
Am 9. März meldete das türkische Verteidigungsministerium, dass eine aus Iran abgefeuerte ballistische Rakete im türkischen Luftraum neutralisiert worden sei. “Einige Munitionsfragmente fielen in einem unbewohnten Gebiet in der Provinz Gaziantep nieder. Es gab keine Opfer oder Verletzten infolge des Vorfalls”, hieß es in der Erklärung. Nach dem Vorfall erklärten die Behörden, dass die Türkei alle notwendigen Maßnahmen gegen jegliche Bedrohungen des türkischen Territoriums und Luftraums ergreifen werde. Am selben Tag wurde der iranische Botschafter in das türkische Außenministerium einbestellt.
Zuvor, am 4. März, war in der Provinz Hatay ein Munitionsfragment niedergefallen. Die NATO verurteilte Iran für seinen “Angriff auf die Türkei”. Wie die türkische Zeitung Cumhuriyet jedoch berichtete, sei es wahrscheinlicher, dass das Geschoss auf die US-Präsenz in Syrien, ein US-Schiff im östlichen Mittelmeer oder britische Stützpunkte in der Republik Zypern gerichtet worden war. “Es ist auch möglich, dass solche Raketen außer Kontrolle geraten und ihre Flugbahn ändern können. Kurz gesagt, die Behauptung, dass die Rakete direkt auf die Türkei abzielte, ist eine Provokation seitens der USA/NATO”, schrieb das Blatt.
Die Zeitung wies darauf hin, dass die Haltung Ankaras die USA nicht zufriedenstelle. Washington will, dass seine Verbündeten gegen Teheran auftreten. “Daher muss jede Entwicklung, die eine Positionsänderung erzwingen könnte, von Ankara mit größter Sorgfalt analysiert werden”, so das Blatt.
Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan kommentierte am 9. März den Abschuss der iranischen Rakete im türkischen Luftraum:
“Trotz unserer aufrichtigen Warnungen werden weiterhin äußerst falsche und provokative Schritte unternommen, die die Freundschaft mit der Türkei gefährden. Es sollte nicht zu einer Auseinandersetzung führen, die (…) einen Schatten auf unsere tausendjährige Nachbarschaft und Brüderlichkeit werfen würde.”
Der iranische Staatschef Massud Peseschkian erklärte seinerseits, dass die Rakete nicht vom Territorium der Islamischen Republik aus abgefeuert worden sei. Er schlug vor, eine Untersuchungskommission einzurichten, um den Vorfall zu ermitteln.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat mit seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi telefoniert. Fidan bezeichnete die Attacke als inakzeptabel und betonte, dass Ankara alle Maßnahmen für die Verteidigung des türkischen Luftraums weiterhin ergreifen werde. Araghtschi seinerseits versprach, eine gründliche Untersuchung durchzuführen.
Während der aktuellen Eskalation im Nahen Osten habe sich die Türkei aus dem Konflikt herausgehalten, schrieb die Zeitung Iswestija. Ankara, das traditionell versuche, auf zwei Stühlen zu sitzen, ziehe es vor, keine der Parteien zu unterstützen. Dieser Ansatz sei typisch für Ankara, das daran gewöhnt sei, zu manövrieren.
Die Türkei, die versucht, zu lavieren, soll in den Krieg im Nahen Osten hineingezogen werden. Diese Meinung vertritt Wladimir Awatkow, Leiter der Abteilung für den Nahen und den postsowjetischen Osten am Institut für wissenschaftliche Information über Sozialwissenschaften der Russischen Akademie der Wissenschaften und Professor am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Moskauer Staatlichen Linguistischen Universität. Awatkow zufolge seien daran sowohl die USA interessiert, die nicht wollen, dass Ankara eine eigenständige Politik verfolgt, als auch Israel, das die Türkei nach Iran als zweites Ziel potenzieller Angriffe bezeichnet. In einem Gespräch mit Iswestija sagte der Experte: “Die Türkei wird in den Konflikt hineingezogen. Warum sollte Iran das tun, nachdem er bereits erklärt hat, dass er keine Angriffe auf die Türkei und Aserbaidschan durchgeführt hat?”
Was geschieht, liege eindeutig nicht im Interesse Teherans. “Aber die USA und Großbritannien brauchen das, ganz zu schweigen von Israel. Ich möchte daran erinnern, dass es schon immer eine starke Lobby dieser beiden Länder im türkischen Verteidigungsministerium gab. Unabhängig von der Realität iranischer Bedrohung für die Republik muss man in dieser konkreten Situation auf die Aktivierung dieser Lobby und der Konfrontation zwischen den Clans innerhalb der Türkei hinweisen, die ihre westlichen ‘Verbündeten’ unbedingt nutzen werden”, betonte Awatkow.
Er wies auch darauf hin, dass Iran seine Rhetorik verändert habe. Teheran erklärte, dass die Türkei zum ständigen Ziel der iranischen Raketen werden könnte, sollte Ankara die USA bei den Angriffen auf Iran weiterhin unterstützen. “Das ist, was sich verändert hat. Anscheinend hat die Türkische Republik informell begonnen, den USA Hilfe zu leisten”, so der Experte. Er warnte, dass diese Entscheidung seitens Ankaras negative Folgen für die Türkei haben werde: “Der Druck war natürlich enorm. Aber es wird bittere Folgen geben.”
Laut dem türkischen Militärexperten Abdullah Ağar könnte die Türkei von der Situation, in der sie sich befindet, profitieren. Ankara könnte als Vermittler auftreten und “zu einem wichtigen Ausgleichsfaktor im Prozess einer möglichen Umgestaltung des gesamten Nahen Ostens werden”, betonte der Experte in einem Gespräch mit Iswestija. Ihm zufolge handelt es sich nicht nur um den Regimewechsel in Iran, sondern auch um den Kampf um die Kontrolle über das “Tor zu Asien”. In dieser Situation könnte Ankara “einen Einfluss darauf nehmen, in welcher Allianz die Turkländer und die Länder Zentralasiens vor dem Hintergrund der globalen Rivalität zwischen den USA und China sein werden”, sagte Ağar.
Laut den Experten Sinan Ciddi und William Doran von der US-amerikanischen Stiftung zur Verteidigung von Demokratien (Foundation for Defense of Democracies, FDD) prüfe die Türkei derzeit, welchen Nutzen sie aus dem Konflikt ziehen könne. Den Experten zufolge könnte die Kurdenfrage ein entscheidender Faktor sein, der Ankara in den Krieg hineinzieht. Sollte in Iran die Zentralmacht schwächer werden, dann könnten Kurden, die mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbunden sind, die Ankara als terroristische Organisation betrachtet, im Nordwesten aktiver werden.
Die Experten wiesen jedoch darauf hin, dass die Türkei einen großen Krieg in der Region befürchte. Ankara sei sich darüber im Klaren, dass eine groß angelegte Militäroperation sowohl politische als auch wirtschaftliche Risiken für das Land birgt. Sollte es zum Einsatz der türkischen Armee kommen, dann würde er begrenzt sein, betonten die Experten.
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