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Merz: Die Nationalmannschaft ist nicht insolvent

rtnews by rtnews
30/06/2026
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Einen kleinen Abschiedsgruß gab es von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Ausscheiden der deutschen Fußballer, und viele mögen sich dabei gewünscht haben, es wäre andersherum gewesen und die Fußballer hätten das Ausscheiden von Merz kommentiert …

Von Dagmar Henn

Oder ist das doch eher eine Variation von Angela Merkels “Wir schaffen das”? Oder einfach nur die angemessene Strafe des Schicksals für ein Land, dessen ausgeprägteste Fähigkeit mittlerweile die Wirklichkeitsverleugnung zu sein scheint?

Vor etwa zwei Wochen gab es einen Jahrestag, an dem sich diese verdrängte Realität eigentlich deutlich zeigte – die Ahrtalflut jährte sich zum fünften Mal. Während private Hilfe lautstark als “rechtsradikal” denunziert wurde, waren der Bundespolitik Impfbusse damals wichtiger als Hilfe für die Betroffenen; die Landesregierung Rheinland-Pfalz, die eine vorliegende Warnung ignoriert hatte, wurde bestenfalls ansatzweise für ein Versagen zur Rechenschaft gezogen, das damals 136 Menschen das Leben kostete. 13 davon in einem Behindertenheim, das in der Hochwassergefahrenzone errichtet worden war, aber trotz vorbereiteter Notschlafplätze nicht evakuiert wurde. Bei einer weniger schmerzunempfindlichen Bevölkerung hätte das die Mistgabeln mobilisiert.

Danach wurden, so ein neuerer Lokalbericht aus Mainz, 30 Milliarden Hilfsfonds zur Verfügung gestellt, davon 17 Milliarden für Rheinland-Pfalz. “Knapp fünf Jahre danach waren bis Ende April 2026 gerade einmal rund 3,6 Milliarden Euro bewilligt, fast 450 Anträge von Privatpersonen sind bei der landeseigenen ISB-Bank noch immer nicht abgearbeitet.”

Ja, da geschieht es Deutschland recht, früh nach Hause zu fahren. Was soll denn da der Welt gezeigt werden? Stuttgart 31? Die erfolgreiche Deindustrialisierung? Wie sollte ein Land eine Nationalmannschaft haben, das nicht einmal mehr eine Fahne haben darf (was vermutlich ganz irgendwie sein muss, damit man wegen Nord Stream nicht auf dumme Gedanken kommt und die Freund-Feind-Teilung der NATO nicht in Frage stellt)?

Sport ist in manchen Bereichen ebenso unerbittlich materialistisch wie Krieg; eine Mannschaft ist eine oder eben nicht, und das, was im Spiel passiert, gerade bei den Weltmeisterschaften, reflektiert oft den Gesamtzustand des Landes. Als der brasilianische Fußball 1958 erstmals an die Weltspitze vorstieß, nahm das Land einen großen Aufschwung, und die neue Hauptstadt Brasilia wurde gebaut; ein Schwung, der bereits 1964 durch den Militärputsch gebremst wurde, den aber Spieler wie Socrates und Pelé weiter verkörperten.

Der bundesdeutsche Sieg bei der WM 1974 war mit der demokratischen Öffnung der Jahre zuvor verbunden, verkörpert am deutlichsten durch einen Spieler wie Paul Breitner. 1990 war die “Wiedervereinigung” zumindest im Westen noch nicht durchschaut, da glaubten noch viele, das bedeute eine Besserung, einen Schritt hin zu dauerhaftem Frieden. Insofern wäre eigentlich ein Scheitern des heutigen Deutschlands in der Qualifikation treffender gewesen; aber eine derart lange Tradition verschwindet nun einmal nicht vom einen Tag auf den anderen.

Jedenfalls, derartige Umstände lassen sich nicht durch dummes Geschwätz ersetzen. 90 Minuten Spiel lassen sich nicht simulieren, nicht einmal, wenn sich Boris Pistorius zum Anfeuern an den Spielfeldrand stellte oder eine Meute deutscher Generäle in Hemden der Mannschaft irgendein Lied über “fight tonight” anstimmte.

“Deutschland ist nicht mehr Deutschland”, lautet das Fazit des Tagesspiegels, und dieser Satz trifft nicht nur im Fußball, nicht nur im Sport zu, sondern mehr oder weniger in jeder Hinsicht. Bei VW kursiert das Gerücht, ganze 100.000 Stellen sollen gestrichen werden. Als vor bald zwei Jahren erstmals von 30.000 Stellen weniger bei VW die Rede war, wurde das wenigstens noch ansatzweise als der Einschnitt wahrgenommen, der es war. Die aktuelle Meldung rauscht so nebenbei durch und wird durch ganz viel Geschrei über Hitzerekorde übertönt, nicht zu vergessen die unverzichtbare Verteufelung von Klimaanlagen, von wegen Klimawandel und so …

