
Die britische Regierung arbeitet an Notfallplänen für mögliche Störungen in der Lebensmittelversorgung im Sommer, sollte sich der Krieg im Iran ausweiten und die Straße von Hormus länger blockiert bleiben.
Im Zentrum der Szenarien steht ein potenzieller Mangel an industriell genutztem Kohlendioxid (CO₂), der Auswirkungen auf Teile der Nahrungsmittelproduktion und den Einzelhandel haben könnte.
Nach Angaben mehrerer britischer Medien, darunter The Times, wurden im Rahmen der Krisenübung Exercise Turnstone verschiedene Störungsszenarien durchgespielt. Beteiligt waren unter anderem das Büro des Premierministers, das Finanzministerium und das Verteidigungsministerium. Die Übung wurde vom nationalen Krisenstab Cobra koordiniert und basiert auf einem sogenannten realistischen “Worst-Case-Szenario”.
Dieses geht davon aus, dass die Straße von Hormus, eine zentrale Route für den globalen Energie- und Warenverkehr, über einen längeren Zeitraum geschlossen bleibt. Gleichzeitig werden ein ausbleibender diplomatischer Durchbruch zwischen den USA und Iran sowie der Ausfall einer wichtigen britischen CO₂-Produktionsanlage unterstellt. In dieser Konstellation könnten die verfügbaren CO₂-Mengen deutlich sinken.
CO₂ wird in Großbritannien in mehreren industriellen Prozessen eingesetzt. In der Lebensmittelindustrie dient es unter anderem zur Betäubung von Schlachttieren, zur Verpackung und Haltbarmachung von Frischprodukten sowie zur Verlängerung der Haltbarkeit von Fleisch, Salaten und Backwaren. Zudem wird es für die Produktion von kohlensäurehaltigen Getränken verwendet und spielt eine Rolle in Kühl- und Industrieprozessen.
Wirtschaftsminister Peter Kyle bezeichnete die Planungen als vorsorgliche Maßnahme und betonte, es bestehe derzeit kein Anlass zur Sorge hinsichtlich der Versorgungslage. Die Veröffentlichung der Szenarien sei jedoch “nicht hilfreich”, wobei es sich gleichzeitig um reguläre staatliche Risikovorsorge handele.
Auch der Lebensmitteleinzelhändler Tesco sieht aktuell keine konkreten Anzeichen für Lieferengpässe. Nach Angaben des Unternehmens sind die CO₂-Lieferketten derzeit stabil, entsprechende Probleme seien von Zulieferern nicht gemeldet worden.
Parallel dazu hat die Regierung bereits einzelne Maßnahmen zur Stärkung der Versorgungssicherheit eingeleitet. Dazu zählt die vorübergehende Wiederinbetriebnahme eines stillgelegten Bioethanol-Werks in Teesside, das als Nebenprodukt CO₂ erzeugen kann.
Trotz der aktuellen Entspannungslage verdeutlichen die Szenarien die Verwundbarkeit internationaler Lieferketten. Der mögliche Engpass bei einem industriellen Basisstoff wie CO₂ zeigt, wie schnell geopolitische Konflikte Auswirkungen auf Alltagsprodukte in Europa entfalten können.
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