
Von Andrei Medwedew
Reuters hatte kürzlich fast atemlos vor Aufregung berichtet, Irans neuer Oberster Führer sei ernannt worden – und zwar “von den Revolutionsgarden”.
Im Land gab es interne Diskussionen innerhalb der Eliten darüber, wer der neue Oberste Führer werden sollte. Laut Quellen der Nachrichtenagentur war es das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), das die Kandidatur von Modschtaba Chamenei durchsetzte.
Befasst man sich mit dem Thema, so ist wichtig zu klären, welche Rolle das IRGC im iranischen Machtsystem tatsächlich spielt. Das IRGC wurde am 4. Februar 1979 unmittelbar nach dem Sturz des Schahs Mohammed Reza Pahlavi, der zuvor mithilfe der USA an die Macht gekommen war, gegründet. Iran befand sich nach diesem Sturz in einem Machtvakuum: Das Militär hatte sich von jeglicher Entscheidungsfindung zurückgezogen. Geheim-, Sicherheits- und Spezialdienste und die Polizei existierten praktisch nicht mehr. So vereinigten die Ajatollahs mehrere islamische Gruppen und Revolutionskomitees in Teheran sowie deren bewaffnete Einheiten unter einem einzigen Kommando.
Offiziell wurde die Gründung des IRGC im Mai 1979 verkündet. Die Aufgabe der Garden war es, die Ordnung aufrechtzuerhalten, jegliche Auswüchse von Konterrevolution zu bekämpfen und das Militär sowie die Behörden zu unterstützen. Sie war irgendetwas zwischen einer Volksmiliz, einer parallelen Sicherheits- und Militärstruktur und einem separaten Regierungssystem.
In allen größeren Städten entstanden Zweigstellen der Revolutionsgarde, die ihre Konkurrenten rasch unterdrückten – wobei sie gegen Linke aller Art und vor allem Kommunisten sowie gegen Kurden besonders hart vorgingen. Dann begann der Krieg gegen den Irak, und das IRGC erwies sich als äußerst schlagkräftige Einheit. Wie hätte es auch anders kommen können? Wenn doch alle Mitglieder des Korps Freiwillige sind, durch religiöse Ideale vereint, wenn sie Fanatiker im wahrsten, aber auch im guten Sinne des Wortes sind?
Ein bedeutender Teil der heutigen IRGC-Führung sind Veteranen jenes Krieges.
Der berühmte Qassem Soleimani war damals Leutnant und befehligte eine Aufklärungs- und Sabotagegruppe. Ironischerweise war ausgerechnet er es, der viele Jahre später Bagdad rettete und im Jahr 2014 den Vormarsch der Terrormiliz “Islamischer Staat” aufhielt.
Mit anderen Worten: Die Revolutionsgardisten wurden für Iran mehr als nur parallele bewaffnete Streitkräfte. Das Korps ist zudem eine politische Struktur, eine Kaderschmiede für Führungskräfte und ein separater Geheimdienst. Gerade die Anführer der Revolutionsgarden waren es, die an der Umsetzung der Idee eines “schiitischen Gürtels” von Pakistan bis zum Libanon unter Teherans Kontrolle arbeiteten.
Unter der Führung der Revolutionsgarden steht die Bassidsch-Miliz, eine Streitmacht von mehreren Millionen Mann. Doch die Revolutionsgarden befassen sich nicht nur mit Krieg und Politik – sondern etwa ein Drittel der iranischen Wirtschaft ist ebenfalls das Korps, sei es Bauwesen, Erdöl, Bankwesen, Kryptowährungen oder IT.
Und was ist jetzt also geschehen? Lange Zeit existierten in Iran ein säkularer und ein religiöser Zweig der Regierung nebeneinander – und das recht ausbalanciert, wenn auch nicht immer gerade friedlich. Beide verfolgten im Wesentlichen dasselbe Ziel: letztendlich eine Übereinkunft mit dem Westen zu erzielen, um die Sanktionen loszuwerden und in die Weltwirtschaft zurückzukehren. Doch innerhalb der Revolutionsgarden gab es stets auch etwas anders ausgerichtete, radikalere Strömungen. Besonders in Soleimanis Umfeld (und nach seiner Ermordung durch die US-Amerikaner auch unter den jungen Offizieren) waren viele auf deutlich andere Ziele gebürstet: die Konfrontation mit dem Westen sowie der Aufbau eines persischen Nationalstaats in Iran, basierend auf dem Islam und den Traditionen der alten persischen Reiche.
Vielen Experten zufolge bilden diese jüngeren, weniger vorsichtigen und eher hartgesottenen Mitglieder der Revolutionsgarde den engsten Kreis des neuen Obersten Führers. Überdies sind sie die wichtigste Garantie seiner Macht.
Weniger radikale iranische Politiker haben derzeit wenig Einfluss, da die Revolutionsgarde ihnen gegenüber ein klares und direktes Totschlagargument hat:
“Haben euch eure Verhandlungen geholfen? Haben sie euch viel gebracht?”
Tja: Dem kann man momentan ja auch nicht gerade widersprechen. Radikale religiöse Führer werden oft durch noch radikalere ersetzt. Und in der aktuellen Situation bleibt Modschtaba Chamenei und der Revolutionsgarde gar keine andere Wahl, als radikal und hart vorzugehen. Der einzige Weg, das Land zu erhalten, ist der Aufbau einer militärisch ausgerichteten Volkswirtschaft und eines Militärstaates. Das war ganz offensichtlich nicht das, was Washington und Tel-Aviv bezweckten: Sie waren sich sicher, dass der Tod des Obersten Führers das Land schwächen würde.
Und nun schreibt schon der Telegraph, die USA stünden vor einem “zweiten Vietnam”. Wo die Amerikaner angeblich alle Schlachten gewonnen hätten, aber den Krieg trotzdem verloren.
Und dann brauchten sie noch an die zehn Jahre, um sich von dem Schock zu erholen. Die neue Generation der derzeit an der Macht befindlichen Revolutionsgarden-Führer hingegen fürchtet nicht nur keine US-Bodenoperation, sondern erwartet sie geradezu mit Ungeduld.
Da fragt man sich glatt: Wer hat Washington denn mit Aufklärungsdaten und Analysen versorgt?
Selbst der mögliche Tod Modschtaba Chameneis, wie die Sun berichtete (nach anderen Daten desselben britischen Blattes sei ihm angeblich nach einem US-Luftangriff ein Bein amputiert worden und er liege im Koma; auch US-Kriegsminister Pete Hegseth erklärte Ähnliches), hätte keinerlei Auswirkungen. Iran wird sich in jedem Fall nur immer weiter radikalisieren, und die Rolle der Revolutionsgarden als der traditionell einzigen Institution, die das Land inmitten von Chaos regieren kann, wird nur noch zunehmen.
Übersetzt aus dem Russischen.
Andrei Medwedew ist ein russischer Fernsehjournalist mit nahezu 30 Jahren Erfahrung. Er arbeitete als Kriegsberichterstatter der Sendung “Westi” in Tschetschenien, in Serbien (darunter im Kosovo), Nordmazedonien, Palästina, Afghanistan, Pakistan, Südossetien und im Irak. Er ist stellvertretender Leiter der Direktion für Informationsprogramme des Konzerns WGTRK, Abgeordneter der Moskauer Stadtduma (seit 2019) und deren stellvertretender Sprecher (seit 2021).
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