Von Michail Kewchijew
Erste Haltestelle
Der mit einem Störsender für Drohnen ausgestattete Krankenwagen fährt in ein kleines Wäldchen hinein und versteckt sich unter den Bäumen. Der Fahrer hilft dem Patienten, auszusteigen, und führt ihn zu einer Gesundheitsstation, die mit einem Kanonenofen beheizt wird und in der bereits eine Medizinerin wartet. Tatjana Iwanowna ist eine Hilfsärztin. Sie ist schon längst in Rente, kehrte aber jetzt zur Arbeit zurück:
“Viele Ärzte sind weggefahren, und helfen muss man ja. Und ich lebe hier seit meiner Kindheit und kenne alle. Patienten kommen aus unterschiedlichsten Gründen: vom Schnupfen bei Kindern bis zu chronischen Krankheiten bei Senioren. Oft gibt es Minen- und Sprengwunden und Prellungen.”
Bis zur Gesundheitsstation zu kommen, ist für sich schon ein großes Glück – ukrainische Drohnenpiloten machen zwischen Militärangehörigen und Zivilisten keinen Unterschied. Tatjana Iwanowna erzählt, während sie in ihrem Dienstbuch blättert:
“Vor Kurzem wurde aus dem Nachbardorf ein Mann bereits ohne Puls und Blutdruck gebracht. Ich spritzte ihm Noradrenalin, Cardiomin und schickte ihn weiter in ein Krankenhaus. Er überlebte – vor allem dank des schnellen Transports, obwohl das jetzt das Riskanteste ist.”
Gerade die Evakuierung von zwei Kranken aus den benachbarten frontnahen Dörfern ist eine der Aufgaben des Oberhaupts des Bezirks Kupjansk, Alexander Kaplenko, bei einer seiner Dienstfahrten. Nachdem er der Ärztin Medikamente übergeben und mit dem Dorfältesten gesprochen hat, setzt er mit einer großen Ladung an humanitärer Hilfe seinen Weg in Richtung Frontlinie fort. Alexander Wladimirowitsch gesteht:
“Du weißt nie, wie eine solche Fahrt endet. Auf dem heutigen Weg gibt es einen recht gefährlichen Abschnitt, wo wir schon mehrere Autos verloren haben und der Fahrer und ich nur durch ein Wunder überlebten.”
“Rote Zone”

An jedem Kontrollpunkt fragen wir nach der operativen Lage. In der Nähe kreist eine Kamikaze-Drohne, wir müssen warten. Natürlich ist das Auto mit einem Störsender für Drohnen ausgestattet. Im Innenraum befinden sich mehrere Funkgeräte, ein Drohnendetektor und ein Analysator, der die Übertragung einer radiogesteuerten FPV-Drohne abfangen kann. Alexander Ostrikow, Mitarbeiter des Pressediensts der militärisch-zivilen Verwaltung des Gebiets Charkow und nebenamtlich Fahrer, erklärt:
“All das ist natürlich sehr gut, aber gegen glasfasergesteuerte Drohnen komplett nutzlos. Und davon hat der Gegner immer mehr.”
Allein im Februar hatten die Drohnen des ukrainischen Militärs im Bezirk Kupjansk fünf Zivilisten getötet – mehr als im ganzen Vorjahr. Einige weitere wurden verwundet. Kaplenko erzählt weiter:
“Sie haben eine neue Taktik. Haben sie zuvor zuerst das Auto angegriffen, selbst wenn der Fahrer und die Insassen schon herausgerannt waren, machen sie es jetzt umgekehrt: Sie greifen zuerst die fliehenden Menschen an und machen dann das Auto fertig.”
Damit wird Logistik zum größten Problem. Lastwagen bringen humanitäre Hilfe bis zu einem relativ sicheren Punkt. Weiter geht es mit Pkws. Der Fahrer fügt hinzu:
“Gerade so haben wir die Menschen mit allem Notwendigen für Monate im Voraus für den Fall einer Notlage versorgt. Obwohl hier jeden Tag eine Notlage ist: Es ist die ‘Rote Zone’.”
Die Heimat

