
Von Alexej Danckwardt
Am 19. August 1991, 35 Jahre ist es inzwischen her, wachte die Sowjetunion mit einer besorgniserregenden Nachricht auf: Präsident Gorbatschow sei erkrankt und nicht in der Lage, die Amtsgeschäfte zu führen, ein “Staatliches Komitee für Ausnahmesituationen” habe die Macht übernommen.
Der Sowjetbürger war inzwischen Glasnost und hitzige Debatten im Fernsehen gewöhnt und so war der betont ernste und düstere Ton, mit dem Nachrichtensprecherinnen die Neuigkeit verkündeten, ein nicht zu überhörender Anachronismus. Statt der üblichen Programme lief zwischen den Nachrichtensendungen Tschaikowskis “Schwanensee” – dieses Werk ist seitdem in Russland Symbol für Putsche und sonst Außergewöhnliches auf Staatsebene.
Ich, gerade 16 Jahre alt geworden, war damals zu Besuch bei meinen russischen Verwandten. Sofort lief ich zum Zeitungsstand, wollte mehr erfahren. Es war Sonntag, das Angebot mager, aber die Sonntagszeitungen demonstrierten, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging – einige waren mit einer leeren ersten Seite erschienen, andere betonten demonstrativ die hölzerne Sprache längst vergangener Zeiten. Kehrt die Zensur zurück? Ein Wolgograder Lokalblatt gab sich besonders mutig und vorklug, titelte statt Sonntag (“Woskresenje”) Auferstehung (“Woskresenie”) – auch im kyrillischen Alphabet ist es nur ein einziger Buchstabe, der einen gigantischen Unterschied ausmacht.
Schnell machte das Wort “Putsch” die Runde, auch ich griff es auf. Heute schäme ich mich vor meinem fünfzehn Jahre älteren Cousin Sergei dafür. Seine Worte: “Welcher Putsch, es sind doch alles Leute, die bereits an der Macht waren.” Juristisch hat er Unrecht, aber in allem anderen war er um ganze Dimensionen weiser als ich.
Es stank nach Inszenierung, und man hätte es merken müssen. Den “Putschisten” mache ich heute vor allem eines zum Vorwurf: Keiner von ihnen hat es uns in verständlichen Worten erklärt, dass es um die Existenz der Sowjetunion ging, dass das die letzte Chance war, sie zu retten. Nicht nur ich wäre dann mit Leib und Seele auf deren Seite. So aber war kaum jemandem klar, worum es wirklich ging.
Stattdessen war ihr in hölzerner Funktionärssprache verfasstes Manifest voll von angesichts des unfassbaren Unheils historischen Ausmaßes, das an die Tür klopfte, Nebensächlichem und Banalem: Ernte einfahren, Kriminalität bekämpfen, für Sicherheit sorgen, Gesetzlichkeit achten. Bla, bla, bla. Ihre Pressekonferenz am Abend des Tages war tragikomisch: Sabotierende Techniker hatten das Licht so gesetzt, dass die Kragen der Anzüge der Männer, Staatsmänner in hohen Ämtern, Schatten auf sie selbst warfen. “Schwarzkragen” nannte sie ab dem Moment jeder im Land.
Gennadi Janajew, Vizepräsident der Sowjetunion und “Oberputschist”, fand keine staatstragenden Worte, erging sich stattdessen in Witzen über seine Potenz und die Zufriedenheit seiner Ehefrau. Blamage, Farce, Clownerie. Die Reporter im Saal amüsierten sich köstlich, Angst hatte ab dieser Minute niemand mehr. Der “Putsch” war gescheitert, bevor er beginnen konnte.
Über Gorbatschows Rolle bei dem ganzen Spektakel wurde später viel spekuliert. Ich glaube inzwischen, dass er tatsächlich in die Pläne eingeweiht war, dass er wahrscheinlich gar ihr Urheber war. Vorbereitet wurde die Ausnahmesituation von langer Hand – das Gesetz über Ausnahmesituationen in der Sowjetunion wurde bereits im April 1990 verabschiedet, Gorbatschow insistierte. Da hatte er den Kampf mit der nach mehr Macht und Privateigentum strebenden Parteinomenklatura und der Bürokratie auf Republiksebene bereits verloren: Unerwartet hatte sich die von ihm selbst angeleierte Verfassungsreform um die Kompetenzverteilung zwischen Union und den Republiken zu einer faktischen Auflösung der Union entwickelt. Im neuesten Entwurf des Unionsvertrages, der in der Putschwoche paraphiert werden sollte, blieb dem Zentrum wenig mehr als die gemeinsame Armee und die Koordination der Außenpolitik. Die Sowjetunion war ohne radikale Maßnahmen nicht mehr zu retten.
Warum er sich nicht selbst an die Spitze des von ihm auf seine Person zugeschnittenen “Staatlichen Komitees für Ausnahmesituationen” setzte, liegt auch auf der Hand. Er wollte in jedem Fall als Sieger hervorgehen. Hätten seine Getreuen die Lage in Griff bekommen, wäre er “wieder gesundet” und hätte sich in den Sessel gesetzt, den Janajew für ihn warmhielt. Im Fall einer Niederlage wollte er als befreiter Widerstandskämpfer nach Moskau zurückkehren.
Das Doppelspiel des Taktierers endete mit der verdienten Blamage. In der Weltgeschichte hat es wahrscheinlich keine peinlichere Szene gegeben als die im russischen “Weißen Haus”, wohin der Oberste Sowjet der russischen Republik den Noch-Kremlresidenten vorgeladen hatte. Wo er dann stotternd versuchte, seine eigenen politischen Zöglinge zu verteidigen (und sie einen nach dem anderen fallen ließ), die die Versammelten am liebsten vor ein Erschießungskommando gestellt hätten. Man achte auf sein Gesicht, als Triumphator Jelzin ihn mitten im Satz unterbrach, um ein vorbereitetes Dokument zu unterschreiben – das Verbot der KPdSU, deren Generalsekretär Gorbatschow immer noch war (Timecode 1:27:46 in dieser Aufzeichnung: Meeting of Russian Republic Parliament | Video | C-SPAN.org). Da wurde jedem klar: Gorbi hatte sich verzockt.
Der Mann, damals mein Idol, hatte nicht einmal einen kläglichen Rest an Würde, den Saal in diesem Moment zu verlassen, ließ sich erniedrigen. Erst zwei Jahre später wird Russlands Verfassungsgericht Jelzins Federstrich für verfassungswidrig befinden.
Es wäre eine Komödie, und man könnte lachen, wenn den Preis nicht Millionen Sowjetbürger bezahlt hätten und bis heute – in der Ukraine etwa – zahlen. Wie auch Milliarden Menschen auf der ganzen Welt, denen Hoffnung und Aussicht auf eine bessere Zukunft gestohlen worden waren.
Ich weinte später: Im Dezember desselben Jahres, im Oktober 1993, im Februar 2014. Jahre danach erfuhr ich, dass im Dezember 1991 aus demselben Grund, vielleicht gar in derselben Minute wie ich, ein Junge in Venezuela geweint hatte. Seine Tränen, meine Tränen, das Blut von Hunderttausenden, das Elend von Milliarden verzeihe ich nie: nicht Gorbatschow, nicht Jelzin, keinem dieser Clique.
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