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In Berlin und Frankfurt: Ein deutscher Herbst mit Mussorgski

rtnews by rtnews
31/12/2025
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Die Opern von Modest Mussorgski waren im ausgehenden Jahr im deutschsprachigen Raum gleich auf mehreren Bühnen zu sehen. Der Komponist erhob russische historische Dramen auf das Niveau universeller Tragödien. Selbst bei politischer Einfärbung sind die Aufführungen objektiv ein Affront gegen rassistischen Antirussismus.

Von Wladislaw Sankin

Modest Petrowitsch Mussorgski wurde zu Lebzeiten als Genie nicht besonders anerkannt. Zerzaust und krank, in einem fremden Bademantel, blickt er auf seinem berühmten Sterbeporträt irgendwo in die Ferne. Aber sein Blick ist nicht der Blick eines gebrochenen, enttäuschten Menschen. Im Gegenteil, dieser Blick ist streng und fest, man sieht, dass er einem Manne gehört, der den Sinn des Lebens erkannt hat.

Wahrscheinlich hat Modest Petrowitsch ebenso aufmerksam die russische Geschichte betrachtet. Er suchte darin nach Stoffen für seine beiden berühmten Opern und fand darin universelles Material, das für jeden Menschen auf diesem Planeten verständlich ist, unabhängig von seinem Geburtsort. Es ist bekannt, wie schwer und langwierig Mussorgskis Schaffen war. Aber seine Suche und sein Streben haben sich gelohnt. Die neuen Ansätze in der Operndramaturgie, die musikalischen Neuerungen und der Realismus in der Darstellung russischer Charaktere, für die er zu Lebzeiten gekämpft hatte, fanden damals keinen Anklang. Aber gemessen an der Karriere seiner Musikwerke nach seinem Tod im Alter von nur 42 Jahren ging Mussorgski aus all seinen Kämpfen als unbedingter Sieger hervor. Bedeutet das, dass er vor fast 150 Jahren seinem Triumph entgegenblickte?

Es scheint so. Denn anders als einen Triumph kann man es nicht nennen, dass seine beiden Opern im November gleichzeitig in zwei deutschen Städten aufgeführt wurden – “Chowanschtschina” in Berlin und “Boris Godunow” in Frankfurt. Insgesamt 11 Mal traten Hunderte von Künstlern in beiden Theatern auf, sangen im Chor und einzeln für das deutsche Publikum und erzählten in einer für es unverständlichen Sprache Geschichten, die sich im Russland des 17. Jahrhunderts zugetragen hatten. In Berlin waren die vier “Chowanschtschina”-Abende eine Wiederaufnahme der Neuinszenierung aus dem Vorjahr, in Frankfurt eine Neuinszenierung. Im ausgehenden Jahr gab es darüber hinaus Neuinszenierungen von “Chowanschtschina” auch in Genf und Salzburg.

In beiden Fällen sieht man das vorpetrinische Russland auf der Bühne. Das ist auf den ersten Blick etwas seltsam. Denn die Zeit vom Tod Iwans des Schrecklichen bis zum Beginn der Herrschaft Peters, dieses lange 17. Jahrhundert, ist keine Geschichte für Hochglanzillustrationen. Diese Zeit politischer Turbulenzen war voller Intrigen um den Thron, brutaler Morde, Aufstände und ausländischer Interventionen. Der realistische Dramatiker Mussorgski wollte all diese Umwälzungen ungeschönt zeigen, ohne Partei zu ergreifen.

Was zeigte er also in “Chowanschtschina” und “Boris Godunow”? Ein Land wie jedes andere, mit denselben Problemen, politischen Intrigen, Willkür, Thronfolgekämpfen, religiösen Kriegen und Volksaufständen. Er zeigte es ehrlich und schnörkellos. Das ist neben der Musik der Grund, warum die beiden historischen Opern Mussorgskis regelmäßig auf der ganzen Welt aufgeführt werden. Anhand von absolut russischem Material, mit einer Vielzahl von Volksliedern und russischen Mundarten zeigte der Komponist anhand der russischen Historie nicht etwas spezifisch Russisches, sondern etwas Universelles, Menschliches.

Eine Szene aus “Boris Godunow”.Oper Frankfurt

Die Kunstwissenschaftlerin Olga Martynowa vergleicht Mussorgskis Werke mit Shakespeares “Macbeth” oder “Hamlet”:

“Was ist so typisch russisch an ‘Chowanschtschina’? Tyrannei? Fanatismus? Das Leiden des Volkes? Willkür der Macht? Der Wahnsinn der Liebe? Das Fehlen einer klaren Grenze zwischen Gut und Böse? Das Fehlen von Antworten und Lösungen? Wenn all dies nur für Russland charakteristisch wäre, wäre diese Oper nicht eine der meistgespielten der Welt.”

Als sie die Darsteller im ausverkauften Saal der Staatsoper in Berlin zu einer Zugabe aufriefen, applaudierten die deutschen Zuschauer nicht nur der hervorragenden Darbietung der wunderschönen Musik, nicht nur der Arbeit des Regisseurs, des Orchesters und der Truppe, sondern auch dem neuen Verständnis der russischen Geschichte, das sie dank “Chowanschtschina” gewonnen hatten: Russland ist ein Land wie jedes andere auch. Möglicherweise aufgrund der besonderen Komplexität seines historischen Weges verlaufen viele Prozesse dort besonders ausgeprägt. Aber auch in diesem “russischen” Weg erkennen sie intuitiv ihre eigene Geschichte mit Religionskriegen, feudalen Fehden und Usurpationen wieder.

