
Von Olga Samofalowa
Kiews Energieerpressung gegenüber seinen europäischen Nachbarländern hat der Ukraine selbst Probleme bereitet. Seit Ende Januar lässt Kiew kein Erdöl aus Russland mehr durch die Druschba-Pipeline durch. Daraufhin stellten Ungarn und die Slowakei – in Europa die Hauptabnehmer von Erdöl aus Russland, die mit allen Mitteln um den Erhalt dieser Transitroute gekämpft hatten – ihrerseits die Diesellieferungen an die Ukraine ein. Erstaunlicherweise bezog Kiew nämlich bisher diesen Kraftstoff, der aus Russlands Erdöl gewonnen wurde, von den Raffinerien in Ungarn und der Slowakei. Man könnte meinen: Was für ein perfides Spielchen seitens dieser beiden Länder! Fairerweise muss man jedoch anmerken, dass sie durch EU-Recht in diese Lage gezwungen wurden: Sie dürfen Erdölprodukte aus russischem Öl nur in die Ukraine exportieren und nirgendwo anders hin (außer natürlich, auf ihren eigenen Binnenmarkt werfen), und ein Kraftstoffüberschuss entsteht mitunter eben entgegen aller Planung. Diese Regeln wurden von der EU bereits vor langer Zeit verabschiedet, noch im Rahmen des neunten Sanktionspakets.
Nebenbei bemerkt: In gewisser Weise nützt diese ganze Intrige Russland beim Führen seiner militärischen Sonderoperation, denn Dieselöl ist bekanntlich ein wichtiger Kraftstoff für militärische Transporte.
Was hat die Ukraine, die jahrelang für gutes Geld diese Transferpipeline für Erdöl aus Russland nach Ungarn und in die Slowakei zur Verfügung gestellt hat – auch noch während der Sonderoperation –, dazu bewogen, diese Magistralleitung gerade jetzt komplett stillzulegen? In Kiew erklärte man, dass der Grund in einer angeblichen Notwendigkeit liegen soll, bei Kampfhandlungen beschädigte Infrastruktur zu reparieren… doch höchstwahrscheinlich war dies nur ein Vorwand – falls Reparaturen überhaupt nötig waren. In Ungarn und der Slowakei ist man überzeugt, dass etwaige Reparaturen längst abgeschlossen sind, weshalb die wahren Gründe politischer Natur sein dürften. Und der Kreml stimmt dem voll und ganz zu.
All die Jahre verlief der Öltransit von Russland nach Europa über die Druschba-Pipeline durch die Ukraine, auch trotz der militärischen Sonderoperation, mit nur wenigen Ausnahmen fast reibungslos. Kiew verhängte lediglich vorübergehend Sanktionen gegen einen der russischen Lieferanten, den Konzern Lukoil. Doch vollständig stillgelegt wurde die Pipeline nie. Dies ist das erste Mal. Kiew geht ganz offensichtlich aufs Ganze, wohl wissend, dass seine Verhandlungsposition bald am absoluten Nullpunkt angelangt sein wird.
Was aber erhofft sich das Kiewer Regime mit dieser Energieerpressung? Ungarn und die Slowakei daran zu hindern, sich in seine Pläne zum Ausmelken Europas einzumischen. Diese beiden Länder lehnen die Position der Ukraine in nahezu allen Fragen ab. Wenn die EU über zusätzliche Finanzmittel für die Ukraine diskutiert, beharren Budapest und Bratislava auf ihrem Widerstand. Geht es um ein neues Sanktionspaket, das russische Energielieferungen vollständig unterbinden soll, sind Ungarn und die Slowakei noch entschiedener dagegen. Einen beschleunigten EU-Beitritt der Ukraine bezeichnet Ungarn offen als den letzten Nagel in den Sarg der EU, da weder Kiew noch Brüssel für einen solchen Schritt bereit seien.
Auch auf die jüngste Herausforderung der Ukraine haben Ungarn und Slowakei nun reagiert. Zunächst wandten sie sich an Kroatien mit der Bitte, Erdöl aus Russland über einen kroatischen Hafen und anschließend über das Pipelinesystem JANAF (Adria) zu beziehen. Damit demonstrierten sie Kiew, dass die ukrainische Route nicht die einzige Möglichkeit ist – es gibt eine Alternative. Wohlgemerkt, die ersten Lieferungen über diese Route sind bereits unterwegs und werden Anfang März in einem kroatischen Hafen eintreffen, von wo aus sie innerhalb von fünf bis zehn Tagen Raffinerien in Ungarn und der Slowakei erreichen werden.
