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Gedenken an Nanking-Massaker von gegenwärtigen Spannungen überschattet

rtnews by rtnews
14/12/2025
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China beging an diesem Samstag das Gedenken an den 88. Jahrestag des Massakers von Nanking. In diesem Jahr, dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, der auch in China tobte, sind die Gedenkfeierlichkeiten von zunehmenden Spannungen mit Japan geprägt.

Von Astrid Sigena

Als am 13. Dezember 1937 japanische Truppen die damalige chinesische Hauptstadt Nanking besetzten, begannen für die dort zurückgebliebene Bevölkerung Wochen unsäglicher Gräuel. Etwa 300.000 chinesische Zivilisten und Kriegsgefangene wurden ermordet, rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt (weshalb im englischen Sprachraum auch oft von “the rape of Nanjing” die Rede ist). Die Opfer wurden von den Japanern erschossen, mit Bajonetten erstochen, mit Schwertern geköpft, verbrannt oder lebendig begraben.

Die Bewertung der Tötungen von Nanking ist seit Langem ein Streitpunkt in den chinesisch-japanischen Beziehungen. So fiel es dem damaligen japanischen Premierminister Shinzo Abe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes schwer, eine eindeutige Entschuldigung für japanische Untaten zum Ausdruck zu bringen. Insbesondere die jetzige japanische Premierministerin Sanae Takaichi tat sich in den 90er-Jahren mit ihrer Kritik an japanischen Politikern hervor, die Abbitte für die von Japan ausgehenden Angriffskriege und der japanischen Kolonialherrschaft leisten wollten.

Zusammen mit anderen Ausländern versuchte damals der deutsche Kaufmann und dortige Siemens-Repräsentant John Rabe, eine Sicherheitszone für die von einem schrecklichen Tod bedrohten Chinesen in Nanking zu errichten. Mehr als 200.000 Menschen sollen dadurch gerettet worden sein. Rabes Tagebuch ist ein wichtiges Zeitzeugnis für den Hergang der japanischen Verbrechen in Nanking. Es verwundert deshalb nicht, dass auf einer Konferenz in der chinesischen Botschaft mit dem Thema “China Germany Relations: Historical Memories and Responsibilities of our Time” auch Thomas Rabe, der Enkel des “Oskar Schindler von Nanking”, als Gast zugegen war.

Der Sinologe Eberhard Sandschneider kritisierte auf der Veranstaltung das eurozentrische Geschichtsbild in Deutschland: “In unseren Schulen lernen wir, dass der Zweite Weltkrieg 1939 begann – das ist falsch.” Der Zweite Weltkrieg habe vielmehr mit dem japanischen Angriff auf China im Juli 1937 begonnen. Trotz aller Abkühlung im deutsch-chinesischen Verhältnis und der Kritik an Chinas Haltung im Ukraine-Krieg zeigte sich, dass John Rabes Rettungstat immer noch eine verbindende Brücke zwischen China und Deutschland baut, ebenso wie die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge (darunter vieler Deutscher) in der chinesischen Hafenstadt Shanghai während des Holocausts. Der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser formulierte es in seiner Würdigung John Rabes so: “Sein Vermächtnis ist ein Symbol für Werte, die heute wieder dringend gebraucht werden.”

Die chinesischen Hauptfeierlichkeiten zum Gedenktag des Massakers fanden an der nationalen Gedenkstätte in Nanking statt. Tausende dunkel gekleidete Menschen versammelten sich dort; sie trugen weiße Blumen an der Brust, um der Ermordeten zu gedenken, darunter Überlebende, Schüler aus der Region und internationale Gäste. Während der Gedenkfeierlichkeiten wurde die chinesische Nationalflagge auf Halbmast gesenkt, Soldaten legten zur Totenehrung Kränze nieder. Auch eine Friedensglocke wurde geläutet und Tauben freigelassen. Um 10:01 Uhr Ortszeit signalisierte eine Sirene den Beginn einer Gedenkminute. Die ganze Innenstadt kam zum Stillstand. Auch Hongkong und Macao gedachten der Opfer der japanischen Massaker vor fast 90 Jahren.

