
Von Astrid Sigena
Am 8. März finden in Bayern Kommunalwahlen statt. Dann dürfen etwas über 10 Millionen Bayern – deutsche Staatsbürger und EU-Bürger – über die Kommunalpolitik der nächsten sechs Jahre entscheiden. Gewählt werden Stadträte und Kreistage, Oberbürgermeister und Landräte. Im Gegensatz zu vorausgegangenen Kommunalwahlen kann die AfD erstmalig fast flächendeckend antreten. In vielen Landkreisen und Kommunen ist es ihr gelungen, Listen aufzustellen, und die Umfragewerte sind gut: Wären heute Landtagswahlen, käme die AfD in Bayern auf 19 Prozent – ein Rekordwert. Sehr wahrscheinlich wird die Alternative für Deutschland ihr bayerisches Kommunalwahlergebnis von 2020 (4,7 Prozent) erheblich toppen können.
Das gefällt natürlich nicht jedem – allen voran nicht der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, der ELKB. Bereits seit Jahren arbeitet die ELKB mit verschiedenen Bündnissen gegen Rechts, gegen Rechtsextremismus oder für Toleranz zusammen, regional und überregional. Kaum eine Demo gegen einen AfD-Infostand oder eine Menschenkette gegen Remigration, bei der sich nicht der örtliche Pfarrer oder Dekan blicken lässt – wenn sie nicht schon von vornherein von der Kirche mitorganisiert sind. Dazu kommen unzählige Infoabende, Lesungen und Gespräche mit AfD-Aussteigern in den lutherischen Gemeindehäusern.
Der Nutzen ist bislang gering. Auch im einstigen CSU-Land Bayern feiert die AfD Erfolge. Zeit für die ELKB, neue Wege zu beschreiten. Traditionellerweise trumpft die AfD besonders im Bereich der Sozialen Medien auf. Dieses Kampffeld wollen die bayerischen evangelisch-lutherischen Christen ihr nun nicht mehr überlassen. Natürlich geht es offiziell nicht gegen die AfD, sondern um “die Demokratie” und gegen Rechtsextremismus. Unter dem Hashtag “Unser starkes Kreuz für Demokratie! Ich bin dabei!” können Social-Media-Krieger auf einer Internetseite ihr Foto hochladen und Gesicht zeigen.
Weiter unten findet sich dann doch der Wahlaufruf von Landesbischof Kopp, doch bitteschön “demokratische Parteien oder Vereinigungen” zu wählen (das Parteienkartell “Unsere Demokratie”, das die ursprüngliche Volksherrschaft für sich mittlerweile vereinnahmt hat, lässt schön grüßen). Eine ehrenamtliche Tätigkeit innerhalb der ELKB für aktive Unterstützer einer rechtsextremen Partei sei nicht möglich. Die ELKB verweist dabei auf die Einstufung der AfD als “gesichert rechtsextremistisch” durch das Bundesamt für Verfassungsschutz – wohlweislich verschweigend, dass die Behörde diese Einschätzung wegen eines laufenden Verfahrens vorläufig ausgesetzt hat.
Besonders heikel: Die evangelisch-lutherische Jugendorganisation in Bayern, zuständig für die Betreuung zehntausender Jugendlicher dieser Konfession, greift gezielt in den Wahlkampf ein. Und zwar mittels eines sogenannten “Love-Storms” gegen “Hass und Hetze” in den Sozialen Medien (was ja in der real existierenden BRD vielfach nur eine Chiffre für unwillkommene Kritik ist). Die Aktion richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren. Victoria Altschäffel, die Referentin für Jugendpolitik, erklärt es in einem YouTube-Video folgendermaßen:
“Das bedeutet, demokratische Kandidierende melden sich bei uns, wir sagen dir Bescheid und du schickst Liebe in die sozialen Netzwerke.”
Die Teilnehmer müssen sich ihre “Liebe” ausstrahlenden Kommentare nicht einmal selbst ausdenken. Victoria Altschäffel verspricht den Interessenten “Schulungen, Textbausteine und Austauschmöglichkeiten” bei ihrer “gelebten Zivilcourage im digitalen Raum”. Eine entsprechende Community bildet dann eine Messenger-Gruppe und greift ein, “wenn unter dem Video einer demokratischen Kandidatin Hate-Speech entsteht”. Man könnte auch sagen: Die evangelische Kirche in Bayern baut sich hier eine Trollfabrik zur Beeinflussung der Wahlen und zur Bekämpfung von Kritik im Netz. Alles vorgeblich im Namen der Demokratie und der Bekämpfung von Hass und Hetze in den Kommentarspalten. Betreiber der christlichen “Trollfabrik” ist aber nicht die Kirche allein: Beteiligt an den angebotenen Workshops ist die “mobile Beratung gegen Rechtsextremismus” – gefördert wiederum vom bundesdeutschen und vom bayerischen Familienministerium. Auch die Regierungen in Bund und Land beteiligen sich somit an der Bekämpfung der Opposition und an der Einmischung in den Wahlkampf.
