
Von Ilja Kramnik
Die Operation “Epic Fury” gegen den Iran entwickelte sich zum nächsten großen Konflikt des “Drohnenzeitalters” und verdeutlichte eine Reihe von Trends. Insbesondere die erfolgreichen iranischen Angriffe auf Radaranlagen des US-Militärs in den Ländern des Persischen Golfs geben Anlass, über die weitere Entwicklung der Luftverteidigungskräfte nachzudenken.
Fast seit jeher gründeten Luftverteidigungssysteme auf dem Prinzip “inakzeptabler Verlustgrenzen” – die Rede ist von Verlusten für den Gegner, versteht sich. Die Hauptgegner von Luftverteidigungssystemen waren nämlich bemannte Fluggeräte, also mindestens von Menschen in der Kabine gesteuert und vielleicht noch mit weiteren Menschen an Bord. Überschritten nun die Verluste des Gegners – ob einmalig oder regelmäßig – an Luftfahrzeugen und vor allem an deren Besatzungen ein bestimmtes Niveau, war er Gegner zu irgendeiner Reaktion gezwungen: Er musste entweder Zeit und Kraft in eine Anpassung an die neue Realität investieren, oder aber seine Operationen einschränken – von der Beendigung eines bestimmten Kampfeinsatzes (bei hohen einmaligen Verlusten) ganz bis hin zur kompletten Einstellung einer Kampagne (bei hohen regelmäßigen Verlusten).
Das Aufkommen neuer Luftangriffswaffen wie Marschflugkörper veränderte die Lage für den Angreifer zwar etwas, aber nicht wesentlich: Flugabwehrflugzeuge und Langstrecken-Flugabwehrsysteme sowie Seeziel-Lenkwaffen können viele Arten von Marschflugkörper-Trägern in der Luft oder zur See vor dem Start beschießen; und auch Marschflugkörper selbst sind nicht gerade billig – sprich, auch übermäßige Verluste an dieser Art von Munition an die Luftabwehr der verteidigenden Seite sollte der Angreifer vermeiden.
Nun hat das Aufkommen von Drohnen zudem ein weiteres Berechnungsmodell hervorgebracht, das man logischerweise als die Mathematik des Absurden bezeichnen könnte: Wenn man für die Kosten eines Marschflugkörpers – sagen wir, der Tomahawk mit zweiMillionen US-Dollar das Stück – hundert Kamikazedrohnen zu je 20.000 US-Dollar auf ein Ziel losschicken kann, dann – ja, dann sieht die Arithmetik hier so aus, dass es zum Bedienen vieler Ziele völlig ausreicht, wenn lediglich zwei, drei oder vier Drohnen von diesem riesigen Schwarm erfolgreich zum Ziel vordringen können. Und die Wahrscheinlichkeit, dass zwei, drei oder vier vom einhundert Kamikazedrohnen starken Schwarm ihr Ziel erreichen, ist deutlich höher als bei einem einzelnen Marschflugkörper, der aber allein soviel kostet wie der ganze Schwarm.
Bedeutet das, dass Raketen und Marschflugkörper abgeschrieben werden können? Natürlich nicht. Eine ganze Reihe gehärteter, punktueller und insbesondere mobiler Ziele und dergleichen mehr erfordern weiterhin die “Trumpfkarten” in Form von Marschflugkörpern und sogar von ballistischen Raketen.
Doch viele “weiche” Ziele wie Radaranlagen, ungeschützte Industrieanlagen, viele Lagerhallen und dergleichen mehr lassen sich bestens mit deutlich günstigeren Apparaten außer Gefecht setzen.
Raketen und Marschflugkörper müssen ebenfalls radikal angepasst werden, und zwar in puncto Fertigungs- und Einsatzkosten – die USA arbeiten beispielsweise bereits im Rahmen des Projekts ERAM am Marschflugkörper Rusty Dagger. Diese rostigen Dolche werden zwar nicht über die Fähigkeiten der bisherigen luftgestützten Marschflugkörper JASSM, Storm Shadow oder Taurus verfügen – aber bei einem anvisierten Preis von rund 250.000 US-Dollar pro Stück ist dies kein allzu kritisches Problem.
Anforderungen an die Luftverteidigung steigen unter diesen Bedingungen selbstredend drastisch an: Wenn der Angreifer die Fähigkeit erlangt, Ziele mit einer um eine oder gar zwei Größenordnungen höheren Munitionsmenge zu treffen – oder auch nur die Flugabwehrraketen des Verteidigers zu erschöpfen, um dann mit einer “klassischen”, teureren Waffe wie einer Lenkrakete oder einem Marschflugkörper zuzuschlagen –, werden herkömmliche Luftverteidigungssysteme mit Abfanglenkflugköpern und auch zur Flugabwehr eingesetzte Flugzeuge kaum noch mithalten können.
Die technischen Lösungsansätze liegen auf der Hand: die Entwicklung von Abfangdrohnen und kostengünstigeren Flugabwehrraketen, die Wiederbelebung der Flugabwehrartillerie auf der Grundlage unbemannter, wohl auch automatisierter Plattformen, die Entwicklung leistungsfähiger Kampflaser, Patrouillen von Hubschraubern und leichten Flugzeugen etwa mit Maschinengewehren an Bord und so weiter. Ebenso klar ist, dass all diese Lösungen keine Garantien bieten – und die einzige Möglichkeit, 100 Drohnen zuverlässig abzufangen, besteht darin, die Depots zu zerstören, wo sie lagern, bevor der Gegner sie einsetzen kann. Das heißt, dem Gegner bereits die Fähigkeit zu nehmen, die Drohnen einzusetzen. (Ganz gemäß der alten Militärweisheit “Die beste Flugabwehr sind Panzer auf den Flugplätzen des Gegners”. Anm. d. Red.)
Wenn wir uns aber in die Liga der Großmachtkriege begeben, ist es nicht mehr weit zu “Star Wars”: Die Zerstörung der Satellitenkonstellation, ohne die viele Kampfdrohnen den Großteil ihrer Fähigkeiten einbüßen, wäre unter solchen Umständen das erste Gebot der Stunde – und Studien darüber, wie man so etwas mit ganzen “Konstellationen” aus Zehntausenden von Satelliten am geschicktesten anstellt, sind bereits im Gange. Doch die Folgen auch nur eines Versuchs, so viele Satelliten auf einmal vom Himmel zu fegen, könnten unvorhersehbar sein.
Übersetzt aus dem Russischen.
Ilja Kramnik ist Militäranalyst, Experte beim Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten und Forscher an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Diesen Beitrag verfasste er exklusiv für RT.
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