Registriert wurde das Fehlen des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping bei der Veranstaltung. Er nahm wie in den Vorjahren nicht am Gedenken am Ort des Verbrechens teil. Stattdessen soll sich der frühere Gouverneur der Provinz Jiangsu (in der Nanking liegt) und KPCh-Würdenträger Shi Taifeng mit den Worten geäußert haben: “Die Geschichte hat bewiesen und wird auch weiterhin beweisen, dass jeder Versuch, den Militarismus wiederzubeleben, die internationale Nachkriegsordnung in Frage zu stellen oder den Weltfrieden und die Stabilität zu untergraben, von allen friedliebenden und nach Gerechtigkeit strebenden Völkern der Welt niemals toleriert werden wird und zum Scheitern verurteilt ist.” Eine Äußerung, die man wohl als Anspielung auf die gegenwärtige japanische Politik verstehen muss.

Kaum eine chinesische oder auswärtige Pressemeldung verzichtete denn auch bei der Schilderung der Feiern auf die Bemerkung, dass die Gedenkfeierlichkeiten in eine Zeit fallen, in der die Spannungen zwischen China und Japan sich wieder deutlich verschärfen, insbesondere seit dem Amtsantritt der neuen japanischen Premierministerin Takaichi Ende Oktober 2025. Takaichi gilt als “nationalistische Hardlinerin”, die während ihrer Zeit als Ministerin auch mehrmals den Yasukuni-Schrein besucht hatte. Der Yasukuni-Schrein stellt für die Nachbarländer, die Opfer japanischer Aggression geworden waren und ein ohnehin nur geringes japanisches Schuldbewusstsein beklagen, ein Symbol für den Militarismus des Inselstaates dar, weil dort auch Kriegsverbrecher geehrt werden.

In diesem Herbst verzichtete Takaichi jedoch auf einen Besuch dieses Schreins, wohl um die Stimmung kurz vor ihrer Wahl nicht zusätzlich anzuheizen.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahme stehen die Zeichen auf Konfrontation zwischen Japan und China. Ende November hatte Japan angedroht, im Falle einer Taiwan-Krise militärisch einzugreifen. Auch von einer Stationierung japanischer Raketen auf einer weniger als 200 Kilometer von der einstmaligen japanischen Kolonie Taiwan entfernten Insel namens Yonaguni ist die Rede. Dieses Ansinnen rief eine offizielle Warnung Chinas hervor (RT DE berichtete). Peking bestellte sogar den japanischen Botschafter in China ein, der chinesische Generalkonsul in Osaka warnte: “Wer den Kopf herausstreckt, dem wird er abgeschlagen.” Derzeit wird von Analysten ein riskanter Kurswechsel in der japanischen Politik sowie eine Wiedererweckung des überwunden geglaubten japanischen Militarismus konstatiert; beides diene einer Einbindung Japans in die US-amerikanische Konfrontationspolitik mit China. Alles im allem ist das eine Entwicklung, die auch Russland Sorge bereitet. Medienberichten zufolge absolvieren russische und chinesische Kampfjets mittlerweile gemeinsame Patrouillenflüge.

Die Konfrontation zwischen China und Japan wird nicht nur mit Worten geführt: Neben Reisewarnungen, einem Importverbot für japanische Meeresfrüchte sowie der Behinderung von Auftritten mehrerer japanischer Musiker in Shanghai (die immerhin den US-amerikanischen Botschafter in Tokio George Glass zu einer Reaktion auf X verleitete) kam es in den vergangenen Wochen auch zu ernst zu nehmenden Zwischenfällen: So hätte es Anfang Dezember beinahe einen Zusammenstoß zwischen japanischer und chinesischer Küstenwache unter Beteiligung eines japanischen Fischereischiffes vor den zwischen beiden Ländern umstrittenen Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln gegeben. Bereits zwei Wochen vor dem Vorfall war die chinesische Küstenwache in die Gewässer der unbewohnten Inseln vorgedrungen. Und erst vor wenigen Tagen meldete Japan, chinesische Kampfjets hätten japanische Flugzeuge mit ihren Feuerleitradaren erfasst (was als eine Form von Bedrohung gilt). Die chinesische Regierung wiederum wirft dem japanischen Militär vor, die chinesischen Flugzeuge bei ihren angekündigten Übungen gestört zu haben. Das Säbelrasseln in Fernost ähnelt also sehr den Vorfällen zwischen der NATO und Russland, die insbesondere aus dem Baltikum berichtet werden.