Ausgesprochen schäbig: Nicht nur junge Erwachsene, sondern auch Jugendliche werden für dieses Unterfangen angeworben. Wohl in der Hoffnung auf Welpenschutz und entsprechende Beißhemmung bei den Kontrahenten während der Diskussion in den Kommentarspalten. Welcher AfD-Politiker will sich schon vorwerfen lassen, einen Jugendlichen verbal zu scharf angegangen zu haben? Und sollte andererseits doch etwas schiefgehen und der “Love-Stormer” etwa ausfallend werden, gilt immer noch die Jugendgerichtsbarkeit mit all ihrer Milde. Offenbar hofft man darauf, dass frisch Konfirmierte sich am ehesten gegen die angebliche Bedrohung von Rechts mobilisieren lassen. Ein Mindestalter ist auf der “Love-Storm”-Seite jedenfalls nicht genannt.
Die evangelische Kirche agiert im bayerischen Kommunalwahlkampf aber nicht nur digital, sondern auch analog. Speziell für Kandidaten bei den Kommunalwahlen stellt die ELKB Seelsorger bereit. Und damit nicht etwa ein AfD-Politiker sich in den Glauben wähnen könnte, auch er sei gemeint, heißt es:
“‘Unser starkes Kreuz für Demokratie’ bieten wir unseren demokratischen Repräsentanten nicht nur digital, sondern auch im echten, analogen Leben! In jedem Dekanat werden wir wenigstens eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger benennen, an die/den sich Kandidierende in der seelischen Not von Hassangriffen wenden können.”
Auch hier greift also das Parteienkartell “Unsere Demokratie”. Wäre ja noch schöner, wenn sich ein AfD-Kandidat bei einem Pfarrer der ELKB den Kummer von der Seele reden könnte (falls er überhaupt auf die Idee kommen sollte, sich an einen Geistlichen einer Kirche zu wenden, die ganz offensichtlich als Vorfeldorganisation der Altparteien agiert)!
Auch der Traunsteiner Dekan Bertram macht deutlich, dass das geistliche Betreuungsangebot Grenzen hat:
“Ich habe hohen Respekt vor dem großen Engagement unserer Kommunalpolitker*innen aus den demokratischen Parteien! Die Belastung und leider auch die Angriffe und Anfeindungen der Amtsträger*innen nehmen erschreckend zu. Wer Verantwortung für unsere Demokratie und Freiheit übernimmt, den unterstütze ich gerne und nehme mir Zeit zum Zuhören, den Rücken stärken.”
So werden AfD-Vertreter zwar nicht ausdrücklich ausgeschlossen, ihnen wird aber doch mitgeteilt, dass sie nicht erwünscht sind. Denn zur Monopolvereinigung “Unsere Demokratie” gehört die AfD nun mal nicht.
Diese Wahleinmischung ist der evangelischen Kirche aber keineswegs peinlich. Sie versucht sie auch nicht zu bemänteln. So erklärt das zum Medienhaus der ELKB gehörende Sonntagsblatt:
“Die Evangelische Jugend in Bayern (EJB) will Kandidierende der Kommunalwahlen im März 2026 auf Social Media mit gezielten Lovestorms unterstützen.”
Alles für den vermeintlich guten Zweck. Denn die Sozialen Medien dürfe man nicht “Hetzern, Rechtsextremen und falschen Predigern” überlassen, zitiert das Sonntagsblatt Malte Scholz, den Vorsitzenden der EJB-Landesjugendkammer.
Fromme Trollfabriken und selektive Seelsorge. In Bezug auf Bananenrepubliken und als autoritär verschriene Staaten würde man das Wahlbeeinflussung und Wahleinmischung nennen. Im “besten Deutschland, das es jemals gegeben hat” (Bundespräsident Steinmeier) heißt das “Unsere Demokratie” und ist ein gottesfürchtiges Werk.
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