Dann haben Budapest und Bratislava zum Vergeltungsschlag gegen Kiew ausgeholt – und ihrerseits den Export von Dieseltreibstoff in die Ukraine gestoppt, bis der Ölfluss durch die Druschba-Pipeline wiederhergestellt ist. Dies ist eine absolut logische Entscheidung, denn wenn Land A die Energiesicherheit von Land B (und C) gefährdet, wäre es doch seitens B (und C) widersinnig, die Energiesicherheit von Land A zu gewährleisten. Und der Teil des ukrainischen Dieselverbrauchs, der von der slowakischen Tochtergesellschaft des ungarischen Unternehmens MOL gedeckt wird, ist erheblich.
Offiziellen Angaben zufolge deckte Slovnaft zehn Prozent des ukrainischen Dieselverbrauchs ab. Kiew hat zwar viele andere Lieferanten, doch der Verlust auch nur eines Zehntels wäre eine ernsthafte Herausforderung. Dies wird zwar nicht zum Stillstand des gesamten ukrainischen Transportwesens führen, aber unmittelbar eine Verknappung und höhere Kraftstoffpreise verursachen.
Die Ukraine hat bereits die Einnahmen aus dem Öltransit verloren und sich selbst Probleme mit der Dieselversorgung bereitet. Sollte dies die Ukraine nicht zur Wiederherstellung der Druschba-Pipeline zwingen, könnten seitens der Slowakei und Ungarn auch weitere, schwerwiegendere Schläge folgen. Und welche könnten das sein?
Es ist nun einmal so, dass die Ukraine nicht nur Diesel von ihren europäischen Nachbarn bezieht – sondern auch Strom, und noch dazu Erdgas, das vor allem zum Heizen genutzt wird. Beispielsweise stammten im Dezember 2025 41 Prozent der gesamten Stromimporte der Ukraine aus Ungarn und 21 Prozent aus der Slowakei – und damit mehr als die Hälfte, nämlich ganze 62 Prozent. Dies folgt aus Angaben des ukrainischen Energieministeriums. Polen, Rumänien und Moldawien zusammen kamen lediglich auf 38 Prozent der Stromimporte in die Ukraine. Sollten Ungarn und die Slowakei ihre Strom- und Gaslieferungen einstellen, stünde ihrem östlichen Nachbarn eine überaus schwere Zeit bevor. Denn die Ukraine steht bereits jetzt am Rande des totalen Stromausfalls: Stromabschaltungen erfolgen planmäßig, und Strom gibt es oft nur für wenige Stunden am Tag. Das Stromnetz des Landes könnte den Ausfall von 60 Prozent des importierten Stroms nicht verkraften – es würde wohl wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und das Land in völlige Dunkelheit stürzen. Ein einziger Fehler, ein einziges Versagen genügt. Und im Winter vervielfachen sich die negativen Folgen, weil Strom sowohl zum Heizen als auch zum Kochen benötigt wird.
Die Erdgasversorgungslage der Ukraine ist ebenso prekär. Mehr als 70 Prozent des gesamten Erdgases, das die Ukraine im Jahr 2025 bezog, stammt aus Russland, so Berechnungen der ExPro Consulting. Dieses wird naturgemäß auf Umwegen, also über Ungarn und die Slowakei, geliefert. Die Ukrainer heizen ihre Häuser häufig mit Gas, und Gaskraftwerke erzeugen Strom. Ein Stopp der Gaslieferungen an die Ukraine durch Ungarn und die Slowakei im Winter würde zu einer sozialen und humanitären Katastrophe führen.
Allen Beteiligten ist dies vollkommen bewusst. Daher werden Ungarn und die Slowakei solche Schritte nur im absoluten Extremfall unternehmen.
Diesen Trumpf müssen Budapest und Bratislava jedoch nicht zwingend ausspielen, um ihre Lage zu verbessern: Bei den Verhandlungen mit der EU über Sanktionsausnahmen hilft es ihnen sehr, ihn einfach nur im Ärmel zu haben. Zumal diese Ausnahmen notwendig sind, um für Russlands Erdöl den Seeweg nach Kroatien und weiter den Landweg über Pipelines zu den ungarischen und slowakischen Raffinerien freizumachen. Derzeit verbieten die Sanktionen den Seetransport dieses Erdöls; eine Ausnahme gilt lediglich für Lieferungen über die Druschba-Pipeline. Brüssel wird sich der Freigabe der neuen Route gewiss vehement widersetzen, da sein Ziel das Gegenteil ist – Russlands Erdöl endgültig vom europäischen Markt zu verdrängen, und eben nicht etwa neue Lieferrouten freizugeben.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 19. Februar 2026.
Olga Samofalowa ist eine russische Journalistin, im Wirtschaftsressort der Zeitung Wsgljad sowie für RIA Nowosti und SNA (Sputnik) tätig.
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