
Am Freitag wurde in Kanada ein weiteres Mal entschieden, die Liste der im Land aufgenommenen Nazi-Kriegsverbrecher weiter geheim zu halten. Diese Liste war bereits im Jahr 1986 entstanden, als es ein erstes Mal eine politische Auseinandersetzung um die in Kanada aufgenommenen NS-Verbrecher und -Kollaborateure gab; Ergebnis war die Einsetzung einer Untersuchungskommission unter Leitung des Richters Jules Deschênes. Die 600 Seiten des Berichts der Untersuchungskommission, auf denen die Namen verzeichnet sind, wurden damals jedoch als geheim klassifiziert.
Wieder in Erinnerung gerufen wurde das Thema, als beim Besuch des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij in Kanada im September 2023 das kanadische Parlament einem vermeintlichen ukrainischen “Widerstandskämpfer” stehende Ovationen zuteil werden ließ, der sich anschließend als Angehöriger der Waffen-SS entpuppte. Verantwortlich für die Einladung dieses Mannes war vermutlich die damalige Finanzministerin Cynthia Freland, selbst Nachfahrin immigrierter Ukrainer ebendieser Generation, die mittlerweile in Kiew die Regierung Selenskij berät.
Die Verbringung eines Großteils dieser ukrainischen Kollaborateure nach Kanada war das Ergebnis eines Arrangements, mit dem ukrainische Angehörige der Waffen-SS, die in Rimini gefangen genommen worden waren, als “displaced persons”, also Kriegsflüchtlinge, in Länder des britischen Commonwealth gebracht wurden. Es handelte sich dabei um die berüchtigte Division Galizien, die auch an Kriegsverbrechen in Weißrussland beteiligt war und unter der heutigen ukrainischen Regierung verherrlicht wird.
The Globe and Mail, Kanadas zweitgrößte Tageszeitung, hatte zusammen mit zwei weiteren Teilnehmern eine Freigabe dieser Namensliste nach dem kanadischen Informationsfreiheitsgesetz beantragt. Erst im vergangenen Jahr hatte die kanadische Nationalbibliothek, Library and Archives Canada, sich geweigert, den zweiten Teil des Berichts herauszugeben, und dabei auf mögliche Schäden für die internationalen Beziehungen Kanadas verwiesen.
Der Antrag von The Globe and Mail richtete sich an die Informationskommissarin, eine vom Parlament bestellte Funktionärin, die bei Fällen nach dem Informationsfreiheitsgesetz als Einspruchsbehörde fungiert. Seit 2018 hat die Juristin Caroline Maynard die Stelle inne. Zuvor war sie in mehreren Beschwerdestellen kanadischer Regierungsbehörden tätig.
Maynard hat nun der Zeitung per E-Mail mitgeteilt, dass sie sich der Argumentation der Nationalbibliothek anschließt. The Globe and Mail schreibt unter Berufung auf Maynards E-Mail:
“Einige Gruppen und Individuen, die von der Regierung konsultiert wurden, ob die geheime Liste freigegeben werden solle, meinten, dies zu tun könne der Ukraine schaden. Sie sagten, die russische Propaganda im Krieg gegen die Ukraine könne von der Enthüllung profitieren, dass ukrainische Nazis unter jenen waren, die nach Kanada kamen.”
Im vergangenen März hatten jedoch US-amerikanische Historiker ein Dokument gefunden, das offenbar ein Entwurf eben dieser Liste ist. Auf diesem Entwurf stehen über 700 Namen. Dieser Entwurf stammt vom 6. Oktober 1986. Der Deschênes-Bericht wurde im Dezember 1986 veröffentlicht.
Auf diesem Entwurf befand sich unter anderem Helmut Oberlander, ein Mitglied der Nazi-Einsatzgruppen (Tötungskommandos, die vor allem aus der Polizei rekrutiert wurden). Die kanadische Regierung versuchte, ihm die kanadische Staatsbürgerschaft absprechen zu lassen. Das Verfahren war aber noch nicht beendet, als Oberlander 2021 im Alter von 97 Jahren starb.
Allerdings stellten die US-Historiker ebenfalls fest, dass zumindest dieser Entwurf einer Liste unvollständig war. Jaroslaw Hunka, eben jenes ukrainische Mitglied der Waffen-SS, das den Skandal im Jahr 2023 auslöste, fand sich nicht auf dieser Liste.
Seit seinem Auftritt wurde der Deschênes-Bericht wieder in Erinnerung gerufen. Die Entscheidung der Informationskommissarin Maynard, die Namensliste weiterhin geheim zu halten, rief nicht nur beim kanadischen Simon-Wiesenthal-Center Irritationen hervor. Angesichts der Tatsache, dass selbst Argentinien inzwischen seine Unterlagen über dorthin geflüchtete Naziverbrecher veröffentlicht hat, ist die Begründung ungewöhnlich. The Globe and Mail zitiert hier den schwedischen Geschichtsprofessor Per Anders Rudling, der gerade auf die ukrainische Diaspora in Kanada spezialisiert ist:
“Unter allen vergleichbaren liberalen Demokratien des Westens sticht Kanada hervor als besonders restriktiv bezogen auf Archivmaterialien über mutmaßliche Kriegsverbrecher.”
Auch die KGB-Archive und jene der Vereinigten Staaten seien längst geöffnet.
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