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Denkmal-Streit in Sachsen um einen sowjetischen Schriftsteller

rtnews by rtnews
09/02/2026
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Die Ehrenbürgerschaft und eine Gedenkstelle für den Schriftsteller Konstantin Fedin stehen im sächsischen Zittau infrage. Die CDU möchte beide Ehrungen annullieren. Der Vorwurf: Als kommunistischer Sowjet-Funktionär habe Fedin Andersdenkende verfolgt.

Von Astrid Sigena

Die öffentliche Stimmung in Deutschland gegen Denkmäler sowjetischer oder russischer Herkunft heizt sich auf: Sie werden mit Farbe verunstaltet, im Rahmen der Kostenersparnis oder Bekämpfung angeblicher “Desinformation” problematisiert oder anlässlich von Baumaßnahmen in Lagerhallen abgeschoben. Das Andenken an das Wirken von Russen in Deutschland wird immer mehr zurückgedrängt. Nun ist das Denkmal für den sowjetischen Schriftsteller Konstantin Fedin im sächsischen Zittau in Gefahr.

Konstantin Fedin waren zu DDR-Zeiten gleich vier Ehrungen in Zittau zuteilgeworden: Der im Jahr 1977 verstorbene Autor erhielt postum die Ehrenbürgerwürde, nach ihm wurden eine Straße und eine Oberschule benannt. Vor der Schule errichteten die Behörden eine Stele zu Fedins Ehren mit einem Bronzerelief des Schriftstellers, zwei bronzenen Friedenstäubchen und dem Fedin-Zitat:

“Die Kunst, die die Menschheit zusammenschließt, gegenseitiges Verständnis lehrt und uns zum Glauben an den Menschen erzieht – sie werde zu einem Damm gegen den Krieg.”

Die Zittauer Ehrungen geschahen nicht ohne Grund: Konstantin Fedin hatte einen besonderen Bezug zu Deutschland. Er war nicht nur Korrespondent bei den Nürnberger Prozessen, sondern hatte in seiner Jugend vier Jahre in Deutschland verbracht. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Fedin nach Nürnberg gereist, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Dort erwischte ihn der Kriegsausbruch. Die Rückreise ins damals noch zaristische Russland gelang Fedin nicht mehr, er musste die nächsten vier Jahre als Zivilinternierter verbringen und seine spärliche Versorgung mit Geigespielen, Schauspielerei und Sprachunterricht aufbessern. Eine Internierungsstation des jungen Fedin war das sächsische Zittau. In der Sowjetunion der Zwanziger Jahre verarbeitete Konstantin Fedin seine Erlebnisse in dem Roman “Städte und Jahre” (“Города и годы”), der auch auf Deutsch veröffentlicht wurde.

Nach dem Ende der DDR erfolgte die Umbenennung von Schule und Straße, die Ehrenbürgerwürde und die Gedenkstele bestanden weiter fort. Wohl auch aufgrund von Protesten von Anwohnern gegen einen Abriss, wie die DDR-nostalgische Facebook-Seite “SED-Archiv Oberlausitz” zu berichten weiß. Die Schule wurde schließlich geschlossen und abgerissen, der Standort des Denkmals verwahrloste zusehends. Der Wildwuchs um das Denkmal scheint ein Zittauer Dauerthema zu sein: Noch im September 2025 beschwerte sich ein Zittauer Bürger über die Verwahrlosung des Geländes rund um die ehemalige Oberschule.

Besonders auf die Friedenstäubchen des Fedin-Denkmals hatten es Vandalen abgesehen: Die beiden ursprünglich aus Metall bestehenden Vögel sind schon seit langem verschwunden, steht auf einer der einstigen 8. Polytechnischen Oberschule Zittau gewidmeten Facebook-Seite im Jahr 2011 geschrieben. Ihr Verbleib ist unaufgeklärt. Jens Thöricht, damals Stadtrat von der Linkspartei (heute sächsischer Landtagsabgeordneter für das BSW), veranlasste damals, dass die entfernten Fedin-Täubchen zumindest in Betonform ersetzt wurden. Auch diese Ersatzfiguren sind mittlerweile abhandengekommen.

Das Zittauer Fedin-Denkmal ist damit Opfer eines dreistufigen Vorgangs geworden, den viele Denkmäler aus sozialistischer Zeit in Mittel- und Osteuropa zu erleiden hatten: Zuerst bewirken Verwahrlosung und Verwahrlosung, dass das Denkmal vereinsamt und in Vergessenheit gerät. Die Bevölkerung hält sich nur noch ungern dort auf. Sind die Zustände unhaltbar geworden, problematisiert man in Stufe zwei das mittlerweile heruntergekommene Denkmal als Schandfleck im Stadtbild und regt eine Versetzung an einen anderen Ort an. Als letzter Schritt folgt dann der Abriss des Denkmals oder die Verbringung in ein Depot.

Zittau befindet sich derzeit in Phase zwei. Während der Dezembersitzung des Zittauer Stadtrats schlug der BSW-Lokalpolitiker Horst Schiermeyer einen Wechsel des Standorts vor. Die Fedin-Stele sei zusammen mit einem erklärenden Schild am “Grünen Ring” besser aufgehoben, wo bereits andere Denkmäler stehen. Ein sicherlich gut gemeinter Vorschlag, aber Schiermeyer stach in ein Wespennest. Oberbürgermeister Thomas Zenker zeigte sich zwar für eine Versetzung aufgeschlossen, hielt allerdings den “Grünen Ring” für denkbar ungeeignet. In den städtischen Grünanlagen würden Schilder regelmäßig zerstört.

