begriff, der sonst vor allem im Zusammenhang mit den berühmt-berüchtigten “Faktencheckern” auftritt –, und bei Impfkampagnen an das Gemeinwohl zu appellieren, erinnert fatal an die Zeit zwischen 2020 und 2022.
Unvergessen das geleakte Strategiepapier des Innenministeriums von 2020, das mit dem perfiden Satz “Wenn sie dann ihre Eltern anstecken und einer davon qualvoll zu Hause stirbt, und sie dann das Gefühl haben, schuld daran zu sein, weil sie vielleicht vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann”. Kinder und Jugendliche unter Druck setzen und damit zur Befolgung der “AHA-Regeln” bewegen wollte.
Es hat den Anschein, als wollten die Mächtigen auch weiterhin – statt dem mündigen Bürger die Entscheidung zu überlassen, das Impfangebot anzunehmen oder gegebenenfalls auch abzulehnen – auf manipulative Taktiken und Belehrungen von oben herab setzen. Das Vertrauen in die Impfungen – gerade in Bezug auf Corona oder bei einer künftigen Epidemie durch einen noch unentdeckten Krankheitserreger – wird durch dieses Vorgehen nicht gesteigert.
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