Kaplenko stammt aus Kupjansk und kennt in dieser Gegend jeden Winkel. Er war ein erfolgreicher Unternehmer und führte sein Geschäft nach der Ankunft der russischen Armee weiter. Er half, Kinder aus Kupjansk zur Erholung nach Gelendschik zu schicken, und die Lehrer zur Fortbildung nach Kursk. Dafür erklärte das Kiewer Regime ihn zu einem Kollaborateur und verurteilte ihn in Abwesenheit zunächst zu einer 25-jährigen, dann zu einer lebenslänglichen Haft.
Nachdem er nach Belgorod gekommen war, begann er, bei der militärisch-zivilen Verwaltung zu arbeiten, und wurde im Jahr 2023 zum Oberhaupt des Bezirks Kupjansk ernannt.
Damals gab es in den Dörfern weder Wasser noch Strom noch Mobilfunk. Die militärisch-zivile Verwaltung des Gebiets Charkow mit Witali Gantschew an der Spitze veranlasste die Bohrung von Brunnen, kaufte Generatoren und organisierte Lieferungen von Kohle und Brennholz. Jetzt sagen Einheimische, dass, selbst wenn die Temperatur hinter dem Fenster auf minus 20 Grad abfällt, es in den Häusern nicht bloß warm, sondern sogar heiß ist.
Auch die Bildung wurde nicht vergessen: Da alle Schulen im Bezirk noch 2022 geschlossen wurden, wurden alle Jugendlichen, deren Eltern eine Evakuierung verweigerten, in einem Internat in einer der Städte der Lugansker Volksrepublik untergebracht.
Im Bezirk leben inzwischen über 1.000 Menschen, von denen bereits etwa 900 die russische Staatsbürgerschaft erworben haben. Nur mobilitätseingeschränkte Menschen haben es noch nicht geschafft sowie jene, deren Häuser praktisch unmittelbar an der Frontlinie liegen. Von dort herauszukommen, ist sehr schwierig, doch die Verwaltung versorgte die Menschen auf Vorrat mit Lebensmitteln, Benzin, Kohle und Gasballons.
Religion und Medizin

Mitarbeiter der Verwaltung verteilen nicht nur humanitäre Hilfe, sondern sprechen auch mit Dorfältesten und anderen Bewohnern und nehmen ihre Bitten und Wünsche entgegen. Der Bezirkschef kennt alle persönlich. Alexander Wladimirowitsch bemerkt:
“Jetzt brauchen die Leute regelmäßig zwei Menschen: einen Arzt und einen Priester. Das ist wirklich sehr wichtig.”
Doch bei weitem nicht jeder ist bereit, vom “Festland” hierher zu kommen. Die Einheimischen haben sich indessen längst an die ständige Gefahr gewöhnt. Walentina, die Leiterin der einzigen Bäckerei im Bezirk, erklärt:
“Natürlich hat man Angst und es ist schwierig. Ständig kreisen Drohnen herum und die ‘Gutmenschen’ auf der anderen Seite versprechen uns, uns zu töten. Dennoch kommen die Mädchen schon seit fast vier Jahren morgens zur Arbeit, backen in zwei Schichten Brot und verteilen es später kostenlos über den Bezirk. Wir danken den Mitarbeitern des Katastrophenschutzministeriums und der Verwaltung, die uns regelmäßig unter Lebensgefahr Mehl und Backhefe bringen.”
Walentina lebt in einer besonders gefährdeten Zone – ihre Vorgängerin in der Bäckerei verließ das Dorf, nachdem ihr Haus aufgrund eines Drohnenangriffs niedergebrannt war. Walentina betont:
“Ich kann nicht alles zurücklassen, denn die Menschen brauchen Brot. Hier, wir haben gerade hundert Weißbrote und hundert Langbrote gebacken.”
Der letzte Punkt
Nachdem das Brot abgekühlt ist, verladen die Mitarbeiter der Verwaltung die Backware in den Laderaum und begeben sich schon in der Abenddämmerung zum letzten und gefährlichsten Punkt ihrer Reise. Von diesem Dorf aus sind es weniger als zehn Kilometer bis zur Front.
Am Straßenrand finden sich immer mehr ausgebrannte Autos und Militärfahrzeuge, immer lauter wird die Artillerie, der Drohnendetektor piepst ununterbrochen. Der Bezirkschef erklärt nach der Rückkehr:
“Heute hatten wir Glück, auch wenn wir nur einen von zwei Kranken evakuiert haben. Die zweite Frau holen wir ein anderes Mal ab. Viele wollen nicht wegfahren, selbst wenn sie krank werden.”
Die Mitarbeiter der militärisch-zivilen Verwaltung bereiten sich indessen auf die nächste Mission vor: Sie befüllen die Tanks ihres Autos und einen 20-Liter-Kanister mit Benzin und sammeln im Lagerhaus beantragte Lebensmittel und Gegenstände. Nach nur wenigen Stunden werden sie sich auf eine neue Fahrt begeben.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen am 4. März 2026 bei RIA Nowosti.
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