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Steiermark: Ehrung eines ermordeten NS-Polizisten ruft russische Botschaft auf den Plan

rtnews by rtnews
22/03/2026
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Die Ehrung eines vor 83 Jahren getöteten Gendarmen führt zu Zerwürfnissen innerhalb der österreichischen Gedenkkultur. Denn das Mordopfer vertrat auf Dorfebene als vollziehende Gewalt den NS-Staat, die mutmaßlichen Täter waren Zwangsarbeiter auf der Flucht.

Von Astrid Sigena

Als der österreichische Gendarmerie-Hauptwachtmeister Franz Stachel am 17. März 1943 seine Fußstreife angetreten hatte, war er sich wohl nicht gewahr gewesen, dass er kurze Zeit später vor seinen Schöpfer treten würde. Doch noch in derselben Schicht hatte Stachel bei Kilometer 28 der Wechselstraße (heute: B 54) in der Nähe der steiermärkischen Marktgemeinde Pinggau den Tod gefunden. Unbekannte Täter hatten den Polizisten überwältigt und mit seinem eigenen Gewehr samt Bajonett erschossen und erstochen.

83 Jahre später hielt es die Polizei des österreichischen Bundesland Steiermark für angebracht, ihren vor Jahrzehnten ermordeten Kollegen mit einem Gedenkstein zu ehren. Am 17. März 2026 war es so weit: Mit Fahnen und Blasmusik, in Anwesenheit von Geistlichen, Gemeinde- und Bezirksvertretern sowie von uniformierten Polizisten und der Soldatenkameradschaft beging Pinggau die Einweihung des neuen Monuments. Auf dem Gedenkstein ist zu lesen: “An dieser Stelle wurde Gendarmenhauptwachtmeister Franz Stachel am 17. März 1943 ermordet. Zum ehrenden Gedenken Landespolizeidirektion Steiermark 2026.”

Auf ihrem Facebook-Account gibt die Polizei Steiermark bekannt:

“In Zusammenarbeit mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern, dem Land Steiermark sowie Vereinen – insbesondere der Berg- und Naturwacht – entstand am damaligen Ort des Geschehens nun ein würdiger Ort des Erinnerns. Ein Gedenkstein, der ein Zeichen gegen das Vergessen und in Erinnerung an Franz Stachel errichtet wurde.”

Die Initiative für das Gedenken an Franz Stachel entstammt also der Mitte der örtlichen Gesellschaft.

Brisant: Eine Kontextualisierung fehlt; etwa zur Rolle der Polizei im NS-Staat. Die Polizei Steiermark betont zwar, dass Stachel Recherchen zufolge nicht an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt und auch nicht NSDAP-Mitglied gewesen sei. Dennoch war er als Vertreter der Exekutive innerhalb seiner Gemeinde ausführendes Organ der Verordnungen des NS-Staates, zu dem Österreich seit dem Anschluss im Jahr 1938 gehörte. Stachel war Anfang der Dreißigerjahre in den Ruhestand gegangen und erst wenige Monate vor seinem Tod wieder in den aktiven Dienst eingetreten. Die Versetzung jüngerer Polizisten an die Front hatte es notwendig gemacht, bereits Pensionierte zu reaktivieren.

Und noch brisanter: Die Täter wurden zwar nie gefasst. Die Polizeidirektion Steiermark weiß jedoch in einer Pressemitteilung zu berichten, dass es sich mutmaßlich um geflüchtete Zwangsarbeiter aus Polen gehandelt haben dürfte. Laut Ermittlungsakten sollen sie “in der Folge für mehrere schwere Straftaten, unter andere Raub und Mord in Niederösterreich, verantwortlich gewesen sein”. Eine Faktenlage, die die österreichische Tageszeitung Der Standard etwas dürftig fand. Einer anderen Version zufolge waren die Mörder Stachels zwei kroatische Landstreicher.

Sollte es sich bei den Tätern tatsächlich um geflohene polnische Zwangsarbeiter gehandelt haben, so dürften diese unter hohem Druck gestanden haben. Denn gerade polnischen oder sowjetischen Gefangenen drohten im NS-Staat das KZ oder die Hinrichtung, sollten sie auf der Flucht erwischt werden. So ist es nicht von vornherein auszuschließen, dass Stachel getötet wurde, um zu verhindern, dass er die Geflüchteten an die Behörden auslieferte.

Das österreichische Innenministerium zeigte sich nicht gerade begeistert von der Gedenkinitiative und betonte gegenüber dem Standard, dass “Errichtung und Finanzierung des Gedenksteines ausschließlich auf eine lokale Initiative zurückgehen” würden. Auch sei zu kritisieren, dass der Gedenkstein die Rolle der Polizei im NS-Regime nicht erwähne. Den Anforderungen einer zeitgemäßen Erinnerungskultur habe die Initiative nicht Rechnung getragen. Man werde sich an die Landespolizeidirektion Steiermark wenden, damit diese für eine Kontextualisierung sorge. Im Widerspruch zu dieser Distanzierung steht, dass Medienberichten zufolge ein Beamter des Bundesinnenministeriums (BMI) der Republik Österreich namens Joachim Steinlechner in Pinggau zugegen gewesen war.

