
Von Geworg Mirsajan
Die ganze Welt rätselt, welches Land zum nächsten Opfer von Donald Trumps Ambitionen werden könnte. Einige behaupten, dass dies das von inneren Protesten erfasste Iran werden könnte. Manche sagen, dass als Nächstes Mexiko an der Reihe sei, wo lokale Drogenkartelle nach Washingtons Behauptungen eine Sicherheitsbedrohung für die USA und für einfache Mexikaner darstellen würden. Manche sind sich sicher, dass Trump Grönland von Dänemark wegnehmen wird.
Doch immer öfter sprechen US-amerikanische Medien und Politiker von Kuba – einer Insel südlich des US-Bundesstaates Florida, die seit über einem halben Jahrhundert von antiamerikanisch ausgerichteten Kommunisten verwaltet wird. Andrei Pjatakow, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Lateinamerika der Russischen Akademie der Wissenschaften, erklärt der Zeitung Wsgljad:
“Kuba hat eine strategische Bedeutung in der Karibik. Es liegt an einer Kreuzung von Handelsrouten und ist überhaupt eine Art unsinkbarer Flugzeugträger.”
In der Vergangenheit wurde die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba als direkte Bedrohung der nationalen Sicherheit der USA aufgefasst. Heute würde etwa eine Stationierung von chinesischen Militärangehörigen auf der Insel zu einer solchen Bedrohung werden.
Präsident Trump rät der kubanischen Regierung eindringlich, “einen Deal abzuschließen, solange es nicht zu spät ist”, und fordert damit von ihr offenbar, den US-Interessen zu folgen, was die gegenwärtige Regierung ablehnt. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel antwortet:
“Nein, ihr Herren Imperialisten, es ist nicht ihr ‘Hinterhof’ … Wir erkennen weder die Monroe-Doktrin noch Könige noch Kaiser über uns an.”
Washington behauptet, dass die Tage der kubanischen Regierung mit Díaz-Canel an der Spitze gezählt sind. US-Senator Lindsey Graham droht:
“Mein Rat an cid Kommunisten, die Kuba regieren und ihr Volk unterdrücken: Ruft Maduro an und fragt ihn, was zu tun sei – natürlich, wenn ihr ihn erreichen könnt. An eurer Stelle würde ich mir einen neuen Wohnort aussuchen.”
Senator Ted Cruz, ein Sohn kubanischer Emigranten, ist sich sicher, dass die Inselbewohner “die Befreiung von der kommunistischen Diktatur feiern” würden.
Die USA scheinen schon einen neuen Präsidenten für Kuba ausgesucht zu haben. Als “glänzende Idee” bezeichnete Donald Trump, auf diesen Posten seinen Außenminister Marco Rubio einzusetzen, dessen Eltern von der Insel ausgewandert waren. Man könnte das für einen Scherz halten, doch alle verstehen die Ambitionen des Außenministers, der bei einem lebenden J. D. Vance nicht mit dem Posten des US-Präsidenten zu rechnen hat, sowie die Leidenschaft der Nachkommen kubanischer Emigranten. Rubio erzählte von seiner Kindheit:
“Ich brüstete mich damit, dass ich einst eine Armee von Exilanten anführen werde, um Fidel Castro zu stürzen und zum Präsidenten eines freien Kuba zu werden.”
Dabei gibt Trump klar zu verstehen, dass er nicht vorhat, die Insel militärisch zu überfallen. Anscheinend möchte er große Verluste und politische Probleme vermeiden. Im Inland würden die Demokraten von einem illegitimen Krieg sprechen, während im Ausland der Antiamerikanismus zunehmen würde. Von einem moralischen Trauma der US-Elite in Form der missglückten Landung in der Schweinebucht im Jahr 1961 ganz zu schweigen.
Trump ist sich sicher, dass Kuba “von allein fallen” werde. Seine Sicherheit ruht auf wirtschaftlichen Berechnungen oder eher Hoffnungen. Kubas BIP schrumpfte nämlich in den vergangenen sechs Jahren um sechs Prozent, davon allein 2025 um vier Prozent. Und es gibt keine Aussichten auf Besserung. Pjatakow erklärt:
“Kuba erlebt jetzt die Zweitauflage der Sonderperiode – so wurden die für das Land extrem schwierigen 1990er-Jahre bezeichnet. Auch die Bedingungen sind ähnlich – damals verlor Kuba die Sowjetunion als Schlüsselpartner, und jetzt verlor es Venezuela.”
Vor allem wird es kein kostenloses venezolanisches Öl mehr geben. Nach einigen Angaben lieferte Venezuela täglich 25.000 bis 35.000 Barrel Öl auf die Freiheitsinsel. Dies entspricht etwa 50 Prozent des von Kuba benötigten Ölimports – nun fallen sie auf Betreiben der USA aus. Trump behauptete:
“Kuba lebte viele Jahre auf Kosten großer Öl- und Geldlieferungen aus Venezuela. Im Gegenzug leistete es den letzten beiden venezolanischen Diktatoren ‘Sicherheitsdienste’. Nun wird es dies nicht mehr geben.”
