
Von Dagmar Henn
Wer hat nicht schon einmal zwei extrem unterschiedlich große Hunde beobachtet und sich darüber gewundert, dass sie irgendwie keinerlei Wahrnehmung für die eigene Größe besitzen? Bei Menschen ist das eigentlich eher ungewöhnlich. Außer vermutlich, sie sind Esten.
Ich habe ja gehört, dass sie im sowjetischen Witz so etwas waren wie in Deutschland einst die Ostfriesen. Und einzelne Exemplare, wie beispielsweise EU-Außenvertreterin Kaja Kallas, mühen sich auch nach Kräften, dass diese Tradition nicht in Vergessenheit gerät. Aber man kann es selbst damit übertreiben, wie gerade der estnische Außenminister belegte.
Die letzte richtige Volkszählung des Ländchens fand 2011 statt; 2021 wurden Registerdaten und Stichproben genutzt, das ist eher das, was wir als Mikrozensus kennen. 2011 hatte Estland 1.294.455 Einwohner, 2021 angeblich 37.369 mehr. Verteilt ungefähr auf die Fläche von Niedersachsen leben dort ganze 31 Einwohner pro Quadratkilometer, das sind nur ungefähr halb so viele wie in Mecklenburg-Vorpommern, das von ganz Deutschland die niedrigste Bevölkerungsdichte hat. Mehr als ein Drittel der Einwohner leben allein in der Hauptstadt Tallinn; selbst die nächstgrößte Stadt hat weniger als 100.000 Einwohner. Mit Großstadtleben sieht es also schlecht aus.
Aber es ist eben wie bei kleinen Hunden. Der estnische Außenminister Margus Tsahkna hat jedenfalls erklärt, Estland sei bereit, zu diskutieren, wie es zur US-Mission in der Straße von Hormus beitragen könne. Wobei selbst in Estland nicht so ganz klar ist, worauf die USA eigentlich mit ihrem Krieg hinauswollen: “Gegenwärtig können wir sagen, dass die europäische Seite die strategischen Ziele der Vereinigten Staaten nicht kennt. Um ehrlich zu sein, war uns das nicht einmal klar, als dieser Krieg anfing, also gibt es in dieser Hinsicht viele Fragen.”
Egal, anmelden zum Mitmachen kann man sich ja schon mal. Immerhin sei Estland auch im Irak und in Afghanistan ein verlässlicher Partner gewesen. Aber man müsse auf jeden Fall erst die Küstenlinie entlang der Straße von Hormus unter Kontrolle bringen.
Also doch nicht ganz so eifrig? Auch noch Bedingungen für die angeblich vorhandenen Minenräumboote? Wer weiß. Irgendwie kann man sich selbst so etwas gar nicht richtig vorstellen, eher ein Ruderboot mit fünf Matrosen oder einen Sprottenfischer. Der dann tatsächlich heil aus dem Persischen Golf zurückkehrt, weil die Iraner beschließen, dass der Kahn keine Drohne wert ist. Oder so.
“Estland als NATO-Mitglied ist am Tisch, und die Kommunikation ist aktiv.”
Dumm nur, dass es so viele einfache Dinge gibt, an denen dieser so überwältigende estnische Wille scheitern kann. Ganz abgesehen von solchen Lappalien wie der Küste, die erst “unter Kontrolle” sein müsse, oder einer genauen Festlegung der Kriegsziele der Vereinigten Staaten – weiß Pete Hegseth überhaupt, wo Estland liegt?
Kürzlich wurde ja in einer spontanen Befragung im EU-Parlament festgestellt, dass die meisten EU-Abgeordneten Iran nicht auf einer Karte finden können. Die Frage, ob das den Esten gelänge, verbietet schon fast die Höflichkeit. Und auch bei Hegseth wäre das nicht wirklich sicher.
Jedenfalls kann man sich bildlich vorstellen, wie der oberste US-Kreuzritter einen hübschen Umschlag überreicht bekommt, mit einem unbekannten bunten Wappen, und dann, nach dem Öffnen des Umschlags, das freundliche Angebot liest, dass Estland gerne bereit wäre, den USA zu helfen.
Und Hegseth dann erst verwirrt schaut und dann in die Runde fragt. “Hey Jungs, weiß irgendwer von euch, was Estland ist? Oder ist das wieder ein dummer Scherz von euch?” Woraufhin die sich halb unsicher, halb betreten anblicken und am Ende derjenige, der gerade dran wäre, Kaffee (oder, nun ja, was Hegseth so trinkt) zu holen, sicherheitshalber schuldbewusst mit den Schultern zuckt. Hegseth daraufhin Brief und Umschlag mit “okay, wirklich lustig” im Papierkorb entsorgt. Und eine Handvoll estnischer Matrosen auf ihrem Minenräumboot oder auf ihrem Sprottenfischer sitzt und vergeblich auf den Ruf in den Persischen Golf wartet.
Natürlich könnte der estnische Außenminister, statt derartige Ankündigungen in die Welt zu senden, auch einfach ins Fitnesscenter gehen und ein paar Hanteln stemmen, wie das andere Jungs so tun, wenn sie sich mal stark fühlen müssen. Aber vielleicht hat er das Aufnahmeformular falsch ausgefüllt und darf deshalb nicht rein. Darum sitzt er an seinem kleinen Schreibtisch in seinem kleinen Land und träumt vor sich hin, ob “wir imstande sind, die Offenheit der internationalen Seewege zu sichern oder nicht, und ob wir genügend Stärke und politischen Willen dafür haben”. Vor seinem inneren Auge beherrscht die estnische Marine die Weltmeere bis an die Küste Australiens. Im Glauben ist er gut, schließlich hat er Theologie studiert.
Aber vielleicht ist das ganz gut so. An anderer Stelle könnten er und seine Schiffe womöglich echten Schaden anrichten. Für den Rest der Welt wären die estnische Marine viel gefährlicher, wenn sie weiter an Provokationen in der Ostsee teilnimmt. Und überhaupt entschuldige ich mich für alles Vorstehende, weil man über geistig Überforderte nicht spotten soll.
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