Mittlerweile scheint auch der erwähnten regionalen Polizeibehörde ihr erinnerungspolitisches Vorgehen nicht mehr ganz geheuer zu sein. Auf Facebook versprach die Polizei Steiermark immerhin, dass durch eine Zusatztafel “die komplexe Geschichte einschließlich der damaligen Rollen innerhalb der Exekutive ergänzt bzw. sichtbar gemacht” werde. Auf der Homepage der Gemeinde Friedberg, zu der Pinggau administrativ gehört, ist die Pressemitteilung zur Einweihung des Gedenksteins nicht mehr auffindbar, sie wurde wahrscheinlich entfernt.

Auch aus der Wissenschaft hagelte es teils harsche Kritik am Vorgehen der lokalen Würdenträger: So forderte Claudia Kuretsidis-Haider vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands eine Kontextualisierung zur Rolle der Polizei im NS-Staat. Ohnehin sei ihr und ihrer Organisation das Anliegen der Gedenkinitiative unverständlich: “Angesichts aller von der Polizei im Nationalsozialismus begangener Verbrechen und der tatsächlich Widerständigen innerhalb der Polizei erschließt sich uns nicht, warum man ausgerechnet an diesen Fall erinnern möchte.” Der Historiker Helmut Konrad erkannte in der Ehrung sogar ein Anzeichen für einen “politischen Klimawandel”. Es sei umso wichtiger, wachsam zu bleiben und die Demokratie zu schützen.

Andere Stimmen wiederum befürworteten eine Ehrung Stachels. Gerade heutzutage sei es wichtig, “an dieses persönliche Schicksal in einer furchtbaren Zeit zu erinnern, die von allen Beteiligten in heutigen Maßstäben unvorstellbare Opfer” abverlangt habe, meinte die Journalistin Margot Jeitler. 1943, das Jahr, in dem der Mord an Stachel geschah, habe zu einer Ära gehört, “die von allen Beteiligten, vom Gendarmen im Dienst bis hin zu den Gejagten, immense Opfer aufbürdete. Eine Zeit, in der Gewalt oft die einzige Sprache war, die noch gesprochen wurde”.

Mittlerweile hat sich auch eine Seite in die Debatte um die Ehrung für den ermordeten Polizisten eingeschaltet, von der man dies nicht erwartet hätte. Waren doch in dem Mordfall – nach allem, was man weiß – keine sowjetischen Bürger verwickelt. Die Wiener Botschaft der Russischen Föderation meldete sich zu Wort (nicht etwas die polnische diplomatische Vertretung, wie man angesichts der Nationalität der mutmaßlichen Täter hätte erwarten können).

Auf ihren Social-Media-Plattformen teilte die Botschaft mit: Man habe die Berichte über die feierliche Einweihung der Gedenktafel zur Kenntnis genommen und halte derartige Veranstaltungen “für äußerst fragwürdig”. Auch die russische Botschaft verwies – wie bereits andere zuvor – auf die “unrühmliche Rolle” der Polizeibehörden im Dritten Reich und nannte als Beispiele ihre Beteiligung “an repressiven Razzien” sowie an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung und sowjetische Kriegsgefangene.

Die offiziellen Vertreter Russlands in Österreich sehen sogar die historische Wahrheit durch die Gedenkzeremonie in Gefahr. Ehrungen wie in Pinggau seien einer Entwicklung förderlich, “die historische Wahrheit über die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zu verfälschen und die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer zu beschönigen”. Die Botschaft der Russischen Föderation werde die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und hoffe, dass eine entsprechende Kontextualisierung “in voller Übereinstimmung mit der historischen Wahrheit” unverzüglich erfolgen werde.

Man kann nur spekulieren, was die russische Botschaft in Wien zu dieser heftigen Reaktion bewogen haben mag. Womöglich ist diese Reaktion unter anderem in den traumatischen Ereignissen von Februar 1945 begründet. Damals war es rund 500 sowjetischen Häftlingen gelungen, aus dem Todesblock des KZs Mauthausen auszubrechen. Die Ausgebrochenen wurden von den nationalsozialistischen Behörden zu “Schwerbrechern” stilisiert, vor denen es die Bevölkerung zu schützen gelte. Eine ungeheure Hetzjagd brach an, die sogenannte “Mühlviertler Hasenjagd”. Nur wenige der aus dem KZ Geflohenen erlebten den Einmarsch der Roten Armee im Versteck, die meisten wurden gefasst und grausam ermordet. Kein Wunder, dass die Botschaft empfindlich reagiert, auch wenn der Polizist aus der Steiermark nichts mit den Vorgängen im Mühlviertel zu tun hatte.

Aus dem Fall Franz Stachel lässt sich ableiten, was für ein heikles Thema die Rolle der Polizei während der NS-Zeit und die Ausbeutung und Peinigung der Zwangsarbeiter noch heute darstellen. Die Motive der Initiatoren auf lokaler Ebene mögen ehrenwert gewesen sein, als sie ein Opfer aus ihrer Mitte Jahrzehnte später ehren wollten. Sie bedachten jedoch nicht, wie eine solche kontextlose Ehrung auf die Vertreter der Nation, aus der ein beträchtlicher Teil der NS-Opfer stammte, wirken musste. Die Folge dieses gedankenlosen Handels ist eine weitere Runde im Streit um das richtige Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus.

Mehr zum Thema – Fragen der Geostrategie vor drohendem Krieg: Europa, quo vadis?



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Tags: AUFBotschaftdenEhrungeinesermordetenNSPolizistenPlanruftRussischeSteiermark
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