
Von Astrid Sigena
Ausgerechnet die Bündnisgrünen, die Partei, die sich offensiv Feminismus und Gleichstellung der Geschlechter auf die Fahnen geschrieben hat, zeigen eine Neigung, die Mütter politischer Konkurrenten grob zu beleidigen. Zumindest, was den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder angeht. Immer wieder wird Söders bereits vor langer Zeit verstorbene Mutter Ziel von Attacken der Grünen Jugend.
Den Anfang machte im Herbst 2025 die damalige Bundesvorsitzende der Grünen Jugend, Jette Nietzard. In einem TikTok-Video warf sie dem “Hundesohn” Söder vor, “nur das gute Leben für sich und nicht das gute Leben für alle” zu wollen. Nach einem Entrüstungssturm nahm Nietzard das Video wieder aus dem Netz. Weitere Konsequenzen hatte die Beleidigung für sie nicht, auch nicht politisch: Nietzard befand sich ohnehin am Ende ihrer Amtszeit als Bundessprecherin.
Nur wenige Monate später schlug Luis Bobga, Nietzards Nachfolger bei der Grünen Jugend, in dieselbe Kerbe. Auf der Plattform Instagram postete der Grünenpolitiker einen Clip, in dem er zur Attacke auf Söder schritt. Bobga imitierte dabei den Rapper Haftbefehl und blendete beim Wort “Hurensohn” ein Bild des bayerischen Ministerpräsidenten ein. Die CSU forderte eine Entschuldigung, der Bobga mittlerweile halbherzig nachkam. Einer entsprechenden Rücktrittsforderung vonseiten der Christsozialen leistete er jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht Folge. Auch die Grüne Jugend Bayern schweigt sich aus. Immerhin kam ein (milde ausfallender) Rüffel des Co-Vorsitzenden der Bündnisgrünen, Felix Banaszak.
Eine schlimme Entgleisung gegen Söder leistete sich vor einer Woche bei ihrem Wahlkampfauftakt die baden-württembergische AfD. Emil Sänze, der Co-Vorsitzende, schrieb Söder eine geistige und körperliche Behinderung zu: “Ich meine, Söder ist ja nicht nur körperlich behindert, auch manchmal geistig, meine Damen und Herren. Aber wir lassen ihn leben – er ist ja immer mal wieder witzig.” (Minute 29). Dabei stellte Sänze Söders Lebensrecht infrage – um es ihm dann gnädigerweise wieder zuzugestehen. Witzig ist anders. Zur Ehrenrettung der Anwesenden muss gesagt sein, dass es auch Buh-Rufe gab.
Auffallend ist der relativ nichtige Anlass, aufgrund dessen speziell Luis Bobga ausfallend wurde: Söder hatte eine Zusammenlegung von Bundesländern ins Spiel gebracht. Um eine Frage von Leben und Tod, wie bei der Infragestellung der Vergabe lebensverlängernder Medikamente an Hochbetagte durch den CDU-Politiker Hendrik Streeck, handelt es sich ganz offensichtlich nicht. Auch nicht um eine Frage von Krieg und Frieden. Bobgas emotionale Reaktion überrascht. Liegt es an einer geringen Reiztoleranz der Grünen Jugend? Sicher ist: Auch Söder trägt zu einer Polarisierung der politischen Diskussionskultur bei.
Eine Ursache ist sicherlich in Söders populistischem Politikstil und seiner medialen Präsenz zu suchen. Im Gegensatz zu manch anderem Landespolitiker dürfte ihn fast jeder Bundesbürger kennen. Zum Beispiel im Vergleich zum niedersächsischen Ministerpräsidenten und dem von Rheinland-Pfalz (die beiden SPD-Politiker heißen übrigens Olaf Lies und Alexander Schweitzer). Was nicht heißt, dass Söder außerhalb Bayerns sonderlich beliebt ist.
Und Söder liebt es, auch das Banale bis hin zur Behandlung eines Magen-Darm-Infekts in Indien mit seiner Fangemeinde zu teilen. Geradezu berühmt sind Söders Instagram-Posts unter dem Hashtag #söderisst. Eine Gewohnheit, die den Grünen Robert Habeck wiederum zur Diagnose “fetischhaftes Wurstgefresse” reizte. Kein Grund für Foodblogger Söder, die geneigte Öffentlichkeit nicht weiterhin über seine Speisegewohnheiten zu informieren.
Dazu kommt: Söder ist nicht der Ministerpräsident irgendeines Bundeslands, sondern von Bayern. Das Bundesland mit einer stabilen Identität, einem ausgeprägten Selbstbewusstsein und dem Hang zu Eigenständigkeit und Eigenwillen. Nicht umsonst heißt es “Freistaat Bayern”, sobald man bayerischen Boden betritt. Bayern hat einen hohen Wiedererkennungswert. Und ebenfalls nicht umsonst ist Bayern – neben dem hanseatisch-zurückhaltenden Hamburg – das einzige Bundesland, das auf einen Länder-Slogan zur Selbstvermarktung verzichten kann. Allerdings kann dieses “Mia san mia”-Lebensgefühl neben hohen Sympathiewerten auch starke Aversionen auslösen. Diese Gefühle übertragen sich auch auf den obersten aller Bayern – auch wenn er ein Franke ist. Zumal die dialektale Färbung deutlich erkennbar ist, sobald Söder den Mund aufmacht.