Nun schaltete sich die örtliche CDU ein: Der frühere sächsische Innenminister Heinz Eggert forderte in einem Leserbrief die Entfernung des Denkmals. Eggert sprach von “Geschichtsvergessenheit” und argumentierte mit Fedins kommunistischem Hintergrund:  Fedin habe als Vor­sit­zen­der des Schrift­stel­ler­ver­bands der Sowje­tu­nion staat­li­che Lite­ra­tur­po­li­tik umgesetzt und “die Zensur und Repres­sion für nicht ange­pas­ste Schrift­stel­ler” zu verantworten. Er habe geschwiegen, “wenn Kol­le­gen vom sowje­ti­schen Geheim­dienst ver­folgt wur­den”. Tatsächlich galt Fedin als ausgesprochener Gegner des Sowjet-Dissidenten Alexander Solschenizyn. Eggerts Schlussfolgerung: “Nur weil die SED ihm ein Denkmal gesetzt hat, muss man es heute nicht erhalten.” Für Fedin habe die Loyalität gegenüber dem Stalinismus stets an erster Stelle gestanden.

In das gleiche Horn stieß Eggerts Parteikollege Jens Freiberg, der für die Verbringung der Fedin-Stele in ein Museum “mit klarer Einordnung” plädierte. Dem BSW warf er Russland-Nähe vor: Es handle sich um mehr als um einen harmlosen kulturpolitischen Vorschlag. Freiberg: “Das BSW steht bun­des­weit in der Kri­tik, rus­sland­freund­li­che Deu­tun­gen zu bedie­nen.” In diesem Kontext wirke die Verteidigung eines Denkmals für einen sowjetischen Kulturfunktionär als politisches Signal.

CDU-Stadtrat Dietrich Glaubitz nahm sich des Themas an und forderte den Entzug der Ehrenbürgerwürde und des Denkmals für den Sowjet-Schriftsteller. Fedin habe einem verbrecherischen Regime gedient und bei Verfolgungen geschwiegen, lautete Glaubitz’ Argument. Letztlich läuft die Argumentation des CDU-Politikers auf die Unterstellung hinaus, man könne kein anständiger Mensch gewesen sein, wenn man in der Sowjetunion zu höheren Ämtern gelangte. Glaubitz’ Fazit zu Fedins Tätigkeit im sowjetischen Schriftstellerverband:

“Das wird man nicht, wenn man nur Mitläufer ist.”

Bei Fedin handele es sich um eine zweifelhafte Persönlichkeit. Der CDU-Politiker Glaubitz legte dabei Wert auf die Bekundung, sein Vorstoß habe nichts mit Russland an sich oder dem gegenwärtigen Ukraine-Krieg zu tun.

Oberbürgermeister Thomas Zenker will nun prüfen, ob die Ehrenbürgerwürde weiterhin Bestand haben soll. Und auch BSW-Stadtrat Horst Schiermeyer wirkt mittlerweile verunsichert: Eine Philologin soll sich jetzt mit Fedins Rolle innerhalb der sowjetischen Nomenklatura befassen. Noch allerdings ist nichts endgültig entschieden. Die CDU hat im Zittauer Stadtrat nur vier Sitze, die größte Fraktion ist die AfD mit neun Sitzen (es folgen die lokale Wählervereinigung “Zittau kann mehr” mit fünf Sitzen, die Freien Wähler mit drei Stadtratsmitgliedern, das “Zukunftsbündnis für Zittau” mit ebenfalls drei Sitzen sowie das BSW mit zwei Stadträten). Will die CDU Fedin loswerden, braucht sie die Unterstützung anderer Fraktionen.

Nun ist die AfD zwar gerade im Westen der Bundesrepublik eine Partei, die bei ihren Auftritten in den sozialen Medien gerne jeden Missstand als “sozialistisch” brandmarkt, im Osten des Landes allerdings herrscht eine andere Mentalität. Dies dürfte auch für den Landkreis Görlitz gelten, zu dem Zittau gehört. Dort liegen der Kreisverband und der Wahlkreis des AfD-Bundessprechers Tino Chrupalla, der gegenüber der “Zeit” bekannte: “Ich lasse mir die DDR nicht nehmen” – auch wenn er sie freilich nicht wiederhaben wolle. Erst kürzlich stimmte die Görlitzer Kreistagsfraktion für einen Friedensantrag des BSW, der Werbung für Militärdienst und Rüstungsprodukte im Görlitzer Raum verbieten soll (RT DE berichtete). Dass sich die Zittauer AfD gegen Fedin entscheidet, ist also keinesfalls sicher.

Es wäre verkehrt, sich bei der Debatte um Fedins Ehrenstele und Ehrenbürgerwürde allein auf die möglichen Verfehlungen des Schriftstellerfunktionärs gegenüber der sowjetischen Opposition zu konzentrieren. Der Streit in der sächsischen Mittelstadt um Fedins Andenken findet in einem größeren Rahmen statt: Es geht um nichts anderes als um die Auslöschung des Wirkens russischer Künstler im kulturellen Gedächtnis der Deutschen. Im Westen ist das vielfach schon gelungen. Niemand erinnert sich mehr in Nürnberg an Fedins zweimaligen Aufenthalt. Nun ist der Osten der Republik an der Reihe, den russischen Schriftsteller aus der Erinnerung zu tilgen.

Mehr zum Thema – Die Lügen des polnischen Präsidenten erreichen das Ausmaß der Propaganda des Dritten Reiches



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Tags: DenkmalStreiteinenSachsenSchriftstellersowjetischen
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