Eine Szene aus “Chowanschtschina”.Staatsoper Unter den Linden

In einer Zeit, wo in der westlichen politischen Denkweise Moralismus und Hochmut gegenüber Russland dominieren, ist dieses unerwartete Verständnis viel wert. “Da ist nichts spezifisch Russisches drin. So etwas gibt es auch bei uns”, brachte es eine Zuschauerin bei einem Smalltalk am Buffet auf den Punkt.

Auch in “Boris Godunow” werden der von Gewissensbissen geplagte Zar und der von Eitelkeit verzehrte Falsche Dmitri zu universellen Symbolen. In der Oper Frankfurt wird das Drama dieser beiden Figuren äußerst authentisch und ehrlich dargestellt. Und hier, genau wie in Berlin, brach das Publikum nach jeder der sieben Aufführungen in zehnminütige Ovationen aus.

In beiden Fällen versuchten die Regisseure – Keith Warner in “Godunow” und Claus Guth in “Chowanschtschina” – sich von den historischen Bildern zu lösen, die an die dargestellte Epoche gebunden sind. Die meisten Szenen in “Chowanschtschina” wurden mit der Kamera gefilmt und auf die Leinwand projiziert, wodurch sie zu einer historischen Chronik wurden. Und im berühmten Prolog “Morgendämmerung an der Moskwa” sehen wir statt der üblichen Landschaften oder der Silhouetten des Kremls den Sekretär der Präsidialverwaltung im heutigen Russland, der Papiere zur Unterschrift bringt.

In der Arie des Fürsten Schaklowity über das “unglückliche” Russland werden in die Aufnahmen der Dokumentarchronik aus der Zeit des Bürgerkriegs Szenen von Protesten Nawalnys und Kämpfen auf dem Kiewer Maidan eingeflochten (Letzteres zeigt wohl unfreiwillig, wie ukrainische Ereignisse als Teil der russischen Geschichte rezipiert werden). Die Botschaft ist klar: Egal, welches Jahrhundert wir gerade erleben, ob nun das 17., 20. oder 21. – Russland wurde und wird immer von denselben Widersprüchen zerrissen. Ob er es will oder nicht, der deutsche Regisseur festigt mit dieser Absichtlichkeit nur die Vorstellung von einem “ewigen”, zeitlosen Russland, die der Zuschauer dank der Universalität der gezeigten Konflikte und Dramen ohnehin schon nach dem Anschauen der Oper mit nach Hause nimmt.

Das Gleiche gilt für “Boris Godunow”. Die Pristawe, die “Polizisten” des frühen 17. Jahrhunderts, die in der Oper wehrlose Menschen drangsalieren, sind nicht nur Grobiane. Sie tragen auch sehr gut erkennbare Mäntel und Mützen, die an die berüchtigten NKWD-Beamten erinnern. Braucht man hier wirklich solche Klischees aus der Stalin-Zeit, wenn das ganze Volksdrama (so nannte Mussorgski seine Opern) für sich selbst spricht? Aber das ist schon eine Frage des Geschmacks. In der aktuellen politischen Lage “muss” wohl das Thema der vermeintlichen Tyrannei in Russland einfach hervorgehoben werden. Andernfalls könnte man sich ernsthaft die Frage stellen, ob es überhaupt sinnvoll ist, russische Opern auf europäischen Bühnen aufzuführen. Gegen die Aufführung in Frankfurt gab es bereits Proteste.

Aber der Zuschauer denkt nicht an “-Ismen”, wenn er erschüttert den Saal verlässt. Sondern an die Kraft der Kunst, an die Qualen von Boris, an Otrepjews Machtgier und an den verräterischen Wankelmut der Menge (“Boris Godunow”). Und auch an den Preis für die flüchtige Freiheit der Strelizen, an die Einsamkeit der Usurpatoren und an den Fatalismus der schönen Marfa und Dossifei (“Chowanschtschina”).

Im heutigen politischen Moment sind rassistische Vorbehalte gegen Russen wieder in Mode. Wir leben in einer Zeit, in der man sich ernsthaft fragt, ob man es wagen darf, die Russen in Kunst und Dokumentarfilmen “vermenschlicht” darzustellen. So wie über Russen in den Medien geredet wird, spricht man über Tiere und seelenlose Gegenstände. Manch einen Zuschauer kostete deshalb der Besuch eine Überwindung (“Ich wollte mit Russland eigentlich nichts mehr zu tun haben” – Zitat aus der Podiumsdiskussion in Frankfurt nach der Aufführung). In dieser seltsamen Zeit der neuen Russophobie und des neuen Eisernen Vorhangs ist es besonders viel wert, universelle Phänomene dann ausgerechnet am Beispiel der Charaktere aus den russischen historischen Volksdramen zu lernen.

Mehr zum Thema – “Die Nacht vor Weihnachten”: Wie ein deutscher Regisseur eine russische Oper vorm Vergessen bewahrte



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Tags: BerlindeutschereinFrankfurtHerbstmitMussorgskiund
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