Wie soll eine Fußballmannschaft eine Mannschaft werden, wenn die Gesellschaft keine Gesellschaft mehr ist? Wie sonst auch fast immer, hat sich die deutsche Politik seit Beginn der neoliberalen Wende vor vierzig Jahren nach Kräften bemüht, das Konzept besser umzusetzen als jeder andere. Die starke Rolle, die einst die verschiedensten Kollektive in Deutschland gespielt haben, und die mit “drei Deutsche sind ein Verein” geradezu sprichwörtlich wurde, ist inzwischen kaum mehr zu ahnen. Das trifft natürlich auch den Sport. Die Vereinskultur, der im Grunde dann Corona den letzten Stoß versetzte. Von anderen Arten des Leistungssports braucht man gar nicht mehr zu reden – kaum war die deutsch-deutsche Konkurrenz beendet, machte man ihn zum Spielfeld jener, die ihn sich leisten können. Annalena Baerbock & Co. eben. Die Ergebnisse kann man, trotz der tief verankerten pharmakologischen Tradition, bei jedem Weltereignis an den Tabellen ablesen.

Was also ist übrig von Deutschland, außer Geschwätz? “Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieer WM habt ihr unser Land begeistert” … Selbst Sport-Staatsministerin (ja, die gibt es) Christiane Schenderlein wurde nur beim Spiel gegen die Elfenbeinküste verlässlich gesichtet.

Schließlich gibt es auch in diesem Zusammenhang zwei Themen, die alles andere überragen, so wie sie das auch in Bezug auf die Ausgaben des Bundeshaushalts tun: Ukraine und Aufrüstung. Beim Geldverschieben mit dem Ziel der Ausrottung der männlichen ukrainischen Bevölkerung hat Deutschland die WM schließlich schon gewonnen, seit die USA ausgeschieden sind. Da wird es auch genug Individuen geben, die dabei ihre Schäfchen ins Trockene bringen, da braucht es keine Gesellschaft, und der durchindividualisierte Rest, der das deutsche Staatsgebiet bevölkert, kann problemlos zur Ader gelassen werden.

Währenddessen, zwischen kollabierenden Brücken und Industriebetrieben vor der Schließung, wird die letzte verbliebene Fähigkeit der politischen Klasse auf volle Lautstärke gedreht. Ein einziger Refrain, von “Wir schaffen das” über “Das beste Deutschland” und “Unsere Demokratie” über “Sind nicht insolvent, produzieren nur nicht” eben bis hin zum “Einsatz und Teamgeist”, ein einziges Schmierentheater, eine Kulisse, die wie die ultimative Steigerung des berühmten (historisch nicht belegten) Potemkinschen Dorfes scheint. Wobei nicht einmal mehr die Simulation von Gefühl noch funktioniert – wer sollte Merz eine Emotion abnehmen?

Der Tweet kam sowieso aus der Propagandaabteilung. Und die ist so intelligent und wirklichkeitsnah, wie es die übrige deutsche Medienlandschaft ansonsten auch ist, in der die Ukraine siegt und die deutsche Wirtschaft selbstverständlich nur wegen Wladimir Putin dahindümpelt; in der es keine Probleme gibt, die das Land zerreißen, vom Wohnungsmangel über die steigende Armut bis zu Migration und dem unverarbeiteten Trauma der völlig verrückten Corona-Politik … Verhältnisse, die sich immer noch im Ahrtal fangen wie Lichtstrahlen in einer Linse, nur dass es sich in diesem Fall eher um Dunkelheitsstrahlen handelte.

Der Fußball, der sich einst von Großbritannien aus auf der Welt verbreitete, war ein Arbeitersport, und die meisten der klassischen Vereine in Deutschland haben als Arbeitervereine begonnen (ja, ihr Nordlichter, auch und gerade der FC Bayern). Selbst wenn die Arbeiterbewegung dieser Entwicklung eher kritisch gegenüberstand – weil sie die Arbeiter verschiedener Städte zu Gegnern machte –, ist der Fußball wie jeder Mannschaftssport, aber wie auch Musikorchester ein gesellschaftliches Echo einer gemeinsamen Schöpfung. Nun, dieses neoliberal verödete Land entbehrt das schlagende Herz, das es selbst für den Fußball braucht.

Die Social-Media-Betreuer im Bundeskanzleramt werden aber ihre Arbeit unerbittlich weiter fortsetzen, und selbst, wenn es den Wahnsinnigen der “Kriegstüchtigkeit” gelingen sollte, das ganze Land in eine rauchende Ruine zu verwandeln, werden sie noch einen letzten Tweet absetzen. “Mit eurem Einsatz und Teamgeist habt ihr unser Land begeistert.”

Mehr zum Thema – Yanis Varoufakis: “Europa steht vor einem Jahrhundert der Demütigung”



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Tags: dieinsolventistMerzNationalmannschaftnicht
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