Wie scharf der Streit um die düstere Vergangenheit der japanischen Verbrechen auf chinesischem Boden geführt wird, macht ein Bild deutlich, das das Ostkommando der chinesischen Volksbefreiungsarmee, also der regulären chinesischen Streitkräfte, zum 88. Jahrestag gepostet hatte. Das Ostkommando hat seinen Hauptsitz in Nanking, dem Schauplatz der damaligen Verbrechen, sein Aufgabenbereich umfasst Ostchina, die Taiwanstraße sowie das Ostchinesische Meer. Auf den chinesischen Social-Media-Plattformen WeChat und Weibo veröffentlichte das regionale Militärkommando die Abbildung eines von Japan her nach dem chinesischen Festland greifenden Skeletts (an der Mütze als japanischer Soldat erkennbar), das von einer starken Hand, die ein bereits blutiges Schwert schwingt, geköpft wird. Als Titel des Posters ist 大刀祭 (Dadaoji) zu lesen, was als “Großschwert-Opfer” oder “Großschwert-Ritual” wiedergegeben werden kann und sowohl auf die Tötung der Bewohner von Nanking als auch auf die Niederringung des Militarismus anspielt.

Der dazugehörige Text ist eine eindeutige Warnung vor einer Wiederkehr des japanischen Militarismus: “Am 13. Dezember 1937 fiel Nanking in die Hände japanischer Invasoren, wobei 300.000 Landsleute brutal massakriert wurden. Achtundachtzig Jahre später ist das Blut unserer gefallenen Helden noch immer frisch, während das Gespenst des Militarismus zurückgekehrt ist. Der jährliche Nationale Gedenktag läutet eine ohrenbetäubende Alarmglocke und erinnert uns daran, das blutbefleckte Zeremonialschwert hochzuhalten, entschlossen den schmutzigen Kopf abzuschlagen und niemals zuzulassen, dass der Militarismus zurückkehrt oder sich die Tragödien der Geschichte wiederholen.”

Dazu brachte das Medienzentrum des Ostkommandos noch ein Gedicht in vier Versen: “Seit fast einem Jahrtausend richten die östlichen Barbaren Verwüstungen an; ihre blutige Feindschaft ist uns noch immer lebhaft vor Augen. Unbeugsam und furchtlos brennt in unseren Herzen gerechter Zorn; wohin unsere langen Schwerter zeigen, wird der Rauch des Krieges unterdrückt werden.” Andere Übersetzungen geben den chinesischen Ausdruck, der hier als “östliche Barbaren” umschrieben wird, mit “Zwergen im Osten” oder “japanische Piraten” wieder – es handelt sich jedenfalls um einen despektierlichen Begriff für die Japaner. Ein Zeichen, wie schrill der Tonfall zwischen China und Japan mittlerweile wieder geworden ist. Chinesische Medien interpretierten die Veröffentlichung als eine Ermahnung, die Opfer des Massakers von Nanking zu ehren und sich dem Militarismus zu widersetzen.

Ähnlich wie in Europa sind auch in Asien die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs (frei nach dem Historiker Ernst Nolte) “eine Vergangenheit, die nicht vergehen will”. Insbesondere heutzutage vermischt sich die Erinnerung an die Grausamkeiten der Vergangenheit mit der Sorge, Hass und Gewalt könnten im 21. Jahrhundert wieder aufleben – ein Szenario, das noch vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre.

Mehr zum Thema – Bewahrung der Erinnerung an WWII: Putin und Xi sehen besondere Verantwortung ihrer Länder



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Tags: GedenkengegenwärtigenNankingMassakerSpannungenüberschattetvon
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