Theoretisch könnte das kostenlose Öl durch kostenpflichtiges ersetzt werden. Vor dem Hintergrund des Ausfalls venezolanischer Lieferungen steigt Mexikos Rolle, das Öl an Kuba verkauft. Doch Trump könnte erstens lateinamerikanische Staaten zwingen, die Lieferungen einzustellen, und zweitens eine Seeblockade verhängen, damit keiner der auswärtigen Staaten die Insel retten könnte.
Ohne Öl gibt es keinen Strom. Die Stromversorgung auf der Insel läuft ohnehin mit Unterbrechungen. In einigen Teilen fehlt der Strom für 20 Stunden, im Jahr 2025 war das Erzeugungsvolumen um 25 Prozent niedriger als 2019. Ohne Strom fällt ein bedeutender Teil der Produktion aus. Ein Fünftel der Inselbevölkerung lebt ohne sichere Trinkwasserquellen.
Der Geldzufluss aus dem Ausland ist ebenfalls begrenzt. Der Politologe Igor Pschenitschnikow erklärt der Zeitung Wsgljad:
“Nach dem Zerfall der Sowjetunion überlebten die Kubaner dadurch, dass sie den Gürtel enger schnallten, also an allem sparten, doch auch durch Tourismus und medizinischen Tourismus. Das Niveau der medizinischen Dienstleistungen war dort immer sehr hoch.”
Vor der Pandemie hatte die Insel mit ihrer Bevölkerung von etwa zehn Millionen Menschen jährlich bis zu vier Millionen Touristen empfangen. Gegenwärtig erholte sich der Touristenzustrom lediglich um etwa 50 Prozent. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Probleme und sinkender Lebensqualität selbst in touristischen Gebieten wie Varadero kann Kuba kaum auf einen Ansturm ausländischer Gäste hoffen.
Der Geldmangel beeinträchtigt auch das Sozialsystem. Von 2021 bis 2024 schrumpfte die Anzahl der Ärzte um 29 Prozent, die Säuglingssterblichkeit verdoppelte sich von 2018 bis 2025. In jüngster Zeit waren etwa zehn Prozent der Bewohner gezwungen, die Insel zu verlassen. US-Senator Rick Scott behauptet:
“Die Menschen haben all das satt. Heute ist es ein sehr armes Land, und nachdem sie kein Öl mehr aus Venezuela erhalten werden, wird das Leben dort noch schwieriger. Somit haben wir eine Gelegenheit zur Demokratisierung Kubas.”
Es gibt auch jene, die die Gerüchte über Kubas baldigen Fall für übertrieben halten. Erstens fehlt auf Kuba eine ernst zu nehmende innere Opposition, die es beispielsweise in Venezuela gibt. Freilich versuchen einzelne kubanische Aktivisten, von sich reden zu machen. Jose Daniel Ferrer, der von der kubanischen Regierung zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und später in die USA freigelassen wurde, behauptet:
“Wenn Castros kommunistisches Regime fällt, ist die kubanische Opposition sowohl im Inland als auch im Exil bereit, die Bildung einer Übergangsregierung zur nachfolgenden Demokratisierung mit Unterstützung der USA und anderer ausländischer Akteure auf sich zu nehmen.”
Von einer Organisationsstruktur kann allerdings keine Rede sein.
Zweitens ist da die innere Kraft des kubanischen Volkes. Die Kubaner leben seit Jahrzehnten unter Sanktionen. Darüber hinaus ist die Bevölkerung insgesamt antiamerikanisch eingestellt und wird kaum die Idee einer Rückkehr von US-Kapitalisten auf die Insel unterstützen, die davon träumen, Kuba erneut in ein gesamtamerikanisches Bordell und eine gesamtamerikanische Plantage zu verwandeln.
Und dennoch ist die gegenwärtige Generation der Kubaner nicht die gleiche wie jene Menschen, die in den 1990er-Jahren zu Fidels Lebzeiten lebten. Genauso waren die Sowjetbürger der 1980er-Jahre in Hinblick auf ideologische Festigkeit ganz unterschiedlich von der Generation der 1940er-Jahre. Pschenitschnikow erklärt:
“Ja, die Generation 50+ ist bereit, Widrigkeiten zu ertragen. Sie hassen die US-Amerikaner erbittert, denn sie erinnern sich noch an eine Zeit, als die Vereinigten Staaten die Insel plünderten und jede zweite Kubanerin in Havanna eine Prostituierte war. Doch junge Generationen sehen US-Fernsehen und leben mit dem amerikanischen Traum. Gerade auf sie setzen die USA.”
Laut Pschenitschnikow könnten diese “kubanischen Teenager” auf die Straße gehen und Proteste veranstalten. Somit wird Kubas Schicksal schließlich der innere Widerstand von Eliten und Generationen und nicht der äußere Druck der USA entscheiden.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen in der Zeitung Wsgljad am 13. Januar.
Geworg Mirsajan ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Geboren im Jahr 1984 in Taschkent, erwarb er seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Er war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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