Drittens teilt Söder selbst oft und gerne aus. Hier einige Kostproben. Im Jahr 2024 polterte er am politischen Aschermittwoch gegen die Grünen: “Die Grünen machen so viel Mist, die müssten eigentlich selbst unter die Düngeverordnung fallen.” Beim selben Anlass bezeichnete er die damalige Bundesumweltministerin Steffi Lemke als “eine grüne Margot Honecker”. Auch die AfD hatte Grund zur Beanstandung: In einem Podcast des Journalisten Ulrich Wickert sprach der Nürnberger von der Notwendigkeit, die AfD bis aufs Messer zu bekämpfen: “Strauß hätte sie bis aufs Messer bekämpft. Und das tun wir auch.” Kein Wunder also, dass so mancher politische Konkurrent nach dem Motto “auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil” verfährt.
Nicht einmal seine Parteikollegen sind vor Söders Grobheiten gefeit: Auf dem CSU-Parteitag im Dezember traf es Bundesforschungsministerin Dorothee Bär. Während seiner Parteitagsrede sprach Söder seine CSU-Parteikollegin Bär direkt an: Man erwarte zwar in der CSU nicht viel von ihr, “aber viel Geld nach Bayern, liebe Doro, hä hä, das wäre schön!” Eine Demütigung, für die sich Söder schließlich entschuldigen musste. Bär hat ihm – zumindest offiziell – mittlerweile verziehen.
Immerhin: Söder ist für gewöhnlich nicht wehleidig. Im Gegensatz zu Bundeskanzler Friedrich Merz, der zum Anzeigen der gegen ihn Schmähreden führenden Bürger eine Abmahnagentur beschäftigt, und dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, dem Anzeigenkönig im rot-grünen Kabinett (unvergessen: die “Schwachkopf”-Affäre!), zeigt Söder seine Beleidiger vergleichsweise selten an.
Ausnahme: Beleidigungen mit NS-Bezug. Da wird auch der sonst eher gutmütige Söder aktiv – mit wechselndem Erfolg. Der Verbreiter eines Facebook-Posts, der Söder zusammen mit anderen BRD-Politikern auf der Anklagebank der Nürnberger Prozesse zeigte, wurde im Jahr 2025 in zweiter Instanz freigesprochen. Das Landgericht Celle sah diesen drastischen Protest gegen die bundesdeutsche Corona-Politik durch die freie Meinungsäußerung gedeckt. Einem fränkischen Graffiti-Sprayer wiederum, der Söder in einer Art SS-Uniform dargestellt hatte, brachte sein Kunstwerk im Jahr 2023 nach einer Anzeige der bayerischen Staatskanzlei zunächst eine Geldstrafe von 2.700 Euro ein. Bestand hatte das Urteil des Amtsgerichts Nürnberg nicht: Das Bayerische Oberste Landesgericht sah in dem Graffito eine zulässige Machtkritik innerhalb der Grenzen der Kunstfreiheit.
Dagegen verurteilte das Landgericht Deggendorf den österreichischen Publizisten Gerald Grosz zu einer Geldstrafe von 15.000 Euro, weil er beim Politischen Aschermittwoch der AfD den bayerischen Ministerpräsidenten als “Södolf” bezeichnet hatte. Grosz, der seine Wortwahl als Satire ansieht, kündigte an, in Berufung zu gehen. Gegenüber dem Österreicher Grosz zeigt sich Söder allerdings nachtragend: Die Bezeichnung als “Trottel” im österreichischen Fernsehen hatte einen eigenen Strafantrag zur Folge.
Mit ernsthaften Konsequenzen hat Luis Bobga also voraussichtlich nicht zu rechnen. Von einer Anzeigeerstattung vonseiten des bayerischen Ministerpräsidenten ist nichts bekannt. Für das gleiche Schimpfwort erhielt ein bereits einschlägig bestrafter Augsburger zu Corona-Zeiten allerdings eine Geldstrafe von 16.500 Euro. Neben “Hurensohn” war auch die Beschimpfung “Vollidiot” in an Söder und den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann gerichteten E-Mails gefallen. Anzeigenerstatter war damals Innenminister Herrmann. Es hat also den Anschein, als ob die Grünen weiterhin unbehelligt pöbeln dürfen, während sich der gewöhnliche Bürger in seiner Wortwahl äußerst in Acht nehmen muss. Aber das ist nur allzu verständlich: Eine Krähe hackt der anderen schließlich kein Auge aus.
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